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Schwein

Freiheit für alle?

von , am
31.07.2013

Wie sollen Schweine künftig gehalten werden? Sind Freilaufbuchten im Abferkelstall praktikabel? Diese und andere Fragen sollen mit Hilfe eines Modellstalles im Landkreis Osnabrück beantwortet werden.

Auf der Freilauffläche nehmen es die Ferkel nicht so genau. Sie saugen auch mal bei der falschen Mutter. © Brammert-Schröder
Sieht so der Stall der Zukunft aus? Die Ferkel laufen munter durcheinander, sie nehmen es nicht so genau, ob die Sau, bei der sie an den Zitzen säugen, auch wirklich ihre Mutter ist. Auch die Sauen können jederzeit ihre Abferkelbucht verlassen und Kontakt zu ihren Artgenossinnen aufnehmen. Im "Stall der Zukunft" wird mit 60 Sauen in der Praxis umgesetzt, was sich die Firma Big Dutchman in einer Konzeptstudie auf dem Papier überlegt hat: Freie Bewegungsmöglichkeiten ein Tierleben lang, unter der Vorgabe, die Schweinehaltung trotzdem professionell und rentabel zu betreiben. Dabei soll auf die Fixierung der Tiere verzichtet werden und nur dann möglich sein, wenn es die Situation kurzfristig erfordert.

Auf EuroTier erstmals vorgestellt

Das Konzept wurde bereits auf der EuroTier 2012 in Hannover vorgestellt und von den Landwirten kritisch aufgenommen, wie Daniel Holling, Produktmanager bei Big Dutchman, vor zahlreichen Agrarjournalisten aus ganz Deutschland berichtete. Im Rahmen eines Kongresses besichtigten die Journalisten den Stall, der das umsetzt, was nach Meinung von Big Dutchman die Haltungsform der Zukunft sein könnte.

Umgesetzt wurde die Konzeptstudie auf dem Betrieb von Maria Ahlers in Fürstenau im Landkreis Osnabrück. Eigentlich wollte die Landwirtin Ende vergangenen Jahres mit der Sauenhaltung aufhören, nun betreibt sie den Modellstall mit großem Engagement. Der alte Stall wurde im Mai 2012 umgebaut, entstanden ist eine Stalleinheit, in der alle Sauen gemeinsam leben, die aber in bestimmte Bereiche unterteilt ist.

Während Gruppenhaltung im Wartebereich längst Stand der Technik ist, ist eine Gruppenhaltung der Ferkel führenden Sauen in der Regel nicht üblich. Im Stall der Zukunft wird beides umgesetzt. Zentrales Element, das alle Funktionsbereiche miteinander verbindet, ist die Futterstation. Hier kommen alle Sauen zum Fressen und werden über die Abruffütterung tierindividuell versorgt. Auch die Ferkel führenden Sauen bekommen im Freilaufmodus in der Futterstation das Leistungsfutter individuell zugeteilt. Die Grundration erhalten sie in der "Abferkelbox". Neben einer Sortierschleuse ist auch die Installation weiterer Managementhilfen möglich, mit deren Hilfe die Rausche erkannt oder die Trächtigkeit festgestellt werden kann. Sie sind im Betrieb Ahlers bisher jedoch noch nicht eingesetzt worden.

Im Stall von Maria Ahlers werden die Sauen am 108.Trächtigkeitstag über die Abruffutterstation automatisch in den Abferkelbereich mit zehn Abferkelplätzen geleitet. Die Buchten sind ohne Ferkelschutzkorb ausgestattet, so dass sich die Sau frei darin bewegen kann. Lediglich ein Abweisebügel vor dem Ferkelnest soll ein Erdrücken der Ferkel verhindern.

Filz-/Leinenstreifen als Nestbaumaterial

Die Sauen wählen sich ihre Abferkelbucht selbst aus. Maria Ahlers markiert die Sauen entsprechend und schließt die Tür am 113. Trächtigkeitstag hinter den Sauen, so dass genügend Zeit zum Nestbau bleibt. Hierfür gibt die Landwirtin den Tieren 1 m lange und 30 cm breite Streifen aus einem Filz-/Leinengewebe, mit denen die Sauen nach Aussage von Daniel Holling ein Nest für die Ferkel bauen. "Auch für die frisch geboren Ferkel hat der Stoff Vorteile, weil sie schneller trocken sind und sich daran wärmen", so der Produktmanager. Nach spätestens drei Tagen werden die Stoffstreifen entsorgt.

Nach dem Abferkeln bleiben die Sauen und ihre Ferkel zwei Tage zusammen in der Bucht, damit sie sich ausreichend kennenlernen und sich eine stabile Mutter-Kind-Beziehung entwickelt. Danach öffnet Maria Ahlers den oberen Teil der Boxentür, so dass nur die Sauen die Wurfbox in den Auslaufbereich verlassen können. Für die Ferkel öffnet sie die Tür nach sieben Tagen. Dann können auch sie in den Auslaufbereich und mischen sich mit den Ferkeln der anderen Sauen. "Das fördert die Immunität, Bewegung und Agilität der Ferkel enorm", weiß Holling aus Erfahrung. "Es ist aber auch eine harte Schule für die Ferkel. Wir brauchen für dieses System starke Ferkel, sprich ausgewogene Würfe mit guten Geburtsgewichten."

Bis jetzt sind neun Abferkeldurchgänge im Stall der Zukunft erfolgt. Eingestallt wurden mit Projektbeginn Jungsauen französischer Genetik. Auffällig sind die Ferkelverluste in der frühen Phase: "In den ersten drei bis vier Tagen haben wir Erdrückungsverluste zwischen 15 und 20 %, das ist natürlich deutlich zu hoch", erklärt Holling.

Big Dutchman versucht, das Problem in den Griff zu bekommen, etwa durch eine Umgestaltung des Ferkelnestes. "Wir haben verschiedene Maßnahmen ergriffen, daran etwas zu ändern." Holling verweist aber auch klar darauf, dass sich das System noch in der Studienphase befindet: "Das System ist noch nicht marktreif und wird in dieser Form sicher nicht verkauft." Allerdings gehe der Trend europaweit zu Freilaufsystemen in der Sauenhaltung, berichtete Holling.

Saugferkelverluste sind zu hoch

"Wir wollen mit den Landwirten den Dialog führen und nach praktikablen Lösungen suchen. Denn auch die Ferkelerzeuger sind sich bewusst, dass weitere Änderungen auf sie zukommen werden. Die wollen wir mitgestalten." Die ersten Erfahrungen mit dem System beurteilt Holling durchaus positiv: "Die Kondition und der Zustand der Sauen ist wesentlich besser als in herkömmlichen Systemen, auch die Körpergewichtsverluste während der Säugezeit sind geringer. Die Sauen kommen mit dem System gut klar, wir haben bisher nur zwei Sauen wegen schlechter Mütterlichkeit merzen müssen." Einzig die Saugferkelverluste in den ersten Tagen sind sehr hoch. Dennoch wurden im Durchschnitt 22 Ferkel pro Sau und Jahr abgesetzt.

Um das System noch zu verbessern, hat ein Verbund aus Universitäten und Forschungseinrichtungen ein gemeinsames Forschungsprojekt beantragt, mit dessen Hilfe viele offene Fragen hinsichtlich Tierverhalten, Krankheitsdruck und Ausgestaltung geklärt werden sollen.

Der Deutsche Bauernverband hat über den Modellstall ein Video erstellt, es ist unter www.die-deutschen-bauern.de/wirLandwirtezufinden ("Die Suche nach einem neuen Stall").
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