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"Die Preise werden kaputt geredet"

von , am
10.09.2014

Die internationale Leitmesse für die Kartoffelwirtschaft, die Potato Europe, ist auch in diesem Jahr wieder ihrem guten Ruf gerecht geworden. Und das trotz schlechter Branchenstimmung.

Die Maschinenvorführungen lockten die Kartoffelanbauer in Scharen an. Nur auf der PotatoEurope kann die komplette Technik im Einsatz miteinander verglichen werden. © Raupert

Rund 10.000 Besucher aus dem In- und Ausland strömten auf das südlich von Hannover gelegene Veranstaltungsgelände in Bockerode bei Springe. Die Bauern sind zwar auch enttäuscht über das Preisniveau für ihren Rohstoff. Da sie aber dieses Auf und Ab der Notierungen kennen, nehmen sie es gelassener hin als manche erwartet haben. Nach vier Jahren mit auskömmlichen bis sehr guten Preisen war allen klar, dass bei schon bei einer normalen Ernte in ganz Europa der Mengendruck zum Preisverfall führen wird. Am meisten leiden werden die Neueinsteiger, die mangels Verträgen mit Niedrigstpreisen leben müssen.

Die hohen Vorjahrespreise haben eine ungünstige Entwicklung eingeläutet. Das Exportgeschäft wurde 2013 von anderen Marktteilnehmern zu niedrigeren Preisen wahrgenommen. Den deutschen Anbauern waren die Preisforderungen nicht hoch genug. Dieses aus Vermarktungssicht negative Verhalten wirkt nun nach. Mühsam eroberte Vermarktungswege sind durch den Verkaufsverzicht wieder z.B. an die Franzosen verloren gegangen. Wer am Markt bleiben will, muss eben auch mal für kleine Preise den Export bedienen. Auch die von vielen erwartete hohe Exportnachfrage aus Russland blieb 2013 aus. Dazu kam, dass der hohe Preis im vergangenen Jahr auch den Verbrauch frischer Kartoffeln gebremst hat.

Umgekehrt haben die hohen Erzeugerpreise dafür gesorgt, dass sowohl die ausländischen Frühkartoffelanbaugebiete als auch die deutschen und belgischen Anbauer ihre Flächen deutlich um 8 bis 10 % erhöht haben. Das sehr frühe Jahr 2014 hat die Lage noch verschärft, weil die ersten eigenen Frühkartoffeln noch auf die alterntige Ware trafen. Die ursprünglich so kleine Ernte 2013 belastete somit gleich die neue Ernte, mit der Folge, dass die alten Kartoffeln auch in Biogasanlagen wanderten.

Während in den vergangenen Jahren Vertragsware oft preislich nicht mit den Höchstnotierungen mithalten konnte, ist es aufgrund der veränderten Ausgangslage in diesem Jahr umgekehrt. Alle Anbauer, die ihren Rohstoff preislich abgesichert haben, dürfen sich nun über halbwegs kostendeckende Erlöse freuen. Andere, die auf hohe Preise spekuliert haben und ihre Anbaufläche entgegen den Ratschlägen ausgeweitet haben, sitzen nun auf riesigen Übermengen, die irgendwo auf dem freien Markt zu niedrigsten Erlösen losgeschlagen werden müssen.

Das Besondere an der Kartoffelernte 2014 ist, dass alle Anbauregionen in Europa gute bis sehr gute Ernten einbringen werden. Es entsteht somit kein Druck, Ware aus anderen Regionen einzukaufen. Alle Länder sind erst einmal gut eingedeckt, was natürlich eine Überschussregion wie Niedersachsen, in der nahezu 50 % der gesamten Kartoffelernte Deutschlands produziert werden, viel härter trifft als andere. Im Gegensatz zu anderen Jahren haben auch die Anbauer hervorragend geerntet, die auf schwächeren Standorten ohne Beregnung produzieren. Das belastet den Markt zusätzlich.

