Login
Zuckerrüben

Rübentransport ist ihr Steckenpferd

von , am
17.10.2013

Was haben ein Nebenerwerbslandwirt, ein Müllfahrer, ein Tischler und ein Dachdecker gemeinsam? Sie wissen es nicht? Dann lesen Sie weiter.

Sie bilden das Rückgrat der Transportgesellschaft Wierthe: Geschäftsführerin Sabine Hagemann (rechts), Disponent Christian Söchtig (links) und die gute Seele der TGW, Heinrich Leinemann mit seinem gehörnten Bördebüffel. © Raupert
Diese illustre Truppe fährt zusammen mit einigen aktiven Bauern in der Region nordöstlich von Hildesheim Zuckerrüben innerhalb der Transportgesellschaft Wierthe (TGW) in die Nordzucker Werke Clauen und Schladen. Nach der überraschenden Schließung der Zuckerfabrik Wierthe im Jahr 2005/06 hat sich vor Ort innerhalb weniger Jahre eine starke Gemeinschaft entwickelt. Verantwortlich dafür, dass das Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Gruppen so harmonisch funktioniert, sind die Geschäftsführerin der TGW, Sabine Hagemann aus Barbecke, der Disponent Christian Söchtig aus Nordassel und nicht zu vergessen die "gute Seele" der TGW, Heinrich Leinemann aus Dingelbe. Auf seinem Hof finden sich nicht selten nach getaner Arbeit auch mal 20 Rübenfahrer ein, um sich in geselliger Runde auszutauschen.

Bunter Querschnitt

Vor dem Vergnügen kommt jedoch die Arbeit. Und davon fällt in der TGW reichlich an. Insgesamt kommen dort 14 gemietete LKWs zum Einsatz, die von Sonntagabend bis Samstagnachmittag von Edemissen im Norden bis Salzgitter im Süden und von Dingelbe im Westen bis Braunschweig im Osten von derzeit 120 Fahrern im Drei-Schicht-Betrieb gesteuert werden.

Dieser hohe personelle Aufwand - auf einen LKW entfallen rund 8,6 Fahrer - ist nötig, weil die meisten Fahrer diesen Job nur nebenberuflich erledigen. Hauptberuflich arbeiten sie z.B. bei der Feuerwehr, als Sanitäter, Müllfahrer oder als Dachdecker und eben als Landwirt. Die meisten von ihnen arbeiten hauptberuflich im Schichtdienst. Das schafft die notwendigen freien Kapazitäten für die Arbeit in der Transportgesellschaft unter Berücksichtigung der Ruhezeiten.

"Dieser bunte Querschnitt aus den verschiedensten Berufsgruppen belebt unsere Gesellschaft enorm", freute sich Christian Söchtig, der neben dem Organisieren und Koordinieren der Rübenabfuhr auch noch einen landwirtschaftlichen Betrieb bewirtschaftet. Entscheidend für die TGW ist jedoch, dass das Tagesgeschäft läuft. "Dies klappt nur, wenn man viel Vertrauen und Selbstdisziplin in die Gemeinschaft einbringt", brachte es Söchtig auf den Punkt.

Die TGW arbeitet seinen Angaben zufolge mit 330 Landwirten zusammen, davon sind 208 Gesellschafter. In der letzten Kampagne mussten die Fahrer Rüben von 7.000 ha abholen, die sich auf 1.155 Schläge verteilen. In dieser Kampagne sind es durch die Flächenreduzierung nur noch 6.200 ha. Was tagsüber oft unproblematisch ist, erweist sich in der der Dunkelheit manchmal als Klippe. "Da gehört schon viel Vertrauen dazu, wenn man nachts mit dem LKW in unbekannte Feldwege einfährt", weiß Heinrich Leinemann, der in der TGW Obmann für zwei LKW ist und bei Not am Mann auch selbst Rüben mit einem LKW in die Werke fährt. Im Normalfall steht er aber in der Kampagne rund um die Uhr immer auf Abruf, um den Fahrern bei Pannen und technischen Defekten zur Seite zu springen.

"Im letzten Jahr hatten wir ältere Fahrzeuge gemietet, die sehr reparaturanfällig waren. Da bin ich rund 16.000 km mit meinem Privat-PKW für die TGW unterwegs gewesen", erinnerte sich der 57-jährige Landwirt an die turbulente Kampagne 2012/13 zurück. In diesem Jahr habe man in den Verhandlungen im Frühjahr gleich Druck beim Fahrzeugvermieter gemacht und fast neuwertige Maschinen erhalten. Dies habe die Sache wesentlich entspannt, freute sich Leinemann, was sich auch auf dem Tacho seines geländegängigen Wagens mit bisher "nur" 800 Einsatzkilometern niederschlägt.

Klares Ziel vor Augen

Bei der TGW ist nach Angaben der Geschäftsführerin Sabine Hagemann alles darauf ausgerichtet, dass die Muldenkipper und Sattelzugmaschinen laufen und ausgelastet sind. "Wir haben das Ziel, mit unseren 14 Fahrzeugen pro Woche mindestens 25.000 Tonnen reine Rüben abzuliefern", rechnete sie vor. Das werde in der Regel auch geschafft, in der letzten Woche seien es sogar 26.500 t gewesen.

Das ist aber nur zu schaffen, weil die TGW in einem Gebiet arbeitet, dass verkehrstechnisch sehr günstig liegt. So beträgt die mittlere Entfernung zu den Fabriken in Schladen und Clauen nur 23 km und auch topographisch werden keine hohen Anforderungen an Mensch und Material gestellt. Mit anderen Worten, die Gegend ist eher flach. Da hat die benachbarte TG Ambergau, bei der Hagemann ebenfalls Geschäftsführerin ist, gerade bei Eis und Schnee und durch die bergige Struktur sowie die teilweise sehr weiten Anfahrten von über 55 km schon wesentlich härtere Voraussetzungen.

