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Nicht die Hände in den Schoß legen

von , am
09.10.2013

Nach Erhebungen des Pflanzenschutzamtes ist in ganz Niedersachsen derzeit nur eine geringe Feldmausaktivität zu verzeichnen. Eine erneute massenhafte Vermehrung ist aber zu erwarten.

Die Feldmauspopulationen sollten gerade jetzt, wenn die Wintersaaten auflaufen, ständig kontrolliert werden. © Lauenstein
Damit muss auch jetzt wieder gerechnet werden. Aus Thüringen und Sachsen-Anhalt wird z. B. schon wieder von ersten Befallszunahmen berichtet. Auch in Niedersachsen ist im Herbst 2014, spätestens 2015, mit höheren Dichtewerten und im Jahr darauf mit Massenvermehrungen zu rechnen, deren Stärke sich allerdings noch nicht absehen lässt. Es ist darum sinnvoll, sich auch in Zeiten trügerischer Ruhe mit den Nagern zu befassen.

Befallsleistungen

Nach den Ergebnissen ausgewählter buchführender Betriebe und ergänzenden Erhebungen verursachten Feldmäuse allein 2007 in Deutschland in allen Kulturen Schäden von mehr als 700 Mio. Euro. Die größten finanziellen Verluste entstanden in Kulturen mit hohem Deckungsbeitrag wie z. B. dem Winterweizen, dessen Erträge um bis zu 80 % gemindert wurden. Feldmäuse sind in Plagejahren in Befallsgebieten zweifellos bedeutende Schädlinge. Sie sind durch charakteristische biologische Fähigkeiten zu auffälligen Befallsleistungen befähigt. Dazu zählen:

Kurze Trächtigkeitsdauer von etwa 20 Tagen,
Frühe Geschlechtsreife der Jungtiere. Eine "Säuglingsträchtigkeit" ist möglich,
Weibchen können noch am Tage der Geburt neu gedeckt werden,
hohe Nachkommenzahl je Wurf von durchschnittlich sieben Jungtieren,
lange Vermehrungsphase von März bis November, unter günstigen Umständen auch im Winter.

Die jeweiligen Standortbedingungen nehmen offenbar starken Einfluss auf die Dichteentwicklung. Feldmäuse kommen in allen Bereichen von leichten Sandböden bis hin zu schwersten Schluffböden vor. Von Bedeutung sind dabei offenbar die vorkommende Vegetation und damit die lokale landwirtschaftliche Nutzung sowie die Witterung. Die höchsten Dichten (und Schäden) werden in großräumigen Grünland- und Ackersteppen eingestellt, die niedrigsten in "aufgelockerten" Räumen mit viel Baumbewuchs ("Parklandschaft").

Einen gut geeigneten Primärbiotop-Raum stellen z. B. die großen zusammenhängenden Grünlandgürtel im norddeutschen Küstenraum dar, wo die Feldmäuse regelmäßig alle drei bis vier Jahre in Massenvermehrungen unterschiedlicher Schwere eintreten. Wegen der wirtschaftlichen Bedeutung der hohen Schäden haben sich in letzter Zeit allerdings besonders die "Getreidesteppen" in Thüringen, Sachsen-Anhalt und im Süden Niedersachsens in den Vordergrund geschoben, wo teilweise massive Massenvermehrungen abgelaufen sind.

Jede Nutzungsform, die den Feldmäusen das (mehrjährige) Überleben erlaubt wie z. B. Brache, Minimalbodenbearbeitung, Dauergrünland, Ackerrandstreifen, Böschungen usw., erhöht die Schadenswahrscheinlichkeit auf der Fläche und in ihrer Umgebung sowie die Überlebens- und Fortpflanzungsrate der Mäuse.

