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Kommentar

Mercosur: Beim Freihandel nichts überstürzen

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Ralf Stephan, LAND & Forst
am
10.01.2018

Mit den Mercosur-Staaten will die EU das nächste Handelabkommen besiegeln. Tut die Eile wirklich not, fragt LAND & Forst-Chefredakteur Ralf Stephan.

Was für Europa die Europäische Union, ist Mercosur für Südamerika. Die spanische Abkürzung bedeutet Gemeinsamer Markt Südamerikas. Dieser Binnenmarkt besteht seit 1991 und umfasst über 70 % des Kontinents.

Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay sind die derzeit festen Mitglieder (Venezuela ist suspendiert), sieben weitere Staaten – darunter der Agrarexporteur Chile – assoziierte Mitglieder. Mexiko und auch Neuseeland genießen Beobachterstatus, wobei sich die Mittelamerikaner um den assoziierten Status bemühen.

Seit über zehn Jahren laufen die Gespräche der EU-Handelsdiplomaten mit dem Vierer-Staatenbund über ein Freihandelsabkommen. Lange Zeit köchelten sie auf Sparflamme, doch kaum war das Handelsabkommen Ceta mit Kanada unter Dach und Fach, wollte die EU-Kommission mit dem Mercosur-Vertrag auf die Zielgerade einbiegen.

Wenig Protest gegen Mercosur

Während gegen Ceta, also einen Vertrag mit einer hochentwickelten Wirtschaftsregion mit anspruchsvollen Standards und einem funktionierenden Rechtssystem, zehntausende Menschen auf die Straßen gingen, bleibt es um Mercosur erstaunlich ruhig.

Dabei gäbe es gute Gründe, gerade hier genau hinzuschauen. Der Deutsche Bauernverband befürchtet, der EU-Landwirtschaft könnte schwerer Schaden zugefügt werden, wenn die derzeit vorliegenden Verhandlungsangebote verabschiedet würden. Angeboten wurde den Südamerikanern unter anderem ein zollfreier Marktzugang für 70.000 Tonnen Rindfleisch, 600.000 Tonnen Ethanol und 100.000 Tonnen Zucker.

Fragen der Zertifizierung und Rückverfolgbarkeit gründlich behandeln

Natürlich geht es dem Bauernverband auch darum, eigene Märkte zu schützen. Aber gerade in diesem Fall eben nicht nur. Denn der Rindfleischskandal, der im vorigen Jahr in Brasilien aufflog, machte deutlich, dass es mit dem Verbraucherschutz und mit der Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln längst nicht so weit her ist, wie es Verbraucher in der Europäischen Union zu Recht erwarten.

Zudem kommen im Mercosur-Markt Produzenten von Zucker und Ethanol in den Genuss interner Stützungen, wie es sie in der EU nicht gibt. Das Thema Nachhaltigkeit wird auf den Zuckerrohrplantagen ganz anders interpretiert als auf niedersächsischen Rübenäckern.

Bevor es zu einem Freihandelsabkommen mit den Südamerikanern kommt, sollten auch Fragen der Zertifizierung und Rückverfolgbarkeit gründlich behandelt werden. Für Eile besteht kein Anlass. Erst recht nicht, weil mit dem Brexit zunächst im eigenen Vorgarten für Klarheit über künftige Handelsregeln zu sorgen ist.

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