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Geflügelgrippe

Vogelgrippe: Landesweite Stallpflicht weiterhin abgelehnt

Legehennen auf der Stange
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Birgit Greuner, LAND & Forst
am
01.12.2016

Eine landesweite Stallpflicht soll es trotz eines neuen Vogelgrippefalls bei einem Wildvogel in Niedersachsen nicht geben.

Trotz eines weiteren Vogelgrippefalls bei einem Schwan in Wilhelmshaven hat das Landwirtschaftsministerium keine Anzeichen für eine drohende Ausbreitung in der Geflügelmast. Nach den Proben im Umkreis des betroffenen Mastbetriebs im Kreis Cloppenburg habe die Vogelgrippe sich dort nicht ausgeweitet, sagte die Tierseuchenexpertin des Ministeriums, Barbara Gottstein, am Mittwoch im Agrarausschuss des Landtags in Hannover. "Wir haben im Moment eine gewisse Beruhigung."

Dennoch müssten noch bis zum Frühjahr alle Anstrengungen unternommen werden, damit der aggressive Erreger nicht in Mastbetriebe gelange. Eingeschleppt wird er durch Zugvögel, die auf der Reise in ihre Winterquartiere Zwischenstopps einlegen.

Verzicht auf Stallpflicht führte nicht zu verstärkter Verbreitung

Eine landesweite Stallpflicht, wie von der Geflügelwirtschaft und der Opposition gefordert, sei zur Eindämmung der Seuche nicht der richtige Weg, sagte die Expertin. Vielmehr müssten die Landkreise in einer Risikoabwägung entscheiden, ob diese für das Geflügel auch mit Leiden verbundene Maßnahme erforderlich sei. In der Vergangenheit habe der Verzicht einzelner Kreise auf eine Stallpflicht nicht zu einer verstärkten Verbreitung der Vogelgrippe geführt.

Als mögliche Ursache für das Eindringen des Erregers in den Betrieb im Kreis Cloppenburg sieht Gottstein nicht umgepflügte Maisfelder in unmittelbarer Nähe des Hofes, die Wildvögel auf Futtersuche angezogen haben könnten.

Abschuss von Wildgänsen keine Lösung bei Vogelgrippe

Die Überlegung des CDU-Abgeordneten und Präsidenten der Landesjägerschaft, Helmut Dammann-Tamke, die Vogelgrippe mit einem verstärkten Abschuss von Wildgänsen einzudämmen, verwarf die Seuchenexpertin. Es sei zweifelhaft, ob eine Jagd auf Gänse den Vogelzug so beeinflussen könne, dass eine Übertragung nicht stattfinde.

Auch Greifvögel oder Möwen könnten Überträger des Erregers sein. Insbesondere sei aber das Wassergeflügel ein stilles Reservoir der Vogelgrippe, deren Erreger sich bei kaltem und feuchtem Wetter auch über Wochen und Monate in einem toten Vogel halten könnten.

Nabu: Verbreitung der Vogelgrippe auch durch Geflügelwirtschaft

Der Naturschutzbund bezweifelt, dass allein Wildvögel das Vogelgrippe-Virus H5N8 verbreiten. Zahlreiche Indizien würden für einen Transport des Virus durch die Geflügelwirtschaft selbst sprechen, teilte die Organisation am Mittwoch mit.

Der Nabu forderte das bundesweit zuständige Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) am Mittwoch auf, seine Hinweise ernst zu nehmen und ihnen nachzugehen. Das FLI auf der Insel Riems bei Greifswald entgegnete, es prüfe konkrete Hinweise unter anderem im Rahmen der Risikobewertung. Es könne aber nicht jedweden vagen Vermutungen und Theorien nachgehen.

Der Nabu-Vogelschutzexperte Lars Lachmann nimmt an, dass das aktuelle Virus sehr wahrscheinlich direkt aus der Geflügelwirtschaft in China nach Europa gelangt ist - "ohne die Hilfe von Wildvögeln, die niemals direkt von China nach Europa ziehen". Da Viren offenbar nicht täglich aus China importiert werden, wo sie sich beständig in der Geflügelwirtschaft halten, sollte nach einem Zufallsereignis gesucht werden. Das könne ein nicht ausreichend desinfizierter Transportstall beim Handel mit Geflügel sein, vermutet er.

