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Ferkelaufzucht

Von Niedersachsen nach Mecklenburg-Vorpommern

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© Rübensaat
Bettina Karl
am
03.05.2018

Die aus Südoldenburg stammende Familie Kühling hat in Vorpommern einen Betrieb mit Ferkelproduktion aufgebaut. Damit sind sie nun bei der Initiative Tierwohl dabei – mit einer ungewöhnlichen Lösung für mehr Platz.

Entwicklungen beobachten, mitdenken, schnell kreative Lösungen suchen, ausprobieren - so könnte man die Unternehmensphilosophie der Kühlings auf den Punkt bringen. Die beiden Brüder Michael und Andreas Kühling sind 1992 mit ihren Eltern aus dem Landkreis Cloppenburg in Niedersachsen nach Zemmin in Mecklenburg-Vorpommern „ausgewandert“. Der landwirtschaftliche Betrieb in Falkenberg wurde dafür verkauft. Nach und nach entstand am neuen Standort ein Betrieb mit diversen Standbeinen. Als vor Jahren die zugekauften Ferkel nicht der Qualität entsprachen, die sie sich wünschten, stand bald fest: sie halten selbst Sauen, um Ferkel nach ihren Vorstellungen heranzuziehen.

Nach dem Bau einer Biogasanlage, die die Schweinegülle verarbeitet, schafften sie die 9.000 Mastputen ab: Das Geflügel mag lieber kühlere Ställe, Ferkel aber wissen die Abwärme zu schätzen. Seit November 2017 nimmt der Betrieb Kühling am Qualitätsprogramm Gutfleisch der Edeka Nord teil. Und seit Anfang diesen Jahres sind sie sowohl mit ihren Mastschweinen als auch mit der Ferkelaufzucht bei der Initiative Tierwohl (ITW) dabei. Am 20. Februar fand im Betrieb das Audit für die Teilnahme statt. Das war noch einmal ein großer Schritt.

Den neuen Betrieb mit Ferkelproduktion nach und nach entwickelt

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Das Raufutter wird täglich von Antje Kühling nachgefüllt.

Nachmittags, 13 Uhr im Flatdeck: Ferkel laufen flink durcheinander, knabbern an hölzernen Beschäftigungsmaterialen oder meistern geschickt die Schräge, über die sie nach oben auf die Balkone gelangen oder eben wieder runter. Platz haben sie genug. „Um diese Zeit sind die Tiere immer sehr aktiv“, hat Antje Kühling beobachtet. Die Ehefrau von Andreas Kühling hat im Betrieb die Ferkelaufzucht unter ihre Fittiche genommen.

Die Ferkelbalkone sind eine bauliche Besonderheit. Sie befinden sich über jeder Bucht und sind nur durch ein relativ niedriges Gestänge voneinander getrennt. Diese flache Abgrenzung ist aber auch der Grund dafür, dass sich nicht immer 48 Ferkel in jeder Bucht befinden. Mitunter besuchen die Ferkel ihre Artgenossen in der Nachbarbucht, indem sie einfach über das Gestänge springen. „Seitdem wir auf Tierwohl umstellen, gibt es fast jeden Tag eine andere Überraschung“, lacht Antje Kühling.

Nach dem Stallumbau ist vor dem Stallumbau

„Wir sind gerade erst mit dem Umbau fertig und arbeiten schon wieder an neuen Lösungen.“ Ihr Schwager Michael Kühling meint: „Wir überlegen, ob wir die Trennwände und die Stangen rausnehmen, um aus zwei Gruppen eine zu machen. Dann bekommen die Ferkel noch mehr Platz und auch wir können uns besser bewegen, da es dann zum Beispiel beim Behandeln nicht so eng ist.“ Das, wiegelt er ein wenig ab, könne man aber nicht von heute auf morgen machen. „Erst mal müssen wir wissen, wie es funktioniert.“

Tierwohl: Mehrzimmerwohnung mit Balkon

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© Rübensaat

Die klappbaren Balkone in den Flatdecks sind die erste Umbaumaßnahme, für die sich die Landwirte entschieden haben. Sie sind kein Kriterium für die Teilnahme an der Tierwohl-Initiative. Doch die zweite Ebene schafft mehr Platz auf unveränderter Grundfläche. „Schließlich haben wir Platz nach oben“, begründet Michael Kühling schmunzelnd.

Und noch einen zweiten Effekt gibt es: Die Ferkel liegen ebenso gern unter den Balkonen, da es dort durch die Fußbodenheizung mollig warm ist, aber auch geschützt und dämmrig, wie in einer Höhle.

