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Seuchenfälle: Sind wir gut aufgestellt?

von , am
14.08.2013

Tierseuchen stellen heutzutage ein großes Risiko für Tierhalter dar. Ob Niedersachsen gut vorbereitet ist auf Seuchenfälle, fragten wir Dr. Ursula Gerdes von der Niedersächsischen Tierseuchenkasse.

Dr. Ursula Gerdes ist seit Anfang diesen Jahres neue Geschäftsführerin der Niedersächsischen Tierseuchenkasse. © CDL
Frau Dr. Gerdes, bereiten Ihnen die Meldungen über neue Ausbrüche der Afrikanischen Schweinepest Sorge, die uns in regelmäßigen Abständen aus Osteuropa und Russland erreichen?
 
Ja, das tun sie sehr wohl. Es ist schon beängstigend, mit welchem Tempo sich die Afrikanische Schweinepest von  Georgien kommend in Richtung Westen bewegt hat, nämlich jedes Jahr um ca. 350 km. Da kann man sich sehr leicht ausrechnen, wann sie bei uns angekommen sein müsste.
 
Wo liegen Ihrer Meinung nach die Hauptgefahren?
 
In den baltischen Staaten und Polen gab es jüngst die Überlegung, einen Wildzaun entlang der Grenzen zu ziehen, um Wildschweine am ‚Grenzübertritt‘ zu hindern. Wildschweine sind sicher ein Übertragungsrisiko, insbesondere jedoch in bisher betroffenen Regionen, da die Kontaktmöglichkeiten der Wildschweine zu den Schweinehaltungen wegen der örtlichen Nähe und der Haltung im sprichwörtlichen Hinterhof sehr viel größer sind. Ich sehe daneben zwei Hauptaspekte: zum einen die Transporte und der Personenverkehr aus Osteuropa oder Russland in Richtung Westen, beides hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Mit den Transporten können infizierte tierische Produkte und Speisereste nach Deutschland gelangen.
 
Worauf in der Fachpresse ja auch schon häufiger hingewiesen wurde, sind das zum anderen die Jäger, die die ohne Zweifel interessanten Möglichkeiten in unseren östlichen Nachbarländern gern und viel nutzen. Schweinehalter, die dort zur Jagd waren, sollten ihren Stall danach drei Tage nicht betreten, das Schweinepestvirus ist sehr leicht übertragbar, bereits wenig Blut infizierter Tiere reicht für eine Infektion aus.
 
Alle Wachsamkeit bietet keinen 100%igen Schutz gegen einen Seucheneinbruch. Wie sind wir für den Fall der Fälle gerüstet?
 
Wir sind gut gerüstet hier in Niedersachsen! Ich nenne dazu die beiden Eckpfeiler Früherkennung und Vorsorge. Wenn es zu einer Ansteckung gekommen ist, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Je eher es eine klare Diagnose gibt, umso größer die Chance‚ die Seuche schnell in den Griff zu bekommen. Und dies gilt umso mehr, je mehr Tiere in einer Region stehen. 'Glücklicherweise' - auch wenn das Wort hier eigentlich unpassend ist - zeigen die derzeit vorkommenden Varianten der Afrikanischen Schweinepest sehr deutliche Symptome, die Tiere bekommen sofort hohes Fieber, fressen nicht, liegen apathisch herum, zeigen Blutungen unter der Haut und nach drei Tagen verenden sie in der Regel. Typisch ist, dass nicht alle Tiere eines Bestandes, nicht einmal einer Bucht, sich infizieren müssen, es können auch nur Einzeltiere betroffen sein.
 
Wir haben in Niedersachsen ein funktionierendes Netzwerk aus niedergelassenen Tierärzten, Tierärztekammer, kommunalen Veterinärbehörden, LAVES, Tierärztlicher Hochschule, Landwirtschaftsministerium und Tierseuchenkasse. Auf Fortbildungen, Schulungen, Dienstbesprechungen etc. wird informiert und für das Thema sensibilisiert, bei unklaren Todesfällen muss auch immer an die Afrikanische Schweinepest gedacht werden und eine entsprechende Diagnostik umgehend folgen. Der Erste, der möglichweise mit Symptomen konfrontiert wird, ist im Normalfall der Tierhalter. Mein Appell an unsere Landwirte ist deshalb auch, immer wachsam zu sein.
 
Das Gesagte zum Thema Früherkennung gilt natürlich nicht nur für die Afrikanische Schweinepest, sondern ebenso für die Vogelgrippe, die klassische Schweinepest oder die Maul- und Klauenseuche. Bei der Vogelgrippe im Landkreis Osnabrück in diesem Frühjahr sind wir meiner Einschätzung nach zum Beispiel so glimpflich davongekommen, weil sie wirklich früh erkannt wurde und sehr schnell reagiert werden konnte.
 
Und wie sieht der Eckpfeiler "Vorsorge" bei uns konkret aus?
 
