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Rinderhaltung

Irisches Weidemanagement in Brandenburg

Die Kälber werden etwa ab der 5. Lebenswoche mit dem Milchexpress auf der Weide einmal täglich mit Milchaustauscher versorgt.
am Freitag, 31.05.2019 - 11:40

Die Familie Costello Group aus Irland stellt ihren Kuhbetrieb in Brandenburg auf das irische Weidesystem um. Wie funktioniert das?

  • In Kloster Lehnin in Brandenburg hat eine irische Farmerfamilie 2014 einen 400-Kuh-Betrieb übernommen.
  • Dieser wird seit zwei Jahren konsequent auf das irische Weidesystem ohne Stallhaltung umgestellt.
  • Die Kuhzahl wurde verdoppelt, irische bzw. neuseeländische Weide-genetik eingekreuzt.
  • Konsequent wurden gute Gräsermischungen angesät und das Weidemanagement optimiert.

Zaun geht auf und 630 Kühe wechseln sofort von der abgefressenen Weide auf das frische Grün und fangen gleich wieder an zu fressen. „Unsere Kreuzungstiere sind aggressive Fresser, anders als die hiesigen Holstein Friesen Kühe“, erklärt Paul Costello den deutschen Landwirten, die  der Einladung zum Farm Walk „Innovativ Weiden“ im Rahmen des Nefertiti-Projektes gefolgt waren. Costello ist Ire und der Betrieb liegt in Brandenburg bei Kloster Lehnin. Das ist etwa 1.800 km von Costellos Heimat in Irland entfernt.

 

Weidecoach-Gruppe eingeladen

Die niedersächsischen Landwirte aus Ovelgönne im Landkreis Wesermarsch brauchten dagegen nur 400 km zurückzulegen, um sich vergangene Woche diesen interessanten Betrieb der Agrargesellschaft Emsterland mbH anzuschauen. Der 1.500 ha (davon etwa 500 ha Grünland) umfassende Agrarbetrieb wird seit zwei Jahren nach irischem Vorbild umgestellt. Zu dieser Fahrt hatte das Grünlandzentrum Niedersachsen-Bremen e.V. in Ovelgönne Landwirte seiner Weidecoach-Gruppe eingeladen.

 

Kuhzahl verdoppelt

Paul (l.) und Stephen Costello aus Irland wirtschaften seit 2014 auf einem brandenburgischen Milchviehbetrieb und haben diesen auf das irische Weidesystem umgestellt.

Betriebsleiter Paul Costello und sein Bruder Stephen stellten  zusammen mit den beiden Herdenmanagern aus Irland bzw. insgesamt neun Mitarbeitern vor zwei Jahren den ehemaligen maroden 400-Kuh-Betrieb komplett auf ein ganzjähriges Weidesystem um.

Die irische Costello-Group hatte den Milchviehbetrieb 2014 übernommen, die Kuhzahl wurde seitdem verdoppelt und die Holsteinkühe mit irischer und neuseeländischer Weidegenetik aus HF x Jersey gekreuzt. Aus diesem Grund ist Costellos Herde noch sehr jung (60 % Färsen) und die Kühe mit 500 bis 550 kg Lebendgewicht deutlich leichter als die HF-Tiere. Costello: „Sie sollen gute Arbeiter sein und das Gras gut verwerten.“

Abkalbungen im Freien

Die Kühe bleiben das ganze Jahr über draußen auf den Weiden und werden zum Dezember hin alle trocken gestellt. Blockabkalbung ist ein zentraler Punkt im irischen Weidesystem. Die eigenen Maisflächen dienen als Abkalbepaddocks. Etwa 80 % der Kühe kalben binnen sechs Wochen dort ab. Eine stressige Zeit, doch Costello hatte irische Studenten, die ihr Auslandspraktikum bei ihm absolvieren, zur Hilfe. Die Kälberverluste lagen unter 1 %. Die Winterpaddocks wurden im Frühjahr mit Ackergras oder Mais bestellt.

Mit fünf Wochen geht es auf die Weide

Die Kälber werden direkt nach der Geburt mit 2,5 l Biestmilch gedrencht (Biestmilch wird immer untersucht), markiert, geimpft und mit Halocur gegen Kälberdurchfall behandelt. Aus Tierwohlgründen werden sie direkt nach der Geburt bis zur vierten/fünften Lebenswoche in Zehnergruppen auf einem Holzhackschnitzel/Strohgemisch aufgestallt. Zweimal täglich erhalten sie über die Milchtränke anfangs Vollmilch, später dann Milchaustauscher (zweimal 3 l). Ein strenges Rein-Raus-Verfahren soll der Übertragung von Krankheitskeimen vorbeugen. Kranke Kälber kommen in Einzelboxen.

Sobald es das Wetter erlaubt, gehen die Kälber in Gruppen von je 30 Tieren auf die Weiden, wo sie über den Milchexpress einmal täglich mit 6 l Milchaustauscher je Kalb versorgt werden. Ergänzend gibt es eine Trocken-TMR aus Luzerne, Mais und Kleegras. Später können die Kälber Stroh aus Raufen aufnehmen. Nach etwa zwölf Wochen bzw. mit 100 kg Lebendgewicht wird die Milch abgesetzt.

