Login
Getreide

Ideale Bedingungen für Mutterkorn

von , am
21.08.2013

Mutterkorn tritt in diesem Jahr in Niedersachsen vermehrt auf, im Vergleich zu den Vorjahren insbesondere in östlichen Getreidebeständen. Wie sollten Landwirte am besten reagieren?

Durch die für den Pilz optimalen Witterungsbedingungen während der Getreideblüte ist es regional zu einem größeren Mutterkornbefall gekommen. © Steinfeld
Zunächst gab es Meldungen über massives Vorkommen von Mutterkorn in Schilfgras an der Nordseeküste. Dann stellten Berater der LWK Niedersachsen  in den vergangenen Wochen im Rahmen der Schaderregerüberwachung einen im Vergleich zu den Vorjahren häufigeren Befall durch den Pilz auch im Osten des Landes in Roggen, Weizen und Triticale fest. Diese Regionen waren von den ausgiebigen Niederschlägen im Mai besonders betroffen.

Mutterkorn ist die Überdauerungsform des Pilzes Claviceps purpurea, der sich in den Fruchtanlagen von Getreide und Gräsern entwickelt. Mutterkörner enthalten Alkaloide, die in hohen Konzentrationen aufgenommen, zu Vergiftungserscheinungen führen können. Von den Getreidearten werden vor allem Roggen und Triticale, seltener auch Weizen oder Gerste befallen. An Stelle eines Korns wird nach einer Infektion ein dunkelviolett bis schwarz gefärbtes, hornförmiges Mutterkorn ausgebildet, das aus der Ähre herausragt. Seine Größe reicht von wenigen Millimetern bis zu 6 cm, wobei Roggen-Mutterkörner üblicher Weise größer und schmal, die von Weizen und Gerste klein sind. Claviceps purpurea befällt einen sehr großen Wirtspflanzenkreis und kommt auf Getreide sowie über 400 Gräserarten vor.

Typische Dauerkörper

Ein Großteil der Mutterkörner fällt bereits vor der Ernte aus. Im Allgemeinen überleben Mutterkornsklerotien im Feld nur bis zur nächsten Vegetationsperiode. An der Boden-
oberfläche keimen sie im Frühjahr aus und stoßen bei hoher Luftfeuchtigkeit Sporen aus, die mit dem Luftstrom auf die unbefruchtete Narbe von früh blühenden Gräsern oder ersten Getreideblüten gelangen. Die Primärinfektionen werden gesetzt.

Sechs bis zehn Tage nach der Primärinfektion hat der Pilz den Fruchtknoten durchwachsen und bildet Konidiosporen in großer Zahl aus, die mit dem Honigtau aus der Blüte heraustreten. Dieser wird durch Herabtropfen, Reiben der Ähren aneinander, Regenspritzer oder Insekten im Pflanzenbestand verbreitet. Es kommt dann zu Sekundärinfektionen. Aus primär und sekundär infizierten Fruchtanlagen entwickeln sich innerhalb von vier bis sechs Wochen die typischen Dauerkörper - die Mutterkörner.

Wesentlich für den stärkeren Befall in diesem Jahr war die Witterung im Frühjahr, die die Entwicklung und die Infektionsbedingungen des Schadpilzes begünstigte. Das anhaltend kühl-feuchte Wetter verlängerte die Blühperiode bei Gräsern und Getreide und bot dem Pilz ideale Voraussetzungen zu Wachstum, Sporenbildung und Infektion. Da der Pilz nur geöffnete, noch unbefruchtete Blüten infizieren kann, führt eine verlängerte Blüte im Bestand zu verstärkten Infektionen. Aus diesem Grund wird der Fremdbefruchter Roggen stärker als die übrigen eher geschlossen abblühenden Getreidearten befallen.

Das Infektionsrisiko ist zudem in Getreidebeständen mit geringer Pflanzenzahl und einer dadurch ungleichmäßigen Blüte erhöht. Blühende Wildgräser an Feldrändern sowie eine Verungrasung im Schlag selbst können von Claviceps purprea als Zwischenvermehrung genutzt werden. So konnte auf befallenen Weizenschlägen häufig auch ein starker Besatz mit Ackerfuchsschwanz beobachtet werden. Randpflanzen auf der windzugewandten Seite eines Feldes und Nachschosser sind aufgrund von Pollenmangel zum Zeitpunkt ihrer Blüte besonders vom Mutterkornbefall betroffen. Das wird durch die Beobachtungen aus diesem Jahr zu stärkerem Auftreten am Feldrand und in den Fahrgassen bestätigt.

