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Milchviehhaltung

Weidemanagement: So finden Sie das passende System

Dieser Artikel ist zuerst in der LAND & Forst erschienen.

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Gruenland-Weidesysteme
© Dr. Edmund Leisen
von am
20.03.2018

In der Praxis gibt es verschiedene Weidesysteme. Welches System wo passt, hängt von der einzelbetrieblichen Situation ab. Ein Systemvergleich.

Unter Weidenutzung wird nicht immer dasselbe verstanden. Je nach Intensität spricht man von

  • Kurzrasenweide (der früheste Auftrieb) oder
  • Langgrasweide (der späteste Auftrieb).
  • Dazwischen gibt es Übergangsformen.

 

Hier eine Übersicht über die Weidesysteme im Vergleich:

1. Kurzrasenweide

    Die Kurzrasenweide gibt es als intensive Standweide und als intensive Umtriebsweide mit schnellem Umtrieb:

    • Aufgetrieben wird, sobald die Flächen im Frühjahr ergrünen.
    • Eine Schnittnutzung vor Beginn der Weide ist nur zu empfehlen, falls es im Frühjahr nicht ausreichend trittfest ist.
    • Ansonsten führt Schnittnutzung vor der Beweidung zu einer deutlichen Abnahme der Flächenproduktivität (Schnitt plus Weideleistung). Während der Vorweide kann großflächig beweidet werden, bei stärkerem Zuwachs wird die Fläche verkleinert (der Rest als Schnitt genutzt), bei nachlassendem Zuwachs (Sommer und Herbst) ausgedehnt.
    • Ganzjährig sollte die Wuchshöhe 5 cm nicht überschritten werden. Der laufende Verbiss begrenzt die Bildung von Trockenmasse.
    • Durch die gute Schmackhaftigkeit sind die Weideverluste unter optimalen Bedingungen nur minimal (weniger als 5 %, bei Zufütterung aber auch höher).
    • Hohe Verwertung in Verbindung mit extrem nährstoffreichem Futter (Energiegehalte durchweg zwischen 7 und 8 MJ NEL/kg T) führen zu hoher Flächenproduktivität durch Milch oder Fleisch.
    • Bei diesem Weidesystem kann unter optimalen Bedingungen auf Pflegemaßnahmen weitestgehend verzichtet werden. Auch weniger wertvolle Pflanzenarten werden gut verbissen, Ampfer und Quecke verschwinden. Wo umsetzbar, ist es wahrscheinlich das in vielen Betrieben wirtschaftlichste System.

    Mehrmonatige Untersuchungen des Pansen-pH-Wertes in fünf Betrieben mit insgesamt 26 Kühen zeigten trotz des extrem jungen Futters keine Pansenversauerung. Der Grund: Auf der Kurzrasenweide werden über den Tag verteilt immer nur kleine Bisse aufgenommen und gut einspeichelt, was die Säure neutralisiert.

    Hohe Harnstoffwerte während der Weidezeit scheinen ebenfalls kaum Probleme zu bereiten (nicht verwechseln mit hohen Harnstoffwerten während der Stallperiode). 2011 zeigte: Auch in Trockenjahren fallen die Erträge höher aus als bei Schnittnutzung.

    Zu empfehlen ist die Kurzrasenweide überall dort, wo es die Trittfestigkeit zulässt. Untersuchungen auf 60 Standorten in Mitteleuropa im Rahmen des Projektes „Öko-Leitbetriebe in NRW“ zeigen:

    • Je nach Standort sind mehrjährig unter Öko-Bedingungen 4.000 (Trockenstandorte) bis 13.000 kg ECM/ha möglich (regelmäßige und gleichmäßige Niederschläge, lange Weideperiode),
    • unter konventionellen Bedingungen auch 20 bis 25 % mehr.

    Eine solche Flächenproduktivität ist bei reiner Schnittnutzung nicht zu erzielen.

    2. Portionsweide

    Eine hohe Flächenproduktivität lässt sich auch mit der Portionsweide erzielen:

    • Es ist in seiner Handhabung ein sehr einfaches System: Die gesamte Weidefläche ist in Portionen eingeteilt. Nach ein- bis zweimal Melken wird jeweils eine neue Fläche zugeteilt. Ein und dieselbe Fläche wird in der Regel im Abstand von drei bis vier Wochen beweidet. Flächen, die eine gewisse Wuchshöhe übersteigen, werden geschnitten. Um dies abzuschätzen,  erfolgt in etwa wöchentlichem Abstand eine Wuchshöhenmessung mit einem sogenannten Herbometer.
    • Mit zunehmender Alterung wirkt sich hier selektives Fressen weniger stark aus als bei extensiver Umtriebsweide.
    • Die Mehrarbeit hält sich bei gutem Flächenzuschnitt und unter zu Hilfenahme automatischer Flächenzuteilung (wandernder Zaun) in Grenzen.
    • Das irische und neuseeländische System der intensiven Umtriebsweide entspricht in etwa der Portionsweide.