Die politisch gewollte und ökologisch sinnvolle Vernetzung von Streifenhabitaten (kleinräumigen Primärbiotopen) zur Förderung geschützter Arten fördert natürlich auch die Ausbreitung und das Überleben der Feldmäuse. Seitdem es nicht mehr zulässig ist, mit Gras bewachsene Böschungen, Knicks, Straßenbermen ("Saumbiotope"), die meisten Brache- und Ödlandflächen, Grundflächen von Windanlagen usw. bei der Feldmausbekämpfung mit zu behandeln, bieten sich für die Schadnager überall und länderübergreifend vernetzte primäre Überlebensräume, in denen sie sich ausbreiten können.

Ab Spätsommer beginnen die Tiere, Wintervorräte einzutragen. Dieses Verhalten beeinflusst durchaus den Erfolg der Herbst-Bekämpfung mit Ködern, die zwar schnell eingetragen, aber eben erst mit zum Teil mehrwöchiger Verspätung gefressen werden. So wird bisweilen der irrtümliche Eindruck erweckt, dass Bekämpfungsmaßnahmen erfolglos seien oder nur geringe Wirkungsgrade entfalteten. Versuche haben dagegen gezeigt, dass eingetragene Köder noch über Wochen ihre Wirksamkeit behalten und der angestrebte Effekt nur mit Verzögerung eintritt.

Sichere Prognosen

Ganz entscheidend für die gezielte Bekämpfung der Feldmäuse und damit für die Ertragssicherung ist die Frage der Prognose der Massenvermehrungen. Wirtschaftlich bedeutende Feldmausplagen können jahrelang ausbleiben, um dann plötzlich wieder aufzutreten. Das bedeutet nicht, dass die Feldmäuse nicht ständig vor Ort vorkommen oder gar ganz verschwinden.

Im Gegenteil, sie kommen ständig in allerdings geringeren Zahlen vor und durchlaufen auch die typischen Zyklen, allerdings auf niedrigem Niveau. Es ist also wichtig, möglichst frühzeitig zuverlässige Hinweise zur Stärke kommender Befallszunahmen zu haben. Entwicklungsarbeiten zu geeigneten Prognosemethoden laufen derzeit beim Julius-Kühn-Institut (JKI).

Die Pflanzenschutzdienste der besonders betroffenen Länder sind übereingekommen, ständig und flächendeckend Befallserhebungen durchzuführen. Neben diesen dann im Warndienst veröffentlichten regionalen Daten bleibt für die Praxis die Überwachung der eigenen Flächen als Grundlage für die Bekämpfungsentscheidung besonders wichtig. Denn es hat sich erwiesen, dass selbst benachbarte Flächen unterschiedliche Befallsstärken aufweisen können. Dabei ist zu bedenken, dass der durch Feldmäuse verursachte Ertragsausfall eine Funktion von Kultur (Wert, einjährig/mehrjährig), Befallszeitpunkt, Befallsdauer, Befallsstärke und der Kompensationsfähigkeit (Raps z. B. kann Fraßschäden besonders gut ausgleichen) des Bestandes ist.

Rolle der Greifvögel

Es gibt natürliche Begrenzungsmechanismen. So üben selbstverständlich Fressfeinde einen Einfluss auf die Dichte der Feldmäuse aus, weil sie der Population Individuen entnehmen. Sie greifen aber in erster Linie geschwächte oder kranke Tiere und erhalten so im Gegenteil die Population vital. Es kommt auch auf den Zeitpunkt der Einwirkung an: je niedriger die Feldmausdichte, desto größer ist die Auswirkung der Entnahme von Beutetieren, die sich dann nicht mehr vermehren können und umgekehrt. Es wird aber stets bei einer Massenvermehrung ein Punkt erreicht, zu dem die Vermehrungsleistung der Feldmäuse die Fraßleistung der Feinde übertrifft; anschließend wird diese "Schere" immer größer.