Anfälligere Sorten

Zwischen den Roggensorten bestehen erhebliche Unterschiede in der Widerstandfähigkeit gegen den Erreger des Mutterkornbefalls. Unter den Hybridsorten werden durch das Bundessortenamt sowohl einige ältere, als auch neue, im Ertrag starke Sorten als mittel- bis hoch anfällig eingestuft. Das Problem liegt hier zunächst in einer geringen Pollenschüttung und damit verzögerten Befruchtung.

Dem kann man durch eine bis zu 10 %-ige Zumischung von Populationssorten entgegenwirken, die gleichzeitig die Befruchtung absichert. Ähnliche Effekte kann man erzielen, wenn man zumindest in den kritischen Randbereichen eine Populationssorte oder gering anfällige Hybridsorte aussät.

Der Schaden bei Mutterkornbefall entsteht weniger durch die unmittelbaren Ertragsverluste als vielmehr durch die giftigen Alkaloide in den Dauerkörpern. 5 bis 10 g Mutterkorn können bereits zu ernsthaften Vergiftungen führen. Deshalb gilt für die Vermarktung von Konsumgetreide eine Höchstgrenzen von 0,05 % und für Futtergetreide von 0,1 % Gewichtsanteil Mutterkorn.

Um Probleme bei der Vermarktung zu vermeiden (Abzüge für Schwarzbesatz ab 1,1 %, Höchstwert 3 %) besteht die Möglichkeit, schon vor und während des Mähdruschs auf die Qualität des Erntegutes Einfluss zu nehmen. Wenn in bestimmten Teilen des Schlages das Aufkommen von Mutterkorn erhöht ist, z.B. in den Fahrgassen oder am Rand, lohnt es sich, diese Bereiche beim Drusch und in der Verwertung gesondert zu behandeln.

Sorgfältig reinigen

Da die Sklerotien des Mutterkorns leichter sind als das Erntegut, kann während der Ernte durch entsprechende Einstellungen am Drescher eine erste Reinigung erfolgen. Dafür empfiehlt es sich, das Getreide ausreichend abgereift und bei trockenem Wetter zu ernten.

Um die vorgegebenen Grenzwerte für Futter und Konsumgetreide einhalten zu können, ist in der weiteren Aufbereitung des Erntegutes eine entsprechend sorgfältige Reinigung vorzunehmen. Die Auslese erfolgt aufgrund des Gewichts- und Farbunterschiedes zum gesunden Getreidekorn. Stark befallene Partien müssen meist mehrmals gereinigt werden. Je nach Ausstattung erfolgt die Reinigung über verschiedene Siebe, Tischausleser, Gewichtsausleser, Trieure und Farbausleser.

Um das Infektionsrisiko mit Mutterkorn für das nächste Jahr möglichst gering zu halten, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Bei Nachbau von Getreide auf Flächen, die in diesem Jahr Befall gezeigt haben, ist der Mutterkornausfall ausreichend tief einzuarbeiten (tiefer als 4 cm), damit der Pilz beim Auskeimen aus dem Mutterkorn nicht die Ackeroberfläche erreicht. Es ist auf die Verwendung mutterkornfreien Saatgutes zu achten. Hohe Sicherheit bietet zertifiziertes Saatgut, für das in der Anerkennung im Feld strenge Befallsgrenzen bestehen.

Sortenwahl und optimale Saatstärke können dazu beitragen, eine frühe, einheitliche und kurze Blühdauer zu erreichen. So wird die Zeitspanne für eine mögliche Infektion verkürzt. Auch das konsequente Bekämpfen von Ungräsern im Getreidebestand sowie das Mähen der Feldränder vor der Gräserblüte verringern die Infektionsgefahr. Die Möglichkeit der Bekämpfung von Mutterkornbefall durch eine Fungizidapplikation besteht nicht.
Auch interessant