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Sonstiges

Tierwohl: Noch viel zu kommunizieren

von , am
08.10.2014

Zum Thema Tierwohl gibt es noch deutlichen Kommunikationsbedarf in Richtung Landwirtschaft und in Richtung Verbraucher. Hier der Diskussionsstand vom Veredlungstag in Cloppenburg.

Diskutierten das Thema Tierwohl (v. r.): Johannes Röring, Dr. Maria Flachsbarth, Moderator Ralf Stephan, Dr. Alexander Hinrichs, Ralf-Thomas Reichrath, auf dem Foto fehlt Robert Hoste. © Diekmann-Lenartz
Es vergeht derzeit keine Woche, in der in Fachzeitschriften nicht über das Thema Tierwohl geschrieben und diskutiert wird. Die Erwartungen von Öffentlichkeit und Politik, so scheint es, sind immens, wenn es um eine Verbesserung der Tierhaltung hin zu mehr Tierwohl geht.

Klarstellungen


Die von der gesamten Branche entwickelte Initiative Tierwohl, die auf Freiwilligkeit und einen finanziellen Ausgleich setzt, steht kurz vor dem Start. Quasi parallel hierzu hat Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt vorletzte Woche eine Tierwohl-Offensive angekündigt - und damit für einige Verwirrung gesorgt. "Noch eine weitere Initiative?", hat sich nicht nur manch Landwirt gefragt. Auf dem Veredlungstag des Deutschen Bauernverbandes (DBV) vergangene Woche in Cloppenburg war auf jeden Fall erst einmal Klarstellung angesagt. Das Thema in diesem Jahr lautete "Schweinehaltung zwischen Tierwohl, Politik und Markt". Und als erste Referentin machte Dr. Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundeslandwirtschaftsministerium, dann deutlich, dass die Offensive ihres Hauses keineswegs eine Konkurrenzveranstaltung zur Brancheninitiative sein soll. Die Akzeptanz für die hiesige Tierhaltung insgesamt soll verbessert werden. Es gebe schon viele gute Ansätze zur Weiterentwicklung der Haltung, so Flachsbarth, aber eben auch noch Problembereiche. Diese müssten angegangen werden. Sie nannte das Schwänze kupieren und Kastrieren. Eingeführt werden soll zum Beispiel auch ein TÜV für Stalleinrichtungen. Einen schon eingesetzten Kompetenzkreis leitet der ehemalige niedersächsische Landwirtschaftsminister Gert Lindemann.

Ausdrücklich betonte Flachsbarth, dass man zunächst auf "verbindlichen Freiwilligkeit" setzt und Initiativen der Produktionskette unterstützen will. Erst wenn dies nicht greife, seien neue gesetzliche Regelungen gefragt. Eine Verantwortung ihres Hauses sah sie darin, Verbraucher verstärkt aufzuklären und dafür zu werben, dass für hochwertige Lebensmittel mehr bezahlt werde.

Letzte Abstimmungen

Auf dem von LAND & Forst-Chefredakteur Ralf Stephan moderierten Veredlungstag stellte Dr. Alexander Hinrichs von der Trägergesellschaft den aktuellen Stand der Brancheninitiative vor. Derzeit befindet sich das Programmhandbuch in der letzten Abstimmung, geplant ist, dass sich Landwirte ab dem 1. Dezember für eine Teilnahme anmelden können, auditiert werden und der offizielle Startschuss dann zum 1. Januar 2015 fällt. Die Anmeldung kann nur über QS-Bündler erfolgen. Laut Hinrichs wird sichergestellt, dass alle Betriebe die gleiche Chance haben, mitzumachen. Der Ablauf ist noch nicht genau festgelegt. Ein "Windhundverfahren" werde sich aber wohl nicht vermeiden lassen.

Johannes Röring, der Vorsitzende des Fachausschusses Schweinefleisch im DBV, rechnet damit, dass zunächst etwa 20 bis 30 % der deutschen Schweine im Rahmen der Initiative Tierwohl erzeugt werden können. Er warb in Cloppenburg noch einmal eindringlich für die Teilnahme. Dass die gesamte Kette sich verständigt habe, sei etwas Neues und sehr gut. Nun gelte es, sich gemeinsam auf den Weg zu machen.

Breit aufgestellt

Als wirtschaftsgetragene Lösung werde die Initiative zu einer breiten Marktdurchdringung kommen. Als entscheidenden Erfolgsfaktor sah er die Kommunikation zum Verbraucher. Nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der momentan sehr schwierigen Situation auf dem Schweinefleischmarkt betonte er, dass zur Sicherung des Absatzes Vertrauen im Inland wieder hergestellt werden müsse.  

Als Vertreter des Lebensmittelhandels stand Ralf-Thomas Reichrath, Aldi Süd, auf dem Podium. Er bezeichnetet die Brancheninitiative als großen Umbruch, im Gegensatz zu den bisherigen Einzellösungen gebe es nun den Dialog über die gesamte Erzeugungskette. 85 % des Lebensmitteleinzelhandels seien dabei und "die restlichen 15 % sollten auch noch kommen“, sagte er. Er plädierte dafür, außerdem die Fleischerfachgeschäfte, die Systemgastronomie und Gemeinschaftsverpflegungen mit einzubeziehen.

Bekanntlich hat sich der Lebensmittelhandel verpflichtet, den Mehraufwand für teilnehmende landwirtschaftliche Betriebe zu entschädigen. Dafür wird der Handel pro Kilogramm Verkaufsmenge vier Cent zahlen, egal ob es sich um Frischfleisch mit Schweinefleischanteil handelt oder Tiefkühlware, fertige Gerichte oder Wurstwaren. Dieser Beitrag wird abgekoppelt vom Verkaufspreis bezahlt. Insofern werde es auch weiterhin Wettbewerb geben. Was es aber nicht geben dürfe, sei Profilierung über das Thema Tierwohl/Tierschutz, mahnte der Aldi-Chefeinkäufer. Diesbezüglich müsse die gesamte Branche mit einer Stimme sprechen. Dann gebe es auch gute Chancen, dass die Initiative über die vereinbarten drei Jahre hinaus fortgeführt werde. Auch Reichrath bezeichnete die Kommunikation zum Verbraucher als entscheidende Herausforderung. An der Theke sieht der Verbraucher nicht, ob er "Tierwohl-Fleisch" kauft oder anderes. Die besondere Herausforderung sei, zu erklären, dass die beteiligten Unternehmen für mehr Tierwohl in den Ställen Geld an die Landwirte zahlen.

Zum Thema Tierwohl stellte auf der Cloppenburger Veranstaltung Robert Hoste von der Uni Wageningen die niederländische Variante der Brancheninitiative vor. Auch in unserem Nachbarland gibt es ein entsprechendes Abkommen der gesamten Kette, das ebenfalls im Januar 2015 starten soll. Weitere Themen des Veredlungstages waren die Novellierung der Düngeverordnung und der Schweinefleischmarkt, auf dem auch die nächsten Prognosen alles andere als rosig aussehen.
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