Login
Zuckerrüben

Die Zuckerrübe ist ein Multilatent

von , am
17.07.2013

Die DLG widmete ihre traditionelle Pflanzenbautagung der beliebten Feldfrucht Zuckerrübe. Wichtige Erkenntnisse der Tagung haben wir für Sie zusammengefasst.

Die Zuckerrübe hat in den vergangenen Jahren deutliche Ertragszuwächse verbuchen können. © landpixel
Der DLG Präsident Carl-Albrecht Bartmer konnte in Göttingen 180 Landwirte, Wissenschaftler, Berater und Vertreter von Unternehmen begrüßen. Thema war der Zuchtfortschritt bei der Zuckerrübe. Der war in den vergangenen Jahrzehnten immens, doch wie geht es weiter? Eine Prognose wagte Dr. Andreas Loock von der KWS SAAT AG in Einbeck. Der Zuckerertrag pro Hektar sei nach wie vor das Hauptziel der Züchtung, so Loock. Er machte den Zuhörern die Dimension des Fortschritts deutlich: Von 1996 bis 2009 habe es einen Ertragszuwachs von 0,4 t je Jahr auf über 15 t/ha Zucker gegeben - und auch für die Zukunft erwartet er noch weitere Ertragssteigerungen.

Eine weitere wichtige Rolle werde dabei aber auch die Resistenzzüchtung spielen, um die hohen Erträge abzusichern und diese nicht durch Schädlinge und Krankheiten dezimieren zu lassen. Dabei müsse man sich einerseits neue Resistenzquellen erschließen und gleichzeitig die durch zusätzlich eingezüchtete Resistenzen bedingten Ertragsdefizite reduzieren. Die Herausforderung sei, alle Aspekte unter einen Hut zu bekommen. Denn zu den bekannten Schaderregern, bei denen teilweise mit einem steigenden Befallsdruck und mit Resistenzbrüchen gerechnet werden müsse, kämen noch Krankheiten und Schädlinge wie Vergilbungsviren, Rhizoctonia violacea und Zikaden hinzu. Zudem treten auch abiotische Stressfaktoren wie Trockenstress, Hitze und insgesamt extremere, deutlich variierende Witterungssituationen auf.

Angesichts dieser Herausforderungen, so Loock, würden die Einfachresistenzen an Bedeutung verlieren, Mehrfachresistenzen und Mehrfachtoleranzen an Bedeutung gewinnen. 2020 werde der Anteil multiresistenter Sorten bei 70 % liegen gegenüber heute 40 %, schätzte der Experte. Neue Züchtungstechnologien würden einen wesentlichen Beitrag leisten, die Sortenentwicklung an die sich ändernden Wachstumsbedingungen anzupassen und die Erträge zu steigern.

Über die Bedeutung der Zuckerrübe als Vor- und Folgefrucht referierte Dr. Anna Jacobs vom Göttinger Institut für Zuckerrübenforschung (IfZ). Sie stellte Ergebnisse von Feldversuchen in Harste (Niedersachsen) und Aiterhofen (Bayern) vor. Wird der Vorfruchtwert der Zuckerrübe unterschätzt? Bei der Wirkung der Zuckerrübe auf Winterweizen zeigte sich zumindest an beiden Standorten, dass die Auswirkung der Rübe auf den Ertrag der Folgekultur Winterweizen nicht an die Ertragswirkung des Winterrapses heranreicht. Auch die erhoffte Erhöhung des Rohproteingehalts beim Weizen, die durch die Zuckerrübenerntereste möglich wäre, habe nicht nachgewiesen werden können.

Gutes Biogassubstrat

Besonders positiv habe die Zuckerrübe am Standort Harste auf die Vorfrucht Körnererbse reagiert. Für die Zuckerrübe zu hohe Nmin-Werte im Boden wurden dabei nicht festgestellt. Offene Fragen bleiben beim Mais, denn ein weiterer Trend am Standort Harste war die schwache Jugendentwicklung der Zuckerrübe nach der Vorfrucht Silomais. Am Standort Aiterhofen wurde festgestellt, dass die die Zuckerrübe nach der Vorfrucht Silomais geringere Erträge bringe.