    Zu empfehlen ist die Portionsweide auf Standorten und in Jahren, in denen die Trittfestigkeit einen frühen Auftrieb nicht zulässt. Aber auch in Hanglagen, wo bei Kurzrasenweide unproduktive Liegeflächen entstehen:

    • Dieses Weidesystem ist wegen seiner Einfachheit leicht zu erlernen.
    • Vorsicht aber vor Blähungen: Werden die Tiere auf der zugeteilten Fläche nicht satt, fressen sie nach Neuzuteilung zu gierig. In kurzer Zeit wird zu viel junges Futter aufgenommen. Kleereiche Bestände aber auch Flächen nach Gülledüngung sind besonders gefährdet.
    • Für trittempfindliche Standorte ist Portionsweide ungeeignet.

    3. Extensive Umtriebsweide

    Weit verbreitet war lange Zeit die extensive Umtriebsweide, bei der durch Flächenwechsel nach mehreren Tagen immer wieder neues Futter angeboten wird:

    • Bei Auftrieb ab 8 cm, stellenweise aber auch erst ab 15 cm, ist der Aufwuchs zu Beginn noch relativ jung.
    • Mit zunehmender Alterung wird stärker selektiert und die Weidereste nehmen zu.
    • Werden hohe Futteraufnahmen pro Einzeltier angestrebt, steigen die Weidereste stellenweise auf über 50 %, entsprechend fällt dann die Flächenproduktivität.

    Die extensive Umtriebsweide ist bei zu geringer Produktivität ungeeignet.

    4. Standweide

    Bei der intensiven Form der Standweide wird angestrebt, Graszuwachs und Grasaufnahme optimal aufeinander ab zu stimmen:

    • Im Frühjahr wird zuerst eine begrenzte Fläche zugeteilt, mit zurückgehendem Zuwachs wird die Weidefläche ausgedehnt.
    • Der Trockenmasseertrag, zumindest brutto, fällt nicht so hoch aus, wie bei der extensiven Umtriebsweide.
    • Bedingt durch geringere Weidereste fällt die Flächenproduktivität aber etwa vergleichbar aus.
    • Empfehlung: Wer Erfahrungen mit der intensiven Standweide hat, sollte alternativ die Kurzrasenweide testen und prüfen, was besser zum Betrieb passt.
    • Bei der extensiven Form der Standweide wird eine gewisse Zahl von Tieren (Aufzuchtrinder oder Mutterkühe) im Frühjahr auf eine Fläche aufgetrieben und bleibt bis zum Herbst. Diese Form der Weide ist zwar arbeitssparend, die Flächenproduktivität ist aber niedrig und kann im Laufe der Jahre extrem abfallen.

    Für die intensive Standweide gelten folgende Empfehlungen:

    • Für Milchviehhaltung ist das System ungeeignet.
    • Bei Aufzucht können unter Umständen gute Zunahmen erzielt werden, beispielsweide in Naturschutzgebieten.
    • In Feuchtgebieten aber auf Leberegelbefall achten und bei Auftreten von Sumpfschachtelhalm zur Vermeidung von Vergiftung auf ausreichendes Futterangebot.

    5. Siesta-Weide

    Bei der Siesta-Weide sind die Tiere aufgrund begrenzter Fläche nur stundenweise auf der Weide::

    • Hohe Flächenproduktivität ist hier nur mit hohem Arbeitsaufwand erzielbar.
    • Wenig Arbeit fällt zwar an, wenn die Fläche leicht vom Stall her zugänglich ist und die Kühe selbständig raus und rein gehen können. Dann liegen die Tiere aber viel draußen und koten dort auch viel.
    • Die Weidereste sind hoch und die Flächenproduktivität im Extrem minimal, weil der Aufwuchs wenig schmackhaft ist und das Futter im Stall bevorzugt wird.
    • Derartige „Joggingweiden“ verbessern gegenüber reiner Stallhaltung wahrscheinlich die Gesundheit, können aber auch das Grundwasser belasten und die Nährstoffe fehlen an anderer Stelle im innerbetrieblichen Kreislauf.

    Zu empfehlen ist die Siesta-Weide bei begrenzter Weidefläche. Auf eine nicht zu starke Kotablagerung sollte aus Umweltgründen und zur besseren Nährstoffverteilung geachtet werden. Bei entsprechender Zufütterung im Stall können hohe Einzeltierleistungen erzielt werden.

    7. Langgrasweide

    Die Langgrasweide (im Ausland auch als holistic grazing bekannt) wird auf einigen Betrieben in den Niederlanden und Dänemark praktiziert und zwar in Form von Portionsweide verbunden mit regelmäßiger Neuansaat:

    • Bei etwa 25 – 30 cm kommen die Kühe nur kurz zum Fressen auf die Teilfläche und erhalten danach eine neue Teilfläche.
    • Abgeleitet aus Schnittversuchen sind höhere Trockenmasseerträge im Vergleich zu kurzem Gras zu erwarten.
    • Die Kühe fressen nur das obere Drittel. Der Rest wird nach eigenen Erfahrungen nicht genutzt und stirbt ab.
    • Erst neu durchwachsendes Grün wird zum Herbst zumindest teilweise gefressen.
    • Flächenproduktivität und Einzeltierleistung fallen eher niedrig aus.

    Wegen zu geringer Produktivität ist die Landgrasweide ungeeignet. Die angestrebte Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit ist nicht zu erwarten, vor allem, weil laufend umgebrochen wird.

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