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Rodentizideinsatz: Auswirkungen auf die Praxis nicht bedacht

von , am
01.10.2015

Kommentar - Rodentizide zur Rattenbekämpfung sind gemäß den EU-Vorgaben keine Pflanzenschutzmittel mehr, sondern Biozide. Dadurch haben sich die Zuständigkeiten bei der Zulassung geändert. Das schafft Probleme für den Anwender.

Prof. Dr. Gerhard Lauenstein © Uni Gießen
Rodentizide zur Ratten- und Hausmausbekämpfung sind gemäß den EU-Vorgaben Biozide und keine Pflanzenschutzmittel mehr. Damit haben die bisher tätigen und in der Sache erfahrenen Zulassungsbehörden und auch der Pflanzenschutzdienst die Zuständigkeit für diesen Bereich verloren. Als zuständig ist derzeit die in der Sache unerfahrene Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) eingesetzt,  als Einvernehmensbehörden das Umweltbundesamt (UBA) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).
 
Für die Anwendung der Rodentizide in der Landwirtschaft ergibt sich daraus eine völlig unbefriedigende Situation, die bei den Betroffenen ein Übermaß an juristischen und organisatorischen Kenntnissen voraussetzt, die sie nicht haben können. Hier sind Vorschriften formuliert worden, die wegen fehlerhafter Informationspolitik der zuständigen Behörden nicht beim Anwender ankommen und umgesetzt werden können.

Vorhandenes Fachwissen nicht einbezogen

Ich habe in den vergangenen Jahren an der Diskussion in verschiedenen Gremien teilgenommen und ziehe folgende Schlüsse:
  • Die grundlegenden Änderungen wurden auf EU-Ebene beschlossen und können kaum geändert werden. Zu beachten ist, dass in den Entscheidungsgremien auch deutsche Vertreter sitzen. Wie haben die sich eigentlich verhalten?
  • Die für die Praxis wichtigsten Änderungen sind von nationalen deutschen Behörden formuliert worden (BAuA, UBA). Und zwar in der entscheidenden Phase ohne irgendeine Einbeziehung vorhandenen Fachwissens bei Forschungsinstituten, Behörden und der Praxis. Die erste Version enthielt erhebliche Lücken und praktisch nicht umzusetzende Punkte. Daraufhin erzwangen Spezialisten aus verschiedenen Arbeitsbereichen eine Diskussion in Fachgremien, die letztlich zu der heute gültigen Fassung der RMMs (Risikominderungsmaßnahmen) führte.
  • Dabei spielte das UBA eine bemerkenswerte Rolle: es beanspruchte Funktionen, die ihm nicht zustanden, war kaum gesprächsbereit und "beratungsresistent". Es ersetzte die übliche wissenschaftliche lineare Beweisführung durch unbewiesene Behauptungen, selektive Argumentation, unprovozierte Angriffe und ideologisch geprägte Versuche der Bevormundung.

Keine Trophäenjagd

Warum ist es nicht möglich, in der politischen Diskussion zu sachlichen Kompromissen zu kommen, die beiden Seiten nutzen? Niemand kann die medizinische und betriebswirtschaftliche Bedeutung von Ratten und Hausmäusen leugnen. Das ist doch keine Trophäenjagd.
 
Hier haben zwei Bundesoberbehörden eine Vielzahl von Vorschriften verfasst, ohne die Auswirkungen auf die Praxis in die Überlegungen einzubeziehen. Die Belange der Landwirtschaft, die sich nun der zunehmenden Alleinstellungs-Ansprüche der Schädlingsbekämpfer erwehren muss, wurden trotz entsprechender Versuche bisher nicht berücksichtigt.

Beratungspersonal fehlt

Schwer zu ertragen ist, dass sich diese Bundesoberbehörden nun zurücklehnen und die Umsetzung der Vorschriften den in jeder Hinsicht unvorbereiteten und überforderten Landesbehörden zuweisen. Es ist nicht zu erkennen, wie und mit welchem Personal eine umfassende Beratung, geschweige denn Überwachung, Verfolgung und Ahndung auf Länderebene erfolgen soll. Wie ist es überhaupt möglich, dass zwei fachfremde Bundesoberbehörden weitreichende Vorschriften erlassen und international vertreten, ohne vorab deren Umsetzbarkeit in den Ländern zu prüfen?
 
Für die Rodentizide anwendenden Landwirte ist dies eine katastrophale Situation, die die hygienischen und betriebswirtschaftlichen Notwendigkeiten sowie Vorschriften aus anderen Rechtsbereichen direkt konterkariert. Eine Chance auf eine Verbesserung der Lage ist derzeit nicht zu erkennen. Eher das Gegenteil.
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