Die Zuckerrübe eignet sich aufgrund ihrer stofflichen Zusammensetzung hervorragend für die Biogaserzeugung, berichtete Prof. Dr. Eberhard Hartung, Universität Kiel. Eine besondere Bedeutung hätten Mischsilagen, also Mischungen von z.B. Silomais und Zuckerrüben, die durch eine besonders hohe Gasausbeute, ein sehr gutes Gärverhalten und einen schnellen Abbau des Substrats gekennzeichnet seien. Mischsilagen brächten wesentlich bessere Ergebnisse als die Monovergärung von Zuckerrüben, brachte es Hartung auf den Punkt. 5 bis 15 % mehr Leistung können durch diesen "Kofermentationsboost" erzielt werden - wahrscheinlich, weil in der Mischsilage das Potenzial der Mikroorganismen besser ausgeschöpft werde.

Bei der Frage, welche Rübensorte zur Biogasgewinnung angebaut werden solle, lautet die Formel:  hoher Zuckerertrag pro Hektar gleich hoher Trockenmasseertrag, also: Die süßesten Rüben geben auch das meiste Biogas, die Inhaltsstoffe sind dagegen weniger entscheidend. Reine Zuckerrübensorten schneiden daher auch besser ab als Kreuzungen zwischen der Zucker- und Futterrübe.

Ein besonderes Kennzeichen von Zuckerrüben als Biogassubstrat sei dessen gute Verdaulichkeit durch den besonders hohen Gehalt an leicht fermentierbaren Kohlenhydraten: In Versuchsfermentern silierte Zuckerrüben seien bereits nach etwa acht Tagen zu über 90 % umgesetzt, beim Mais hingegen sei dies erst nach 12 bis 18 Tagen, bei Schweinegülle erst nach über 20 Tagen der Fall.

Schlechte Erfahrungen

Hartung appellierte, für Biogas möglichst den ganzen Rübenkörper zu nutzen. Das Blatt hingegen solle man wegen des hohen Wasseranteils auf dem Feld belassen. Den Sickersaft sollte man dagegen auffangen und wieder der Biogasanlage zuführen, denn dieser erhalte viel Energie. Eingesetzt werden sollte dieser aber nur dosiert, da die Anlage sonst auch umkippen könnte.

Bei den verschiedenen Lagerhaltungsmöglichkeiten setzte sich Hartung kritisch mit der Lagune auseinander. Bei der Lagune wird die Rübe zu Brei geschreddert und dann in Erdbecken - mit oder ohne Abdeckung - gelagert. Neben dem starken Eintrag von Regenwasser und der Gefahr von Schichtenbildung sei vor allem der Energieverlust ein Problem. Versuche in Lagunen nachempfunden Plexiglasröhren wiesen seinen Angaben zur Folge bis zu 60 % Energieverlust im oberen Bereich und 10 bis 20 % im unteren Bereich auf.

Gute Arbeitsqualität

Dr. Klaus Ziegler vom Verband Fränkischer Zuckerrübenanbauer gab einen Einblick in die Zuckerrübenerntetechnik. Rund ein knappes Dutzend verschiedener Hersteller gebe es hier, wobei vor allem die deutschen Hersteller besonders innovativ seien. Die Zwei- und Dreiachser hätten sich bei den Köpfrodebunkern durchgesetzt, mit ihnen werden in Deutschland derzeit knapp 90 % der Zuckerrübenfläche gerodet.

Die heute am Markt verfügbaren Erntesysteme haben einen hohen Stand bei der Arbeitsqualität erreicht, so Ziegler. Neben der eigentlichen Erntetechnik spielten aber auch die Fahrgeschwindigkeit, die Rodetiefe und das Köpfen im optimalen Bereich eine große Rolle für möglichst verlustarmes Roden. Mögliche Probleme - insbesondere beim Bodendruck - könnten durch die mit immer größeren Bunkern ausgestatteten Maschinen entstehen. Darauf sollte unbedingt mit einer angepassten Bereifung reagiert werden.

Fachexkursion

In mehreren Fachexkursionen ging es zu verschiedenen Ackerbaubetrieben mit Zuckerrübenanbau: dem Versuchsgut Reinshof der Uni Göttingen, ins IfZ, zum IfZ-Fruchtfolgeversuch sowie zur Biogasanlage in Rosdorf, die Zuckerrüben einsetzt.