Unsichere Aussagen

Erstaunlich ist aber zum jetzigen Zeitpunkt schon, wie schlecht die Stimmung in der Branche ist. Experten heben zwar warnend den Finger, da die Haupternte erst anläuft und ernsthafte Ertragsprognosen zur Menge und Qualität schnell verworfen werden können. Da zurzeit wenig Mengen gehandelt werden, stünde hinter den schlechten Prognosen und Preisen noch keine physische Ware, betont z. B. Dieter Tepel, Präsident des Kartoffel-Handelsverbandes. Momentan werde der Markt nur kaputt geredet, ohne dass hinter den Aussagen physische Ware stehe. Tepel stellte klar, dass zurzeit keiner wisse, wie hoch die Ernte tatsächlich ausfalle. So sei es längst noch nicht sicher, ob es wie gemutmaßt 12 Mio. t werden.

Außerdem könne auch noch nichts über die Qualität gesagt werden. Viele Regionen hätten sehr hohe Niederschläge gehabt, und die Dämme hätten lange Zeit im Wasser gestanden. Die Anbauer, die schlechtere durchnässte Parzellen nicht von vornherein aussortieren und diese belasteten Kartoffeln mit ins Großlager transportieren, würden ein hohes Risiko eingehen. Dort könnte schon bald der Fäuleprozess große Teile des Lagers zerstören.

Nichtsdestotrotz herrscht angesichts von Notierungen in Höhe von 1 bis 2,50 €/dt für freie Veredlungsware und 8,00 bis 10,00 €/dt für Speisekartoffeln eine schlechte Stimmung im Markt, da sich die Notierungen deutlich unter den Gestehungskosten bewegen. Freie Kartoffeln finden kaum Abnehmer und werden oft verfüttert und in Biogasanlagen verwertet. Einziges Ventil für diese Ware scheint momentan die Stärkeindustrie zu sein, die die Gunst der Stunde nutzt und sich reichlich mit dem günstigen Rohstoff eindeckt.

Druck hält lange an


Auf der Vortragsveranstaltung in Bockerode wurde zudem berichtet, dass die große Ernte auf einen eng begrenzten Lagerraum trifft. Übermengen und qualitätsbelastete Partien werden noch über Monate Angebotsdruck erzeugen. Die Empfehlung der Experten lautete, nur sichere und gesunde Kartoffeln ins Lager zu nehmen. Kartoffeln von Vorgewenden oder aus Senken sollten sofort abgestoßen werden. Problempartien und Übermengen sollten nicht eingelagert werden, da solche Ware keinen Markt finden werde. Trotz der Preismisere sollte man sich dem Markt stellen.

Aufgrund der hohen Erntemengen scheint aus heutiger Sicht keine Preiserholung bis zum Frühjahr möglich zu sein. Die Hoffnung auf anziehende Notierungen besteht dennoch, vielleicht auch erst ab Mai 2015. Im Durchschnitt des Jahres werden für Speisekartoffeln zwischen 7,00 bis 11,00 €/dt erwartet, am Ende der Kampagne für beste Ware auch 13,00 €/dt. Exportmärkte können im Wettbewerb mit anderen Anbauregionen in Europa wohl nur bedient werden, wenn die Preise unter den inländischen Notierungen liegen. Drillinge dürften 2014 knapp sein.

Auch der Verarbeitungsmarkt wird sich in den nächsten Monaten kaum erholen, weil zuerst schwächere Partien auf den Markt drängen. Der Preis für Verarbeitungskartoffeln könnte von November bis Juni zwischen 5,00 bis 8,00 €/dt liegen, hieß es in Bockerode. Schwächere Qualitäten auch darunter. Auch hier besteht die Hoffnung, am Ende der Saison höhere Preise zu erzielen.

Neben den negativen Stimmen gibt es aber auch positive Signale. Jörg Eggers, Geschäftsführer von Europlant, liest aus dem Markt einen Zuwachs im Konsum von Frischware ab. Auch die Industrie nehme mehr Ware ab. Außerdem sei es immer wieder zu beobachten, dass bei großen Ernten auch größere Mengen anders als geplant vermarktet werden. So könnten auch wieder vermehrt Großverbraucher den Ansatz ankurbeln, weil die Kartoffeln im Gegensatz zum Jahr 2013 wieder preislich mit anderen Konkurrenzprodukten mithalten könnten.
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