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Rind

Wie viel Technik braucht die Kuh?

von , am
17.12.2013

Die Technisierung in der Landwirtschaft nimmt immer mehr zu. Auf der 8. Göttinger Fachtagung für Milchwirtschaft wurde den verschiedenen Aspekten einer Automatisierung im Milchviehstall nachgegangen.

Technik im Stall kann Arbeitsentlastung bringen, aber die Datenkontrolle wird umso wichtiger. © Werkfoto
Die Milcherzeuger, die auch weiter am Markt bestehen wollen, investieren und stocken auf. Aber lohnt sich das, kann der Milchviehhalter in Deutschland auch nach dem Quotenende 2015 weiter erfolgreich produzieren? Prof. Dr. Ludwig Theuvsen, Agrarökonom an der Uni Göttingen, ist überzeugt, dass die Abschaffung der Quote den Milchmarkt nicht in ein Chaos stürzen wird. "Die EU ist und bleibt auch nach 2015 ein wichtiger Milcherzeuger für die weltweite Versorgung", fasste er die Ansicht vieler Agrarökonomen zusammen.

Vor dem Hintergrund einer weltweit steigenden Nachfrage bietet die Abschaffung seiner Ansicht nach mehr Chancen als Risiken, verstärke aber den Strukturwandel. Profitieren würden Wachstumsbetriebe auf günstigen Standorten. Das gelte innerhalb Deutschlands, aber genauso innerhalb der Länder der europäischen Gemeinschaft. Deshalb würde der Wegfall der Quote auch nicht zu einer explosionsartigen Produktionsausdehnung führen. Zu den Gewinnern gehörten Deutschland und die Niederlande, Polen und das Baltikum.

Die Frage der Wettbewerbsfähigkeit werde aufgrund der Volatilität der Preise an Bedeutung gewinnen. Das beträfe Milcherzeuger und Verarbeiter und müsse zu neuen Formen der Zusammenarbeit, wie Absicherung an der Börse oder neue Preismodelle führen.

Keine neue Quote

Neue Regulierungsmethoden wie der Freiwillige Produktionsverzicht oder die Schaffung eines Preiskorridors funktionieren Theuvsens Ansicht nach nicht. Ein Sicherheitsnetz für außergewöhnliche Krisensituationen zur Verhinderung unumkehrbarer struktureller Brüche hält er jedoch für sinnvoll.  

Aber kann jeder Betrieb einfach aufstocken, um im Wettbewerb mithalten zu können? "Bevor Sie Ihren Betrieb aufstocken, muss eine realistische Einschätzung der benötigten Arbeitszeit und der finanziellen Spielräume gemacht werden", erklärte Dieter Hanselmann vom Besamungsverein Neustadt an der Aisch. Beides  würde häufig unterschätzt.  "Viel Arbeiten ist gut, immer Arbeiten sorgt für Unzufriedenheit." Entlastungsmöglichkeiten wäre der Zukauf von Arbeitskräften, der zweite Weg sei ein hohes Maß an Technisierung. "Was nicht technisiert wird, wird nicht gemacht", ist eine Erfahrung. Dabei gelte aber immer im Vorfeld zu klären: Wie ist der finanzielle Spielraum, welche persönliche Kompetenz zur Mitarbeiterführung ist da und wie ist der Hang zur Technik.

Für ein hohes Maß an Technik wurde sich auf dem elterlichen Betrieb von Michael Helmers aus Hude entschieden, als 2009 ein neuer Boxenlaufstall gebaut wurde. Für 135 Kühe werden zwei Melkroboter und ein Fütterungsroboter eingesetzt. Mit der Entscheidung für die Melkroboter ist Helmers sehr zufrieden. Er gab aber zu bedenken, dass AMS nicht nur für „Automatisches-Melk-System“ stehe, sondern ebenfalls für "Anderes-Management-System". Ein hoher Grad an Automatisierung bringe Arbeitsentlastung, aber Kontrollarbeiten würden umso wichtiger. Auch die häufig angeführte Flexibilität sah er differenziert: "Wenn es ein Problem am Roboter gibt, muss man jederzeit und sofort reagieren", erklärte er.

Wie wichtig die Interpretation der von Melksystemen erfassten Sensordaten ist, erklärte Ute Müller von der Uni Bonn. Die Daten können nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit Probleme wie Mastitis angeben, sie müssen aber immer in Zusammenhang mit weiteren Informationen gesehen werden. "Stehen auf den ausgegebenen Listen zu oft Tiere, die keine Auffälligkeiten zeigen, werden sie nicht mehr ernst genommen. Aber je weniger Tiere in einer Herde auffällig sind, desto schwieriger ist es, sie zu finden und desto mehr gesunde Tiere werden ausgewiesen", erklärt sie.

Kosten unterschiedlich

Aber welches Melksystem eignet sich für welchen Betrieb?  "Große Unterschiede gibt es zwischen Investitionskosten und Arbeitszeit", berichtete Johannes Thomsen von der LWK SH und stellte eine Bachelor- Arbeit vor, in der Swing-over-Melkstände, AMS und Standardverfahren (Side-by-side/Fischgräten) verglichen wurden. Erwartungsgemäß war die Arbeitsproduktivität bei den AMS am höchsten. Bei der Ermittlung der Verfahrenskosten schnitten die Swing-over-Betriebe gut ab. Insgesamt kann aber keine allgemeingültige Lösung für alle Betriebe gegeben werden. Dafür überschnitten sich die Ergebnisse bei den unterschiedlichen Systemen zu stark und sind geprägt durch betriebsindividuelle Einflüsse.
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