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Interview

Harter Brexit: Preisdruck wäre auch in Niedersachsen spürbar

Brexit-Niedersachsen
Diekmann-Lenartz
am
20.03.2019

Welche Folgen hätte ein harter Brexit für Niedersachsens Ernährungswirtschaft? LWK-Experte Dr. Hortmann-Scholten im Interview.

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Großbritannien importiert fast ein Drittel seiner Lebensmittel, viele davon aus Niedersachsen. Welche Produkte werden betroffen sein und was bewirken Zollschranken auf den Märkten? LAND & Forst sprach mit dem LWK-Marktexperten Dr. Albert Hortmann-Scholten.

Herr Dr. Hortmann-Scholten, welche Agrarprodukte aus Niedersachsen werden nach Großbritannien exportiert?

Fast ein Drittel der Nahrungsmittel, die in Großbritannien konsumiert werden, kommt aus der EU, vieles davon aus Niedersachsen. 2017 wurden für rund 700 Millionen Euro Nahrungs- und Futtermittel exportiert. Zum Beispiel führt Deutschland große Mengen an proteinreichem Qualitätsweizen aus.

Die Saison für Obst und Gemüse beginnt auf der Insel später als auf dem EU-Festland. Im Frühjahr importiert Großbritannien 90 % seines Salatangebots, 80 % der Tomaten und 70 % des Beerenobstes aus der EU. Ein nicht unerheblicher Teil davon kommt aus Niedersachsen. Könnten die hiesigen Produzenten jetzt im Frühjahr nach dem Brexit nicht mehr liefern, wären Preisturbulenzen die Folge.

Wie sieht es mit Produkten tierischen Ursprungs aus?

Außer bei Lamm ist Großbritannien bei allen Fleischarten Nettoimporteur. Besonders hoch ist der Bedarf bei Schweinefleisch. Der Selbstversorgungsgrad beträgt 55 %. Hauptlieferanten sind Dänemark, die Niederlande und Nordwestdeutschland. Dabei hat Niedersachsen einen überproportionalen Anteil.

Exportschlager sind Bacon und Schinken, aber auch Convenience- und Wurstwaren. Hier erzielen niedersächsische Verarbeiter eine sehr hohe Wertschöpfung, deutsche Fleischerzeugnisse genießen im Ausland einen ausgesprochen guten Ruf. Deutschland liefert zudem große Mengen an verarbeitetem Geflügelfleisch nach Großbritannien. Die großen Vermarkter haben bekanntlich ihren Sitz in Niedersachsen. Rindfleischerzeugnisse und nicht zuletzt Gebäck und Süßwaren spielen ebenfalls eine große Rolle.

Wäre denn Niedersachsen stärker betroffen als andere Bundesländer?

Die niedersächsische Wirtschaft wird durch den Brexit betroffen sein. Auch, weil sich die Wirtschaft in Großbritannien allen Prognosen zufolge weniger dynamisch entwickeln wird als ohne Brexit. Das zeigt sich schon heute. Und Niedersachsen hat im Bundesvergleich einen überproportional hohen Anteil am Außenhandel mit Großbritannien. Zahlengenaue Prognosen über die Entwicklung wären aber Spekulation.

Was würde ein harter Brexit für den Export bedeuten?

Sollte es doch noch zu einem harten Brexit kommen, ist damit zu rechnen, dass die ausgefeilten Lieferketten zunächst ins Stocken geraten. Zollformalitäten und Kontrollen würden dazu führen, dass Lastwagen stundenlang warten müssten. Warenströme müssten dann umgelenkt werden. Bekannt ist, dass britische Partnerfirmen sich für den Fall eines harten Brexits bei wesentlichen Agrarprodukten und Lebensmitteln schon vorsorglich eingedeckt haben.

Wichtige Fanggebiete liegen vor britischen Küsten. Was heißt das für die Fischerei?

Neben Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern sind davon auch Niedersachsens Fischer betroffen. Im Mittelpunkt stehen Zugangsrechte und Fangquoten. Für einige deutsche Fischereisparten gehen durch den Brexit wichtige Fanggebiete verloren, die nicht ausgeglichen werden können. Am stärksten betroffen ist die Hochseefischerei auf Hering, hier geht es um rund 50.000 t, das sind nahezu 100 % der deutschen Nordsee-Heringsfänge mit einem Warenwert von 100 Millionen Euro. Die Hochseefischerei auf Makrele fängt rund 15.000 bis 20.000 t in der britischen Zone, dies entspricht rund 50 % der Gesamtmenge.

Bei einem harten Brexit ohne Austrittsvertrag wäre EU-Fischern sofort der Zugang zu britischen Gewässern verschlossen. In der Folge könnten sie sich in grenznahen Gebieten konzentrieren, etwa im englischen Kanal und im deutsch-dänischen Grenzgebiet. Dort könnte es Engpässe geben.

Hinzu kommen Verschiebungen etwa in der Seelachsfischerei. Französische Fischer waren dabei bisher überwiegend in britischen Gewässern aktiv. Wenn sie ihre Fanggebiete verlieren, kommen sie eventuell zu den Fangplätzen der deutschen Fischereiflotte, die sich vor Norwegen befinden. Ein Fischereiabkommen zwischen Großbritannien und der EU soll schnellstmöglich abgeschlossen werden. Hier gibt es aber noch einige Streitpunkte.

Festlandsnachbar Irland führt regen Handel mit dem Königreich. Wie wichtig ist für Niedersachsen, was dort passiert?

Die Republik Irland bleibt ja in der EU. Das Land hat große Überschüsse bei Milch, Rind- und Lammfleisch. Aller Voraussicht nach würden beim Brexit die bisherigen Handelsbeziehungen zu Großbritannien abrupt abbrechen. Im britischen Teilstaat Nordirland auf der anderen Seite der Grenze droht ebenfalls ein großer Überschuss an Milch, da sie bislang im Süden der Republik Irland verarbeitet wird. Irland wird sich Ausweichmärkte auf dem Kontinent suchen, auch für seine Milchprodukte wie Butter und Käse.

Insbesondere bei Milch und Rindfleischprodukten ist deshalb ein Preisdruck auf dem EU-Binnenmarkt zu erwarten. Davon wäre naturgemäß auch Niedersachsen betroffen. Die jüngste Preisschwäche bei Jungbullen ist sicher zum Teil auch auf vorgezogene Schlachtungen in Irland zurückzuführen, die mit dem erwarteten harten Brexit zu erklären sein dürften.

Mehr zum Thema Brexit und mögliche Folgen für Niedersachsen lesen Sie in der LAND & Forst 12/19.

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