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Die tägliche Risikobilanz

von , am
12.03.2013

Pferdefleisch in der Lasagne, Bio-Eier-Betrug - Verbraucher sind verunsichert. Doch es gibt auch gute Gründe für die Meinung, dass Lebensmittel noch nie so sicher waren wie heute.

Der Altherrenverband des Thaer Seminars hatte eingeladen (v. l.): Kerstin Letzius, Joachim Soltau (Vorstand), Vorsitzender Hans Heitzhausen, Dr. Gaby-Fleur Böl (BfR), Dr. Henning Lüders, stellvertretender Leiter der Albrecht-Theaer-Schule, Vorstandsmitglied Friedrich Börstling. © True

Die Überlegung "Was kann ich noch sorglos auf den Tisch stellen?" wird zur täglichen Risikobilanz, das Vertrauen in Hersteller und Produkte schwindet. Und das zu Unrecht, wie Dr. Gaby-Fleur Böl, Leiterin der Abteilung Risikokommunikation des Bundesinstituts in Berlin (BfR), auf Einladung des Altherrenverbandes des Thaer-Seminars in Celle formuliert. "Lebensmittel sind heute sicherer denn je."

Mit Verbrauchern richtig kommunizieren

Böl führt die oft vorhandene Verunsicherung auch auf eine grundsätzliche Skepsis gegenüber chemischen Formeln zurück: "Je chemischer Sie fragen, desto besorgter sind die Antworten." So sprachen sich 75 Prozent der Europäer dafür aus, Dihydrogenmonoxid zu reglementieren oder zu verbieten.

Dihydrogenmonoxid ist die Formel für Wasser: "Die Menschen sind nicht dumm, sondern die Kommunikatoren haben nicht gut gearbeitet." Auf dieser Basis des Nichtwissens trifft der Verbraucher einsame Entscheidungen an der Ladentheke.

Meldungen zu Nitrat in Rucola führen zu gänzlichem Verzicht auf Salat, Bilder von Nematoden im Fisch zu tagelangem Verzehr von Bratwurst. "Nematoden sind zwar eklig anzusehen, aber höchstens zusätzliches Eiweiß, nicht gesundheitsschädlich." Die Bratwurst teilweise schon - Böl weist in ihrem Vortrag mehrfach auf das gesundheitliche Risiko durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen hin.

Die subjektive Risikowahrnehmung wird erheblich von den Medien beeinflusst. So bewertet Böl den Skandal um Dioxin in Eiern und Schweinefleisch im vergangenen Jahr als mediale Krise. Ein Säugling, der sechs Monate gestillt werde, nehme deutlich mehr Dioxin auf, als jemand, der die betroffenen Lebensmittel in größeren als üblichen Mengen verzehrt habe. "Die Dosis macht das Gift."

Gefährlich -oder doch nicht?

Was aber ist wirklich ein Risiko? Um dies im Alltag immer wieder neu bewerten zu können, benötigt der Verbraucher sachliche Infos - eine offene und transparente Risikokommunikation. "Es geht nicht darum, zu verharmlosen, sondern die Dimensionen zu erklären."

Dr. Gaby-Fleur Böl sieht hier die Wissenschaft in der Pflicht. "Werden die Menschen abgeholt, wo sie stehen", ist der Blick frei auf wirkliche und oft unterschätzte Risiken.
Und zu denen zählt die Expertin vom BfR vor allem Gefahren, die im trauten Heim lauern: Verkeimte Schwämme und Lappen in der Küche, eine nicht sachgerechte Zubereitung von rohem Hackfleisch, der sorglose Umgang mit Antibiotika oder mit natürlichen Inhaltsstoffen in Lebensmitteln wie Estragol und Methyleugenol in Gewürzen oder Kräutern.

Als gesundheitliches, aber oft unterschätztes Risiko bewertet Böl auch Schimmelpilzgifte wie Aflatoxine, "die kausal Leberkrebs verursachen" und nun in Futtermitteln gefunden worden sind. "Wird dafür jemand juristisch geahndet, halte ich das für angemessen."

Informationen zu Einschätzungen des BfR zu aktuellen Krisen - wie die Verunreinigung von Futtermitteln mit Aflatoxinen sowie zu anderen Risiken durch natürliche Inhaltsstoffe in Nahrungsmitteln - finden Sie online unter www.bfr.bund.de
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