Die Biogasanlage in Rosdorf, eine gemeinschaftlich von 50 Landwirten betriebene 3,4 MW Biogasanlage, setzt von Beginn an auch Rüben ein. Neben den hohen Trockenmasseerträgen und der großen Flächeneffizienz ist vor allem der hohe Methanertrag pro Hektar ein Grund. Beim Einsatz in der Biogasanlage hat sich nach Angaben der Betreiber gezeigt, dass die Rübe im Fermenter sehr schnell umgesetzt werde. Daher könne man sie auch gut zur Feinsteuerung nutzen. Die organische Trockensubstanz der Rübe sei für die Anlage sehr gut verdaulich.

Um die Stabilität der Biologie nicht zu gefährdeten ist der Anteil der Rübe am Substratmix noch relativ gering. Rund 1.800 t waren sind es in der letzten Saison. Rund 15 t beträgt der Anteil der Rübe am täglichen Substratmix.

Weiterhin werden 105 t Mais, 17 t Hühnertrockenkot, 4 t Stallmist und 40 t Gülle gefüttert. Die Gärbiologie läuft so besser ab, der komplette Prozess ist stabiler. Hinzu komme der Vorteil, dass Silofläche gespart wird: Die Zuckerrüben werden in bereits frei gewordene Bereiche des Maissilos abgebunkert.

Einen Vertragsanbau für Rüben hat die Biogasanlage bisher nicht etabliert, sondern nur Überrüben der Gesellschafter aufgekauft. Ab dem Beginn der Kampagne werden die Rüben in der Biogasanlage eingesetzt, die Hauptmengen folgen ab Mitte Januar, wenn die letzten Rüben verladen werden und die frei gewordene Maissilofläche an der Biogasanlage groß genug ist. Einsiliert werden die Rüben nicht, jedoch zum Schutz vor scharfen Frost mit Vlies abgedeckt.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass auch gefrorene Rüben problemlos eingesetzt werden können, nach einem Auftauen setzt jedoch relativ schnell die Fäule ein. Von Mitte September bis Mitte Februar kann die Anlage somit Rüben frisch verfüttern.  Aufgrund der steinarmen Böden im Leinetal muss nicht entsteint werden, auch die anhaftende Erde wird problemlos mit dem Gärrest aus dem Fermenter getragen.

Ideale Lösung gesucht

Da bisher unklar ist, wie stark eingesetzte Ganzrüben die Technik, insbesondere die Rührwerke belasten oder beschädigen, werden die Rüben in der Regel zerkleinert. Verschiedene Varianten wurden bislang ausprobiert, eine ideale Lösung bisher aber nicht gefunden. Eine Zerkleinerungseinheit am Radlader zerkleinerte die Rüben zwar just-in-time und damit ohne großer Verluste, die Technik hielt jedoch der Beanspruchung nicht lange stand.

Derzeit wird wöchentlich ein Jenz-Hacker eingesetzt, der von einem Radlader befüllt wird und, lediglich im Standgas laufend, die Rüben zerkleinert. Er ist eigentlich zu klein, doch eine bessere Lösung sei derzeit nicht in Sicht. Die Gärverluste seien einerseits vorhanden, da immer ein Wochenvorrat angelegt werden müsse und andererseits das Material sehr fein geschnitzelt werde. Eine Zerteilung der Rüben in Viertel wäre optimaler.

Eine Ganzjahresversorgung mit Zuckerrübe steht für die Rosdorfer Anlage nicht an: Eine Mono-Silierung von Rübe - ob als Miete, in Schläuchen oder Brei - halten die Betreiber für zu aufwändig. Gegen eine Mischsilage von Mais und Rübe spreche nur der frühe Erntetermin, bei dem man wertvolles Ertragspotenzial bei der Rübe verschenken würde. Ansonsten sei die Mischsilage die ideale Variante. Sollte ein günstiges Silierverfahren etabliert werden, sei eine Vervierfachung der jährlichen Rübenmenge auf 10.000 t durchaus denkbar.
Auch interessant