Fußbodenheizung im Flatdeck und 16-mal frisches Futter für die Ferkel

Ins Flatdeck kommen die Ferkel nach dem Absetzen ab dem 28. Lebenstag und wachsen hier fünf Wochen heran. Für Raumtemperaturen von 32 °C beim Einstallen sorgt die Abwärme aus der hofeigenen Biogasanlage. Sie wird über Heizplatten im Fußboden und Warmluftgebläse übertragen. Täglich bekommt der Nachwuchs sensorgesteuert bis zu 16-mal frisches, flüssiges und warmes Breifutter verabreicht. Darüber hinaus sorgen ausreichend offene Tränken für frisches Wasser nach Belieben der Tiere. Anschließend kommen die Ferkel in die Vormast und bleiben auch hier vier Wochen.

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Die Rampe zur zweiten Etage im Flatdeck, die in Eigenbau erstellt wurde, wird von den Absetzferkeln von Anfang an sehr gut angenommen; die Flüssigfütterungstechnik und der Automat vorne strukturieren die Bucht zusätzlich. © Rübensaat

„Bei beiden Systemen arbeiten wir so, dass wir schon in der vierten oder dritten Woche die schwereren Tiere absuchen, um eine gewisse Gleichmäßigkeit herzustellen. Sie gehen dann in die nächstschwerere Gruppe. Das schafft mehr Platz für die anderen. Wir haben gemerkt, dass homogene Schweine untereinander besser klarkommen.“ Doch die Umstellung auf die Kriterien der ITW bringt auch Nachteile. „Zum Beispiel ist beim Herumtoben auch die Verletzungsgefahr höher“, sagt Michael Kühling.

Für alle diese Veränderungen hat der Betrieb in Vorpommern gute Voraussetzungen. Da beispielsweise die Ställe schon vor dem Umbau viel Platz boten und bisher tote Flächen einbezogen werden, bleibt die Zahl der im Betrieb Kühling gehaltenen Schweine trotz des Mehrangebotes von 10 % Platz weitestgehend stabil. Das ist wichtig für die Wirtschaftlichkeit. Letztlich muss es sich rechnen.

Verschiedene Label – verschiedene Vorgaben

Arbeiten nach den Kriterien der ITW bedeutet aber auch einen höheren Aufwand. So musste für den Umbau der Ferkelaufzucht und der Schweinemast erst einmal kräftig investiert werden. Nachdem das Konzept genehmigt war, bauten Kühlings innerhalb von nur drei Monaten alle Ferkel- und Schweinemastplätze um.

  • Mit Dienstleistern hätte der Umbau schätzungsweise 500.000 € gekostet.
  • In Eigenleistung fielen rund 150.000 € Materialkosten zuzüglich Montagekosten an.
  • Andreas Kühling rechnet mit rund 80.000 € Tierwohlprämie pro Jahr bis 2020. „Dann wären die Investitionskosten gedeckt“, kalkuliert er.
  • Dann erhält der Betrieb künftig zusätzlich 3,30 € pro abgeliefertem Mastschwein als Grundbetrag.
  • Dazu werden Wahlkriterien noch einmal extra honoriert. Bei den Kühlings sind es Scheuermöglichkeiten für die Tiere und Saufen aus offener Fläche. Und pro Standort gibt es 500 € Grundbeitrag jährlich, diese werden für die Kosten des geforderten Klimachecks und die Tränkwasserkontrolle jedoch gleich wieder aufgebraucht.

Initiative Tierwohl ohne "richtigen Mehrgewinn"

„Die gesamten Mehrerlöse, welche durch die Initiative Tierwohl gezahlt werden, decken leider häufig lediglich nur die anfallenden Kosten. Ein richtiger Mehrgewinn findet auch durch die zusätzlichen Zahlungen für den Landwirt nicht statt,“ sagt Andreas Kühling.

Das Fazit

Er und seine Familie können nun auf Erfahrungen mit drei Systemen verweisen: QS, Edeka und Tierwohl. Ihr Fazit: Es ist ein ziemliches Durcheinander. „Wir haben sehr viel umgesetzt und dann gemerkt: Das geht hier so, passt aber nicht nach Tierwohl. Und anderes geht so, passt aber nicht nach QS. Und wieder anderes, das geht so, passt aber nicht nach Edeka. Das muss unbedingt einfacher werden, sonst blickt am Ende keiner mehr durch, schon gar nicht der Verbraucher“, zieht Michael Kühling Bilanz. „Die Umstellung des Betriebes auf die Tierwohl-Anforderungen ist gut für die Tiere, aber sie muss sich auch rechnen“, fasst er zusammen.

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