Die guten Rahmenbedingungen erhöhen natürlich die Leistung der Truppe. Laut Söchtig kommt ein TGW-LKW pro Monat auf 17.000 km, in der gesamte Kampagne 2012/13 waren es unter dem Strich über 80.000 km pro Fahrzeug. 2013/14 werden es aufgrund der verkürzten Kampagne wohl "nur" 60.000 bis 65.000 km werden, hat der Disponent bereits durchkalkuliert. Pro Schicht (8 bis 9 Stunden) und Fahrer ergibt sich bei reibungsloser An- und Abfahrt vom Feld zur Fabrik eine Kilometerleistung von rund 300 bis 350 km.
Bei der Kommunikation mit den Fahrern spielt das Internet eine wesentliche Rolle. "Auf unserer Homepage versorgen sich alle mit den notwendigen Infos", berichtete Söchtig. Dort hat er nach Absprache mit den regionalen Disponenten 14 Tage im Voraus in einem Wochenplan exakt festgelegt, wann welcher Fahrer welche Rübenmiete in der Gemarkung X von welcher Seite anzusteuern hat.

Selbstdisziplin gefordert

Gern vergleicht er die TGW auch mit einem "Öltanker, der erst einmal auf Fahrt gebracht werden muss", der aber in gewissen Situationen auch Eigendynamik entwickelt. Konkret spielte er hierbei auf die parallel laufenden Absprachen zwischen Rübenanbauern, der Nordzucker, Rode- und Ladegemeinschaften, Mietenpflegern, Winterdiensten und den eigenen LKW-Fahrern an, wo es schnell einmal zu unerfreulichen Missverständnissen kommen kann.

Dieses System funktioniert nur, wenn ein Rad in das andere greift. "Ohne Vertrauen und Selbstdisziplin geht es nicht. Jeder muss sich an die getroffenen Absprachen halten, sonst stehen wir alle im Regen", brachte es der Chefdisponent auf den Punkt, der durch die zwei Werke in Schladen und Clauen und die drei in der TGW eingesetzten Rübenmäuse insgesamt fünf Planungseinheiten unter einen Hut zu bringen hat. Voraussetzung hierfür sind natürlich beste Kontakte zum Rübenmanagement der Nordzucker.

Im Mittelpunkt der TGW stehen die Fahrer. Sie setzen sich aus zwei Gruppen zusammen. Da sind zunächst einmal die Gesellschafter, die für die Gruppe fahren und zweitens die immer weiter wachsende Gruppe der Nichtlandwirte. Sie werden nach Angaben von Sabine Hagemann sozialversicherungsrechtlich nicht auf Basis der 450 Euro-Regelung beschäftigt, sondern erhalten einen Arbeitsvertrag über 50 Tage. Diese Zeitspanne gilt aber nicht für eine Kampagne, sondern für ein Kalenderjahr, was die Sache aufgrund der bis in den Januar reichenden Kampagnen verkompliziert. Da zudem auch die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten eingehalten werden müssen, müsse die TGW mehr Fahrer vorhalten, als eigentlich für die Abfuhrmenge nötig seien.

Ein zusätzliches Problem ist laut Hagemann auch die Fahrerlaubnis: "Die Bauern haben fast alle nur den neuen T-Führerschein, mit dem man Schlepper und Mähdrescher fahren kann. Für LKWs wird aber der CE-Schein benötigt, der mit Kosten zwischen 4.000 bis 5.000 Euro wesentlich teurer ist". Für die bäuerlichen Transportgesellschaften könnte dies bald zu einem ernsthaften Problem werden, befürchtet die Geschäftsführerin. Als positiv wertete sie deshalb die Initiative der Nordzucker, die höheren Führerscheinkosten mit 750 Euro zu sponsern.

"Ohne die Nicht-Gesellschafter könnten wir die Rübentransporte nicht stemmen", lobte Hagemann das Engagement der Aushilfskräfte. "Die Jungs sind, obwohl sie nicht aus der Landwirtschaft stammen, voll bei uns integriert. Alle Fahrer werden gleichbehandelt, ob Gesellschafter oder nicht", stellte Hagemann klar. Das wird honoriert, alle Fahrer freuen sich ihren Angaben zufolge schon lange vor dem Kampagnestart wieder auf die gemeinsamen Erlebnisse. "Bei uns ist ein echtes Gemeinschaftsgefühl entstanden", freute sich die Geschäftsführerin, die dieses Amt auch bei dem Maschinenring Ambergau-Börde-Vorharz ausübt.

"Die gute Seele"

Viel zur guten Stimmung trägt auch Heinrich Leinemann bei. In der TGW wird er scherzhaft schon mit dem amerikanischen Serienstar "MacGyver" verglichen. Leinemann besitzt wie der kultige Schauspieler unglaubliches Geschick und Einfallsreichtum, wenn es darum geht, mit Hilfe seiner handwerklichen Begabung nahezu jeden defekten LKW in kürzester Zeit mit geringen Hilfsmitteln wieder zum Laufen zu bringen.

Da die Fahrer ihn während der gesamten Kampagne rund um die Uhr in Notfällen anrufen können, genießt der passionierte Jäger einen hohen Respekt in der Truppe. Dazu kommt auch seine von allen Seiten geschätzte Gastfreundschaft. Leinemann freut sich wie auch seine Frau Marlis über jeden Gast und eins ist klar: Hungrig und durstig geht dort keiner nach Hause.
Auch interessant