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Pferde

Mit den Pferden viel kommunizieren

von , am
20.05.2014

Warum will dieser sture Esel schon wieder nicht auf den Anhänger? Warum ist das Biest im Gelände so ängstlich? Wie kann ein Pferd nur so flegelhaft sein? Fragen über Fragen, hier die Antworten.

Hier werden gerade Streicheleinheiten verteilt. Sensible Pferde benötigen besonders viel Lob. © Schwöbel
 
Heinz Welz referierte auf einer Veranstaltung der Fachhochschule Soest über die erfolgreiche Kommunikation zwischen Mensch und Pferd. Welz ist Gründer und Leiter der Akademie für die Mensch-Pferde-Kommunikation. Seit vielen Jahren befasst er sich damit, die Wahrnehmung des Menschen für die Stimmung seines Pferdes zu schärfen, Charakter und Temperament zu erkennen und entsprechend darauf zu reagieren. Der Lehrer und studierte Psychologe kam über Umwege dazu, die Psychologie des Menschen auf die Verhaltensweisen des Pferdes zu übertragen.

Sein "Geheimnis" liegt in der Kombination von Kommunikation, Vertrauen und Respekt vom Menschen in das Pferd und im Verlauf der Ausbildung vom Pferd in den Menschen. Sein Wissen gibt er europaweit in gut besuchten Seminaren weiter.

Laut Welz beginnt die Ausbildung mit der Verständigung durch Körpersprache, welche durch Bewegung, Mimik und Gestik gekennzeichnet ist. Mit Hilfe dieser Verständigung kann eine Beziehung hergestellt werden, auch zwischen so unterschiedlichen Spezies wie einem Beutejäger - dem Menschen - und einem Beutetier - dem Pferd.

In seinem Vortrag veranschaulichte er diese Beziehung anhand eines Zweisäulen-Modells. Dabei baut die erste Säule auf die Beziehung und die zweite Säule auf die Erziehung auf. Beide Arten der Beziehung verlangen klare Kommunikation und Konsequenz im Verlauf der Ausbildung. Damit wird erreicht, dass der Mensch dem Pferd als Autorität gegenüber treten kann und somit den Respekt des Pferdes erhält.

Im Verlauf des Vortrages stellte Welz mehrfach dar, dass nach seinem Ausbildungsansatz die Folgsamkeit des Pferdes - also Gehorsam auf freiwilliger Basis -  oberstes Ziel ist. Dabei ging er auf die geistigen, die emotionalen sowie die körperlichen Aspekte der Folgsamkeit ein, welche aufeinander aufbauen. Daraus resultierende Ergebnisse sind Sicherheit, Erfolg, Freude und Leichtigkeit im Umgang mit dem Pferd.

Das besondere Interesse der Zuhörer weckte der Referent durch die Einteilung der verschiedenen Charaktere der Pferde und Menschen. Dabei stützte er sich auf die Temperamentenlehre von Hippokrates und Galenus. Die rund 2500 Jahre alte Theorie kategorisiert die Menschen nach ihrer Grund-Wesensart in Sanguiniker (heiter, aktiv, optimistisch), Choleriker (leicht erregbar, ehrgeizig, kühn), Phlegmatiker (gelassen, schläfrig, ruhig) und Melancholiker (sensibel, nachdenklich, traurig). Diese Theorie übertrug Welz auf die Pferde und entwickelte somit seinen Persönlichkeitszirkel für Pferde.

Demnach sind Sanguiniker verspielt und jederzeit zu Unsinn aufgelegt. Sie sind extrovertiert, liebenswürdig, aber häufig dominant. Heinz Welz ordnet sie dem "Denktyp" zu: selbstsicher und stabil. Viele Sanguiniker sind regelrechte Flegel: Sie lernen alles, vor allem das, was sie nicht sollen, öffnen jedes Tor, zerreißen alles, dessen sie habhaft werden können. Hier ist im Umgang viel Konsequenz notwendig, um dem Pferd die Flegeleien nicht durchgehen zu lassen. Sein Spieltrieb macht die Arbeit mit ihm aber auch interessant: er braucht viel Abwechslung und lässt sich daher gerne zum Spielen und zu Kunststücken animieren, das perfekte Zirkuspferd.

Der Phlegmatiker ist ebenfalls extrovertiert, dominant aber häufig ein Faulpelz - ein träges Pferd mit wenig Vorwärtsdrang, langsamen Reaktionen und oft mit einem apathischen Gesichtsausdruck. Der Reiter hat dann neben der Triebigkeit mit Taktproblemen, mangelnder Losgelassenheit und Lustlosigkeit zu kämpfen. Für Anfänger hat dieser Charakter durchaus Vorteile - sportliche Reiter könnten schier verzweifeln. Auch für diesen Typen ist konsequentes Beharren auf der eigenen Hierarchieposition und auf dem Gehorsam des Pferdes die Voraussetzung für eine gelungene Mensch-Pferd-Beziehung. Sonst tut das Pferd, was es will und reagiert immer schlechter auf Anweisungen und Hilfen, sowohl am Boden als auch unter dem Sattel.

Melancholiker sind introvertierte, sensible und eher unsichere Pferde. Im Gegensatz zum Phlegmatiker sind sie sehr leistungsbereit und immer bestrebt, alles richtig zu machen. Aus lauter Eifer antizipiert das Pferd schon, was der Reiter gleich vom ihm erwartet: "An dieser Stelle wurde jetzt zwei mal angaloppiert, also fange ich schon mal an und warte gar nicht erst auf das Kommando" Leider falsch gedacht - und schon wieder reagiert das Pferd nicht, wie es soll. Es jetzt zu strafen, wäre falsch, weil der gute Wille vorhanden war. Sensible Pferde brauchen viel Lob und ständigen Wechsel in den Übungen, damit sie sich mehr auf die Hilfengebung konzentrieren. Wenn das sensible Pferd gelernt hat, auf seinen Reiter zu hören, ist es ein wunderbarer Partner, auch für schwierige Übungen.

Anders der Choleriker. Obwohl ebenfalls introvertiert und unsicher, sucht er nicht die Anlehnung sondern verlässt sich in kritischen Situationen lieber auf sich selbst - manchmal mit gefährlichen Folgen. Choleriker sind für Anfänger und unsichere Reiter ein Schrecken. Sie benötigen ruhige und gelassene Menschen, die dem Pferd durch das Einfordern von Respekt und Gehorsam Sicherheit verschaffen. Und sie benötigen viel Zeit für Betreuung und ständige Übungen.

Jedes Temperament kann sich bei Mensch und Pferd sowohl positiv als auch negativ zeigen, und weder Menschen noch Pferde lassen sich eindeutig einem Typen zuordnen. Dennoch hilft die Beschäftigung mit dem Charakter des Tieres, seine Bedürfnisse zu erkennen und darauf zu reagieren. Wichtig bei der Einteilung ist dabei eine beobachtende und keine voreilig bewertende Auffassung.
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