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Familie

Warten lernen will gelernt sein

von , am
11.12.2013

Wann sind wir da? Wann kommt denn endlich der Weihnachtsmann? Für die Kleinen ist das Warten oft eine große Herausforderung. LAND & Forst-Autorin Karin Vorländer gibt Tipps, wie Kinder Geduld lernen können.

Wie lange dauert es denn noch bis der Weihnachtsmann kommt? Warten ist gar nicht so einfach. Doch ein paar Tricks gibt es, das Wartenkönnen zu lernen. © muro/fotolia
Noch sechs Stunden bis zur Bescherung. Für Nico (4) und Lena (6) will die Zeit einfach nicht vergehen. "Wie lange noch?" fragen sie zum wer-weiß-wievielten Mal. Mamas Antwort: "Bis der kleine Zeiger der Uhr auf der sechs steht", hilft ihnen gar nicht. Denn dazu fehlt ihnen die Zeit-Vorstellung. "Wir essen gleich und danach könnt ihr doch noch ein bisschen raus gehen", schlägt Mama vor. Aber danach ist der Nachmittag immer noch endlos lang. Gut, dass Papa erlaubt, im Fernsehen eine "Wir-warten-auf-das-Christkind"-Sendung zu sehen. Das lenkt ab und vertreibt die Zeit ein bisschen.

Auch im ganz normalen Alltag müssen Kinder unendlich oft warten. Warten, bis Mama oder Papa zu Ende telefoniert haben. Warten, bis das Essen fertig ist, wo doch der Hunger so groß ist. Warten, bis man an der Reihe ist, wo man doch unbedingt etwas Wichtiges sagen will. Warten, bis die lange Autofahrt endlich zu Ende ist. Warten, Warten, Warten…

Das Urvertrauen richtig fördern

Willensstärke, Selbstkontrolle und Geduld sind keineswegs unbeeinflussbare, angeborene Eigenschaften, die man mitbekommen hat oder eben auch nicht. Die Grundlage dazu wird vielmehr in den ersten Lebensmonaten gelegt. Das betont Diplompsychologe Ulrich Gerth, Leiter der Caritas Beratungszentrums St. Nikolaus in Mainz: "So paradox es klingt: Wichtig ist, dass ein Kind in den ersten Lebensmonaten, in denen es einfach noch nicht warten kann, auch nicht warten muss."

Wenn ein Kind erlebt, dass seine überlebenswichtigen Bedürfnisse nach Nahrung, Wärme, Kontakt und Geborgenheit zuverlässig und schnell erfüllt werden, entwickelt es Urvertrauen und eine sichere Bindung. Es lernt: Ich kann mich auf meine Eltern verlassen, ich muss nicht endlos und ohne Hoffnung warten. Die Bereitschaft und Fähigkeit zu warten, hängt also wesentlich von der Verlässlichkeit der Bezugspersonen ab.
Kinder, die gelernt haben, dass sie sich auf die Versprechen Erwachsener verlassen können, können länger warten als solche, deren Vertrauen zuvor immer wieder  enttäuscht wurde.

Schritt für Schritt das Warten lernen

Für Ulrich Gerth bedeutet das allerdings nicht, dass Eltern jedes Bedürfnis beim ersten "Piep" ihrer Sprösslinge sofort erfüllen  müssen. Hieß es früher, dass Kinder auch mal schreien müssten, da sie sonst „verwöhnt“ würden, sieht er heute die Gefahr, dass Eltern sich unter Perfektionsdruck stellen und ihren Kindern Wartezeiten nicht mehr zumuten. "Vertrauen Sie ihrem Gefühl dafür, wie sie kleine zumutbare Wartezeiten Stück für Stück erweitern", rät er. "Je älter das Kind ist, desto mehr kann man ihm zumuten", so der Diplompsychologe.

Für Kinder bis zum 3. Lebensjahr sind lange Wartezeiten schlicht eine Überforderung. "Wenn sie ungeduldig quengeln, so tun sie das nicht, um zu nerven, sondern weil der Reiz des Wollens in ihrem Gehirn sehr stark ist", erklärt Erzieherin Nadine Hagen die neurobiologische Voraussetzungen für die Fähigkeit, Bedürfnisse zumindest zeitweise aufzuschieben.

Erwachsene müssen Zusagen einhalten

Erst ab vier Jahren können sich Kinder allmählich vorstellen, was andere denken und fühlen. Für kurze Zeit können sie auf etwas verzichten, wenn sie verstehen warum. Eine Erklärung, wie "Du bist jetzt ungeduldig. Aber ich muss und möchte erst zu Ende telefonieren. Gleich habe ich Zeit", kann helfen, Wartezeiten zu ertragen. Auch dabei ist wieder die Verlässlichkeit der Eltern wichtig. "Wenn das Kind die Erfahrung macht, dass danach doch erst noch die E-Mails bearbeitet werden, wird es sich auch zukünftig mit dem Warten schwer tun."

Etwa mit zwei Jahren fangen Kinder an, etwas mit Zeitbegriffen wie "gestern", "morgen" oder "später" zu verbinden. Auch das Wörtchen „gleich“ wird verstanden. Vorausgesetzt, die Eltern benutzen es nicht zu oft und für immer unterschiedliche Zeiträume. Wenn "gleich" stets einen Zeitraum von bis zu fünf  Minuten meint, wird das Kind diese Wartezeit aushalten.

Dennoch ist Warten für Kinder genau wie für Erwachsene keine angenehme Erfahrung. Kein Wunder, dass sie auch mal "sauer" oder mürrisch sind und das auch zeigen. "Verlangen Sie nicht, dass ihr Kind mit glücklichem Gesicht wartet", ermutigt Ulrich Gerth Eltern, die Ungeduld ihrer Kinder auszuhalten und zu riskieren, dass ein  Kind seine Frustration auch zeigt. Nicht selten hilft in solchen Situation eine Prise elterlicher Humor oder eine Ablenkung mit einer anderen Aktivität.

Auch Eltern müssen das Warten lernen

Nicht nur Kinder müssen warten. "Auch Eltern müssen auf ihre Kinder warten können und sich auf deren ganz eigenes Tempo einstellen", gibt Ulrich Gerth zu bedenken. Kinder brauchen die Möglichkeit, das zu Ende zu bringen, womit sie gerade beschäftigt sind. Ankündigungen wie: "Das Essen ist gleich fertig, dann rufe ich dich", helfen Kindern, sich auf das Geschehen und die Zeitabläufe einzustellen.

Elterliche Geduld ist auch gefragt, wenn ein Kind sich etwa "alleine" anziehen will, obwohl das mit Hilfe der Eltern viel schneller ginge. Eltern, die selbst hektisch und unter Zeitdruck stehen, machen es Kindern schwer, geduldig zu sein. Kinder sind eben auch in dieser Hinsicht wie ein Spiegel. Wie soll ein Kind Geduld und Rücksicht lernen, wenn es beim Autofahren eine Mutter erlebt, die lautstark auf den "Schleicher" vor ihr schimpft? Oder wie soll es lernen, den Hunger auch mal eine Zeitlang auszuhalten, wenn die Erwachsenen jederzeit an den Kühlschrank gehen.
Wichtig ist auch eine Tischkultur, in der man mit dem Essen gemeinsam beginnt. "Solche Rituale sind hilfreich. Eltern können mit ihnen schon früh beginnen, auch wenn das Kind sie noch nicht versteht. Es wird hineinwachsen", betont Ulrich Gerth.
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