Die EU hat die ‚Daumenschrauben‘ bezüglich der Tierseuchenbekämpfung schon nach der Maul- und Klauenseuche in Großbritannien, Irland, Frankreich und den Niederlanden 2001 und dann nach dem verheerenden Vogelgrippezug in den Niederlanden 2003 deutlich angezogen. In den Niederlanden wurden 2003 33 Mio. Stück Geflügel oder ein Drittel des Gesamtbestandes im Land getötet. Da stehen riesige Kosten im Raum. Der Vogelgrippeeinfall im Landkreis Cloppenburg 2008/2009 kostete beispielsweise ca. 15 Mio. € - bei 47 getöteten Beständen.
 
Die Kofinanzierung der EU hierfür steht und fällt damit, ob das betroffene Land die Sache im Griff hat, sprich, die Diagnostik, die angeordneten Tötungsmaßnahmen und die Schadensmeldungen dazu innerhalb einer befristeten Zeit abgearbeitet sind. Schafft das Land das nicht, bleiben wir, salopp gesagt, auf den Kosten sitzen. Und wir finanzieren die Kosten für die Entschädigungen, Tötungen und Beseitigungen zu 50 % aus Geldern der Tierhalter.
 
Um den Anforderungen der EU im Hinblick auf die schnelle, tierschutzgerechte Tötung und Räumung betroffener Bestände gerecht werden zu können, wurden in Niedersachsen zwei Vorsorgegesellschaften für den Seuchenfall, die GSV für das Emsland und die Grafschaft Bentheim und die GESEVO für das restliche Niedersachsen gegründet. Beteiligt daran ist auch die Landwirtschaft selbst - etwa über Kreislandvolkverbände und den Landesverband, finanziert wurden sie anfangs von der Wirtschaft, einigen Landkreisen und uns. Die Gesellschaften garantieren, dass in einem Seuchenfall die Tötung, Beseitigung der getöteten Tiere, Reinigung und Desinfektion der betroffenen Ställe sowie Abrechnung der Maßnahmen zeitnah organisiert und durchgeführt wird, sprich EU-konform ist. Anfangs nur für den Geflügelbereich geplant, wurde jetzt gerade ein Vertrag mit der GESEVO für den Schweinebereich geschlossen, mit der GSV ist in Kürze das Gleiche geplant. Darüber sind wir sehr froh!
 
Bei Verdacht eines Seuchenfalles müssen auch logistische Meisterleistungen vollbracht werden, Einrichtung von Sperrbezirken und Beobachtungsgebieten, Probenahme in dortigen Betrieben oder Kontaktbetrieben sowie die Untersuchungen der Proben. Für diesen Bereich wurde - durch das Land Niedersachsen im Auftrag auch der anderen Länder - das mobile Bekämpfungszentrum eingerichtet. Zudem wurden in einigen Landkreisen bereits entsprechende Einrichtungen auf Kreisebene gebaut oder sind in Planung.
 
Gibt es Neues zur „Dauerbaustelle“ BHV1-Impfung?
 
Erklärtes Ziel ist bekanntlich schon länger, die BHV1-Sanierung der niedersächsischen Rinderbestände zum Abschluß zu bringen. Derzeit gibt es noch 586 Bestände mit positiven Tieren, in denen geimpft wird - gegenüber ca. 23.000 Beständen ohne Reagenten. Es gibt ja schon heute eine Differenzierung der Beiträge, diese soll aber nach unseren Vorschlägen ab dem kommenden Jahr deutlich stärker ausfallen. Es kann nicht sein, dass die freien Bestände die anderen quasi weiter unterstützen. Bis zum 1. Mai übernächsten Jahres sollen dann auch die letzten Reagenten gemerzt werden, die Niedersächsische BVH1-Verordnung soll entsprechend geändert werden.
 
Was steht ansonsten auf Ihrer Arbeitsliste für die nächste Zeit?
 
Diese Liste ist lang! Eine wichtige Sache: Wie bereits erwähnt, ist der Geltungsbereich der GESEVO/GSV auf den Schweinebereich ausgedehnt worden. Das reicht aber nicht. Wir brauchen ein entsprechendes Instrument auch für den Rinderbereich und für die Schafe und Ziegen. Die Gefahr einer MKS-Einschleppung sehe ich zum Beispiel als genauso groß an wie die Gefahr durch die Afrikanische Schweinepest. Ich war im vergangenen Jahr in Anatolien in der Türkei, dort gibt es Jahr für Jahr viele MKS-Ausbrüche, Tiere kommen über die Grenze aus Armenien oder Georgien. Und jeden Tag landen zum Beispiel zig Flugzeuge aus der Türkei in Deutschland. Die Folgen eines MKS-Ausbruches hier wären verheerend. 2001 in Großbritannien hat sie 4 Mrd. € gekostet, das ist aber nur die eine Seite. Bei den betroffenen Landwirten gab es sehr große Probleme und 300 Selbstmorde. Seuchenzüge haben viel mehr als nur die finanzielle Seite.
 
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