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Kommentar

Die Welt ist wieder ein bisschen satter

ste
am
28.12.2015

Was hebt man hervor aus diesem Jahr? Der Stoff für den Rückblick füllt einen Fernsehabend.

Nein, nicht noch eine zweistündige Rückblickshow! Was wichtig war, muss hier auf ein halbes DIN-A4-Blatt passen.

Die Märkte sind wohl an erster Stelle zu nennen. Fast alle Prognosen gingen in die Büx. Und das ausgerechnet in jenem Jahr, in dem die Universität Göttingen das 60-jährige Bestehen ihrer Agrarökonomie feierte. Den neuen Lehrstuhl für landwirtschaftliche Marktlehre hatte 1955 Arthur Hanau übernommen, der knapp 20 Jahre zuvor als erster den Schweinezyklus beschrieb. Marktprognosen mit Garantie gibt es aber noch immer nicht. „Mit Sicherheit wissen wir nur“, sagte der jetzige Lehrstuhlinhaber Bernhard Brümmer vorige Woche auf einer Veranstaltung der Thaer-Gesellschaft in Göttingen, „dass Märkte für Massengüter sehr schwer berechenbar sind.“

Das gilt, wie wir 2015 sahen, sowohl für Erdöl als auch für Milch. Das Russland-Embargo zeigt dabei sehr klar auf, warum das so ist: Kein Marktexperte kann voraussehen, wie stark die Politik in Märkte eingreift. Der Importstopp, mit dem Russland auf die EU-Saktionen reagierte, kostete die hiesige Landwirtschaft bisher rund eine Milliarde Euro, die Wirtschaft insgesamt mehr als das Achtfache. Welcher Aufruhr würde wohl im Lande herrschen, wollte die Regierung ein Wirtschaftsförderungsprogramm in dieser Höhe auflegen? Geht es aber gegen Russland, spielt Geld offenbar keine Rolle.


Doch selbst in diesem miserablen Jahr gab es gute Nachrichten. Die Vereinten Nationen meldeten den Rückgang der Unterernährung. Vor 25 Jahren litt jeder vierte Erdenbürger darunter, jetzt nur noch jeder siebte. Das ist noch nicht genug, aber ein bemerkenswerter Erfolg. Schon deshalb, weil in dieser Zeit die Weltbevölkerung um fast zwei Milliarden Menschen wuchs, die landwirtschaftlich genutzte Fläche aber ungefähr gleich blieb. Zugleich stieg die Lebenserwartung weltweit auf 71 Jahre, 1991 waren es gerade 65 Jahre.  


Die Botschaft: Die Weltbevölkerung wächst, trotzdem nimmt die Zahl der Unterernährten ab - was auch für die Zahl der Hungernden gilt - und gleichzeitig steigt die Lebenserwartung. Daran haben die Landwirte in Niedersachsen nun ehrlicherweise einen verhältnismäßig geringen Anteil. Aber es sorgt für das gute Gefühl, in einer Branche zu arbeiten, die für die Menschheit wirklich Lebenswichtiges leistet. Sich darauf zu besinnen, bevor der Schlussstrich unter das Jahr 2015 gezogen wird, lohnt sich. Und setzt hoffentlich die Kräfte frei, die im nächsten Jahr ganz bestimmt gebraucht werden.

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