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Gastkommentar

Genossenschaften als Kulturerbe: Hohe Ehre für eine lebendige Idee

Joachim Prahst war Chefredakteur und landjähriger Pressesprecher im Genossenschaftswesen
Joachim Prahst
am
07.12.2016

Die Vereinten Nationen erklären die Genossenschaft zum „Kulturerbe der Menschheit“. Damit blicken sie nicht zurück, sondern in die Zukunft.

Genossenschaften sind ein Gewinn für alle: Dieser Slogan sagt viel über das genossenschaftliche Selbstverständnis und hat ab sofort auch universell Geltung. Denn die Unesco, die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, hat vor wenigen Tagen beschlossen, die Genossenschaftsidee zum „Kulturerbe der Menschheit“ zu ernennen.

Genossenschaften als Weltkulturerbe

Die Gründe dafür, diese Unternehmensform zum Weltkulturerbe zu erklären, liegen für ihre Anhänger auf der Hand: Jede Genossenschaft ist auf die Förderung ihres Mitgliedes ausgerichtet und sichert dadurch Familieneinkommen. Bei weltweit rund einer Milliarde genossenschaftlicher Mitglieder und ihrer Familien ist es nahezu die halbe Menschheit, zu deren Lebensunterhalt damit auch die Kooperativen beitragen.

Gerade in einer Zeit, in der weltweit mehr Länder autokratisch regiert als demokratisch geführt werden, sind das genossenschaftlich praktizierte Demokratieverständnis („ein Mann – eine Stimme“) oder die Gleichberechtigung zwischen männlichen und weiblichen Mitgliedern wertvolle Güter, die nicht zuletzt zu Frieden und Wohlstand beitragen. Solcher Chancengleichheit ist es zu verdanken, dass sich zum Beispiel in Schwellenländern Kleinbauern zusammenschließen können, um Märkte zu erschließen oder gemeinschaftlich Betriebsmittel zu erwerben.

Genossenschaften mit langer Tradition

Hierzulande hat das bereits eine lange Tradition: Wo Friedrich Wilhelm Raiffeisen Mitte des 19. Jahrhunderts die genossenschaftliche Selbsthilfe für die in Armut lebende Landbevölkerung entwickelte, haben sich leistungsstarke Unternehmen Raiffeisen‘scher Prägung entwickelt: 60 Milliarden Euro Umsatz und rund 500.000 agrarwirtschaftlich orientierte Mitglieder in Deutschland sprechen für sich.

Wirtschaftswunder und soziale Marktwirtschaft, gemeinhin in die 1950er-Jahre unter Ludwig Erhardt verortet, haben ihre Wurzeln durchaus schon 100 Jahre früher, als Raiffeisen seinen Mitgliedern mit der Teilhabe am wirtschaftlichen und sozialen Geschehen neue Perspektiven ermöglichte.

Heute über 300.000 Raiffeisengenossenschaften

Weltweit dient das Erfolgsmodell als Blaupause für Entwicklungsprojekte mit über 300.000 Raiffeisengenossenschaften. Diese Idee ist also quicklebendig. Unter anderem lebt sie in dem erfolgreichen System der Mikrokredite für Kleinbauern, für das sein Erfinder Prof. Muhammad Yunus aus Bangladesh vor zehn Jahren mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Kaum etwas anderes ist es, wenn jetzt die Unesco die Idee der Genossenschaft zum Weltkulturerbe erhebt: Denn gerade das verantwortliche, soziale Wirtschaften unterscheidet die Genossenschaften fundamental von jenem schrankenlosen „Casinokapitalismus“, dessen Geister wir leider auch heute noch – oder wieder – fürchten müssen.

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