Login
Rind

BHV1-Sanierung: Alle Rinder auf einen Schlag verkauft

von , am
25.04.2014

Landwirt Henning Weißbach aus Upschört, Kreis Wittmund, verkaufte seine komplette Herde mit 240 Tieren, um von heute auf morgen frei zu sein. Bereits zehn Tage später wurde schon wieder eingestallt.

Schon vor 20 Jahren waren 30 % der Tiere betroffen. Trotzdem konnte er immer vermarkten, dafür gab es Einzeltierproben bei den Verkaufstieren. "Wir hatten also nie den Druck, zu sanieren", erinnert sich der Ostfriese, der vor acht Jahren dann erstmals gegen IBR impfte. Trotzdem gab es immer wieder, wie in so vielen anderen Betrieben auch, nicht zu erklärende Neuinfektionen.

Seit einigen Jahren hat nun Niedersachsen den Druck Richtung Sanierung verschärft: Man will in absehbarer Zeit keine Virusträger mehr haben und dann einen anerkannten Schutzstatus im EU-Recht erhalten. Daher müssen alle Reagenten bis zum 1. Mai 2015 abgeschafft werden.

Weidehaltung verboten

Ab dem 1. November dieses Jahres gilt bereits ein Weideaustriebsverbot für den gesamten Rinderbestand, sofern noch Reagenten im Tierbestand vorhanden sind. Waren Reagenten im Bestand, darf nur ausgetrieben werden, wenn nach der Entfernung des letzten Reagenten frühestens 30 Tage später eine Kontrolluntersuchung stattgefunden hat. Daher müssen Betriebe, die im Frühjahr 2015 Rinder austreiben wollen, deutlich früher die Reagenten ausmerzen.

Ab 1. November 2014 gilt ein Impfverbot gegen BHV1; Betriebe mit Reagenten müssen weiter impfen. Zum gleichen Zeitpunkt dürfen keine BHV1 schutzgeimpften Rinder (Nichtreagenten, die geimpft wurden) mehr von den Rinderbeständen in Niedersachsen aufgenommen werden. Wer noch Reagenten im Bestand hat, muss alle Tiere impfen.

Und ab November dieses Jahres dürfen in Niedersachsen nur noch Rinder aus BHV1 freien Beständen eingestallt werden und keine Rinder mehr mit Attest aus kontrollierten Impfbetrieben. Diese Regelung gilt schon ab Januar dieses Jahres für Mastbetriebe, die in 2015 den verminderten Beitrag in Anspruch nehmen wollen. Die Tierseuchenkasse hat kürzlich eine Erhöhung der Ausmerzungsbeihilfe beschlossen, wenn noch dieses Jahr alle Reagenten gemerzt werden.
Weißbach war nun seit dem 1. Januar quasi vom Markt abgeschottet, denn er konnte keine Kälber mehr verkaufen. Und 2015 wäre auch keine Weidehaltung mehr erlaubt.

Der Landwirt beriet sich mit Dr. Norbert Heising vom Veterinäramt. Für ihn blieben zwei Möglichkeiten: Die Reagenten rausnehmen, dann hätte Weißbach nur 40 % der Rinder und 25 % der Kühe behalten und immer noch hätte es die Gefahr der Ansteckung der restlichen Tiere gegeben. Insofern entschied sich der Landwirtschaftsmeister für Möglichkeit zwei, nämlich Komplettsanierung, also alle 240 Tiere verkaufen. Es war nicht einfach mitzuerleben, wie die Rinder den Hof verließen. Die Vermarktung erfolgte über den Zuchtverband und einen Viehhändler im Nachbardorf.

Die Ställe wurden gereinigt und desinfiziert und dann wieder mit Tieren gefüllt. Weißbach konnte drei Herden (insgesamt 110 Kühe aus einem Lauf- und zwei Anbindeställen, vorher hatte er 125) aus Betriebsaufgaben in der Region kaufen, ein absoluter Glücksfall. Die Einstallung konnte dank vorheriger Absprachen zeitnah erfolgen, nur zwei Wochen gab es kein Milchgeld. Und als das erste Mal die Melkmaschine wieder lief, ging es Weißbach auch schon besser…
Laufstall- und Anbindekühe kamen zuerst tagsüber auf die Weide und die Tiere aus Anbindehaltung in der Nacht in ein abgeriegeltes, 600 m² großes Strohabteil auf dem Hof, um sich langsam einzugewöhnen. Nach zwei Wochen wurde aus Laufstall- und Anbindekühen eine Gruppe gebildet. Die Milchleistung hat bereits jetzt das Niveau der früheren Herde erreicht.

"Der Schritt war richtig, ich hätte die Sache vor zehn Jahren schon ernst nehmen sollen", zieht Henning Weißbach heute eine positive Bilanz des Eintauschens seiner Herde, verbunden mit erheblichen finanziellen Einbußen. Nun muss er nicht mehr impfen, kann die Bullkälber problemlos vermarkten und nächstes Jahr alle Tiere auf die Weide lassen.

Gefahr für freie Herden

Immer wieder werden bereits sanierte Betriebe durch noch nicht sanierte Bestände infiziert. Die letzten Reagenten in gut 300 Betrieben stellen daher eine Gefahr für die große Mehrheit der bereits freien Herden dar.  

Mit Bayern hat bereits ein Bundesland den EU-weit anerkannten Status als BHV1-freie Region erhalten. Andere Bundesländer wie Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Thüringen werden in Kürze folgen. Ein Verbringen von Rindern in die freien Regionen ist nur unter Auflagen möglich.

Daher ist es von besonderer Bedeutung, dass Niedersachsen hier nicht den Anschluss verliert. Auch die Anforderungen des Handels mit anderen Staaten besagen, dass die Tiere BHV1-frei sein müssen. Da Niedersachsen auf den Handel angewiesen ist, ist es erforderlich, den Freiheitsstatus zu erreichen. 
  
Auch interessant