Letztlich widerspricht die Erwartung, dass Populationen von Beutetieren von natürlichen Feinden entscheidend dezimiert oder getilgt werden, auch den biologischen Prinzipien, weil sich die natürlichen Feinde so selbst die Nahrungsgrundlage entziehen würden.
Bei besonders stark befallenen Flächen, deren Wirtschaftlichkeit deswegen nicht mehr gegeben ist, kann Pflügen/Grubbern bei Arbeitstiefen von über 15 cm den Befall um 80 % bis 90 % mindern. Das ist allerdings eine Extremlösung für Ausnahmefälle.

Bleibt die Anwendung von Rodentiziden, also Pflanzenschutzmittel zur Bekämpfung von Nagetieren. In diesem Bereich haben sich aber erhebliche Zulassungs- und damit rechtliche Probleme ergeben. Zugelassen sind derzeit 16 verschiedene Mittel zu Feldmausbekämpfung. Das schließt z. B. die umsatzstarken Handelspräparate "Ratron Giftlinsen", "Ratron Giftweizen" oder "Segetan-Giftweizen" ein. Die Tatsache, dass letztlich nur ein Wirkstoff zur Verfügung steht, ist eine bedenkliche Situation.

Alle zugelassenen Präparate tragen den Wirkstoff Zinkphosphid, ein Akutgift (=die Wirkung setzt nach einmaliger Aufnahme ein), das im Körper die giftige Aktivsubstanz Phosphorwasserstoff entwickelt. Diese Präparate dürfen wegen der hohen Giftigkeit nur verdeckt ausgebracht werden, um andere Arten zu schützen. Das schränkt ihre Anwendbarkeit ein, weil sie lediglich z. B. mit Legeflinten in die Nester hinein eingebracht oder in Köderstationen wie Drainageröhren oder in Plastik-/Papprohren usw. angeboten werden dürfen. (Der Einsatz zugelassener Papprohre mit eingeklebten Ködertütchen hat sich bisher nicht bewährt.) Eine arbeitswirtschaftlich zwar wünschenswerte Ausbringung z. B. mit Schleuderstreuern ist auf Ackerland aus toxikologischen Gründen strikt verboten.
Gute Resultate wurden bei Versuchen in Sachsen-Anhalt und Thüringen mit ein- und mehrscharigen "Feldmauspflügen" erzielt, die schleppergezogen künstliche unterirdische Gänge anlegen, in die die Zinkphosphidköder geschwindigkeitsabhängig dosiert und verdeckt abgelegt werden. Die Geräte sind wegen deutlich höherer Arbeitsleistung im Vergleich zur Ausbringung von Hand besonders für die Randbehandlung von Flächen  geeignet.

Ausnahmeanträge

Das Pflanzenschutzgesetz lässt z. B. den Ländern auch die Möglichkeit, bei besonders katastrophalen Befallssituationen bei der Zulassungsbehörde Ausnahmeanträge zur begrenzten Anwendung anderer Präparate (z.B. mit dem bewährten Wirkstoff Chlorphacinon) zu stellen. Erfahrungsgemäß ist das außerordentlich schwierig und zeitraubend; die bisherigen Ausnahmegenehmigungen betrafen nur zeitlich und mengenmäßig beschränkte Anwendungen. Man sollte hier nicht zu viel erwarten.

Darum müssen mögliche Befallsflächen und ihre Umgebung von den Bewirtschaftern überwacht werden. Zeichnet sich bis zur Zeit der Ernte/Neubestellung eine nennenswerte Steigerung der Dichte ab, sollte zunächst die Zuwanderung durch eng gestellte permanente Köder-Stationen im Bereich des Vorgewendes/Feldrandes, Ausbringung der Köder mittels Legeflinten oder Einsatz von Feldmauspflügen abgefangen werden.

Bei weiter steigendem Befall sollten die Kolonien ebenfalls durch verdeckte Ausbringung abgestellt werden. Befragen Sie vor der Anwendung die Mitarbeiter des zuständigen Pflanzenschutzdienstes zu möglichen Änderungen in der Zulassungssituation!
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