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Kommentar

Wer kann denn nun mehr Biodiversität?

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Ralf Stephan, LAND & Forst
am
27.01.2016

Eine von der Industrie finanzierte Studie sorgt für Alarm bei den Ökos, besagt aber nichts Unerwartetes. Ralf Stephan kommentiert die Ergebnisse einer Studie zur Biodiversität im ökologischen und konventionellen Landbau.

Wenn es eine Erkenntnis aus den teilweise aufgeregten Diskussionen über die Landwirtschaft der letzten Monate gibt, dann doch die: Es hilft nur der sachliche Dialog, mit gegenseitigen Vorhaltungen geht es nicht voran. Und genau jetzt kommt der Industrieverband Agrar mit einer Studie heraus, die bei Ökoverbänden für Entrüstung sorgt (Ergebnisse der Studie finden Sie unter www.landundforst.de und in der LAND & Forst Ausgabe 4 auf S. 8).

Eine gezielte Provokation, wissenschaftlich nicht haltbar?

Geht es hier um eine gezielte Provokation, wissenschaftlich nicht haltbar, mit halbgarem Datenmaterial? So zumindest sieht es der Bund Ökologische Lebensmitelwirtschaft (BÖLW). Den Vorwurf weisen die Verfasser - ernstzunehmende Wissenschaftler aus der Berliner Humboldt-Universität - weit von sich. Und selbst wenn ihre Ausgangsdaten weiteren Prüfungen nicht standhalten würden, kommt ihre grundsätzliche Aussage nicht überraschend: Wegen der deutlich höheren Erträge im konventionellen Landbau sind die negativen Auswirkungen auf die Artenvielfalt - gemessen am Ernteergebnis - niedriger als im Ökolandbau. Der wiederum hat klare Vorteile, nimmt man allein die bewirtschaftete Fläche als Bezugsgröße.

Deutsches Testbetriebsnetz als Richtschnur

Stimmt so nicht, kommt es vom BÖLW. Denn eine aktuelle, von Fachzeitschriften zertifizierte weltweite Studie belegt, dass der Ertragsunterschied zwischen öko und konventionell gar nicht so groß ist, wie in der Berliner Einzelstudie angenommen. Das ist so, erwidern die Humboldtianer, weil die Daten für die zertifizierte Globalstudie zu 80 % in Entwicklungs- und Schwellenländern erhoben wurden und deshalb anders ausfallen als die (für uns maßgeblichen) aus dem deutschen Testbetriebsnetz.

Erzeugung von Nahrungsmitteln mehr in den Vordergrund stellen

Schön, dass das jetzt geklärt ist. Um zu erfahren, dass beide Wirtschaftsweisen ihre Stärken und Schwächen, vor allem aber ihre Berechtigung haben, hätte es dieser Auseinandersetzung nicht bedurft. Zumal es den Auftraggebern der Studie offenkundig nicht darum geht, den Ökolandbau in Mißkredit zu bringen. Ihnen kommt es darauf an, dem gegenwärtigen politischen Trend etwas entgegenzusetzen, konventionelle Landwirtschaft allein als Umweltproblem zu betrachten.

Die Debatten um Glyphosat, Neonikotinoide oder einen „pestizidfreien“ Ackerbau im Allgemeinen sind beredte Beispiele dafür, dass die Erzeugung von Nahrungsmitteln und Rohstoffen völlig in den Hintergrund rückt. Wie so oft besteht die Gefahr, dass beim puren Pro und Contra ganz Wesentliches aus dem Blick gerät. Ob sich nicht viel mehr für Artenvielfalt und Umwelt erreichen ließe, wenn sich das Verbraucherverhalten unserer Wegwerfgesellschaft ändert, wurde nämlich noch gar nicht untersucht.

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