Wenn Wildgänse den Aufwuchs vernichten

Die Costello-Herde besteht zum überwiegenden Teil aus Kreuzungstieren

Da die HF-Kühe ein weniger gutes Weideverhalten zeigen, hat Costello die Herde in Kreuzungstiere und reine HF-Tiere geteilt. So können die HF-Tiere ihrem Nährstoffbedarf entsprechend auf der Fläche besser zugefüttert werden. Die Kreuzungskühe gehen in Irland nach dem Abkalben normalerweise im Februar wieder zur Weide. Nicht so in Brandenburg. Denn dort gibt es Wildgänse, die den Herbstaufwuchs, der extra für die Kühe etwas länger bleibt, vernichtet haben. Costello nimmt es sportlich: „Auf so etwas müssen wir uns eben einstellen“. Das bedeutet: Die Frischmelker bleiben auf ihren Winterpaddocks und werden mit Gras- und Maissilage zugefüttert, bis das Graswachstum zur Beweidung ausreicht.

Bonitur der Grasnarbe ist Pflicht

Die Weideflächen (laut Farmmap insgesamt 430 ha) präsentieren sich in einem sehr guten Zustand. Das liegt daran, dass bei jeder Fläche eine Bonitur der Grasnarbe durchgeführt und anschließend mit einer passenden Gräsermischung neu angesät wurde.

Weideaufwuchs-Betrieb-Castello

Die Mischungen enthalten je nach Fläche  moorgeeignete Sorten. Neben Deutschem Weidelgras werden Lieschgras, Schweidel und Rohrschwingel eingemischt. Je besser die Mischung an den Standort angepasst ist, umso stabiler bleiben die Grasnarben. Dazu trägt auch die jährliche Nachsaat bei.

Grundsätzlich werden auch Gülle bzw. der Gärrest aus der eigenen Biogasanlage eingeschlitzt, und zwar erst nach der Silageernte. Costellos Motto: Lieber öfter und kleinere Mengen Gülle düngen, als zwei/drei größere Gaben. Die hofeigene Biogasanlage wird mit Gülle vom Schweinebetrieb, Maissilage, Futterresten und Waschwasser aus dem Karussel-Melkstand gefüttert. Die erste Düngung im Jahr erfolgt mineralisch mit Kalkammonsalpeter oder einem NPK-Dünger.

Bedarf und Aufwuchs

Typisch für das irische Weidesystem ist die exakte Anpassung des Beweidungsdrucks (Anzahl der Kühe/ha) an den Grasaufwuchs und den Tierbedarf. Ist der tägliche Zuwachs gering, erhalten die Kühe eine größere Fläche (Paddock) zur Beweidung zugeteilt. Ist der tägliche Trockenmasse(TM)-Zuwachs hoch, wird die Paddockgröße entsprechend verkleinert. Ziel ist es, den Kühen immer junges und schmackhaftes Gras anzubieten. Der Weiderest sollte nicht weniger als 4,5 und nicht mehr als 7 cm Aufwuchshöhe haben.

Weidemanager sorgen für optimales Weidesystem

Für das optimale Weidesystem sorgen die Weidemanager.

  • Mit Hilfe eines elektronischen Messgerätes (Platemeter) messen sie den Grasaufwuchs jedes Paddocks wöchentlich oder auch täglich und speisen die Daten über eine App in die Weide-Datenbank AgriNet (gehört zur PastureBase, Irland) ein.
  • Das System, den verfügbaren Grasaufwuchs in TM je Weidepaddock zu messen und mit dem TM-Bedarf der Herde abzugleichen, hilft, die Kühe rechtzeitig auf die passende Fläche umzuweiden.
  • Wichtig ist dafür eine arrondierte Lage der Weideflächen und befestigte Treibewege.
  • Futterüberschüsse werden in Rundballen (drei Lagen Folie, kein Netz, Energiegehalt von 7 MJ NEL) gepresst.
  • Die Rundballen dienen im Winter als Windschutz für die Weidetiere.

Costello fasst seine brandenburgischen Erfahrungen zusammen: „Futterknappheit ist besser zu managen als Futterüberschüsse“. Im Trockenjahr 2018 konnte der Ire mit seinem Team im Schnitt 10 bis 12 t TM/ha an Grasaufwuchs erzielen. In Irland sei der TM-Aufwuchs 2018 auch nicht besser gewesen.

Low-Cost-System

Die Jahresmilchleistung liegt bei den Kreuzungskühen bei 5.000 kg Milch mit knapp 9 % Milchinhaltsstoffen (4,5 % Fett und 3,7 % Eiweiß). Der tägliche Kraftfutteraufwand je Kuh liegt bei etwa 5 kg. Im vergangenen Jahr wurden jedoch 7,5 kg Kraftfutter je Kuh benötigt. Die HF-Kühe bekommen generell täglich 2 bis 3 kg Kraftfutter mehr. Costellos Ziel sind 26 bis 28 Cent/l Vollkosten, so wie es irische Spitzenbetriebe auch schaffen. Bei einem Milchauszahlungspreis von aktuell 35 Cent/l Milch hätte sich das Low-Cost-System dann bewährt.

Betriebsspiegel

  • 1.500 ha LN, davon knapp 400 ha Grünland;
  • 850 Kühe, davon 675 Kreuzungskühe, 175 HF-Kühe, 2,5 Kühe/ha;
  • 230 Färsen und 180 Kälber zur Aufzucht auf anderen Betrieben, 200 Kälber werden selber aufgezogen;
  • 10 bis 12 t Gras-
  • trockenmasse/ha/Jahr;
  • 5.000 kg Milch/Kuh/Jahr, 5 kg Kraftfutter/Kuh/Tag;
  • Eigenmechanisierung für Siloballenernte und  Gülleschlitzen;
  • Biogasanlage, 135 kW.