Nabu-Bundesgeschäftsführer Leif Miller sagte, die Behörden sollten einmal die Fahrtenbücher und GPS-Daten von Tiertransporten auswerten, um zu untersuchen, ob sich diese Routen mit Ausbruchsherden der Krankheit decken.Dem Loeffler-Institut zufolge ist die Einfuhr von Geflügel und Geflügelprodukten aus Gebieten mit Vogelgrippe verboten. Illegale Einfuhren seien möglich und ein nicht vernachlässigbares Risiko. Sie würden aber zumindest bei Hühnern zum Ausbruch der Geflügelpest mit hoher Sterblichkeit führen, was nicht verborgen bleiben würde.

Nabu: Aussage des FLI ist Hilfsthese

Desweiteren ist der Naturschutzbund überzeugt, dass Viren, die im Juni 2016 bei Wildvögeln an einem sibirischen See gefunden wurden, nicht über weitere Stafetten nach Europa gelangten. Die Aussage des FLI, dass Wildvögel das Virus lange Zeit in sich tragen und dabei ansteckend seien ohne selbst zu erkranken, bezeichnete er als Hilfsthese, die bislang nicht belegt sei.

Auch sei in der Nähe einer von H5N8 betroffenen deutschen Massenhaltung, einem Putenbetrieb im Landkreis Cloppenburg/Niedersachsen bislang kein infizierter Wildvogel entdeckt worden. Der Betrieb sei bereits 2014 von Vogelgrippe betroffen gewesen und liege nur wenige Kilometer von einer Fleischmehlfabrik entfernt. "Wie wahrscheinlich ist bei dieser Indizienlage, dass sich die abgeschlossene Massenhaltung über den Kot von Wildvögeln angesteckt haben könnte?", sagte Lachmann. 

Dem FLI zufolge ist es wissenschaftlich gesichert, dass Wildvögel ein natürliches Reservoir für aviäre Influenzaviren sind und sie verbreiten. Das erkläre die Ausbrüche in Europa und Israel plausibel. So liege der Ausbruchsort in Israel in der Nähe des Jordantals, durch das nach Angaben der Israelis pro Jahr 500 Millionen Wildvögel ziehen. "Das FLI hat derzeit nicht die Ressourcen und sieht auch nicht die Verpflichtung, sich weiter mit nicht belegten Theorien zu beschäftigen", sagte eine Sprecherin.

Vogelgrippe zwingt auch Tierparks in Niedersachsen zum Handeln

Die Vogelgrippe in Norddeutschland bereitet den niedersächsischen Zoos und Tierparks Sorgen. "Sollten infizierte Vögel gefunden werden, müssen auch wir schließen", sagt die Sprecherin des Zoos Hannover, Margitta Feike. Bisher wurden fast alle Vogelarten vorübergehend in überdachte Gehege gebracht, die durch feine Zaunmaschen vor frei lebenden Vögeln geschützt sind. Außerdem wurde das Wasser aus der künstlichen Flusslandschaft "Sambesi" abgelassen, damit Vögel von außen dort nicht Unterschlupf suchen. 

Auch im Zoo in Osnabrück liefen ähnliche Vorsorgemaßnahmen an.Im Hamburger Tierpark Hagenbeck werden nach ersten Ansteckungsfällen Gänse getötet, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern.

Im Vogelpark Walsrode sind die Verantwortlichen gelassen, obwohl gerade dort das Einschleppen der Vogelgrippe schwerwiegende Konsequenzen haben könnte. Rund 4.000 teils seltene Tiere leben dort. "Seit dem ersten Frost Anfang November sind unsere Tiere bereits in ihren überdachten Winter-Innengehegen", sagte Pressesprecher André Schmidt. "Das Risiko, dass die Vogelgrippe die Tiere dort trifft, ist sehr gering - aber nicht auszuschließen."

Einzelne Veranstaltungen, die während der Winterpause im Park stattfinden sollten, wurden auf später verschoben, um das Risiko zu minimieren. Am 18. März kommenden Jahres will der Vogelpark wieder für Besucher öffnen. "Wir rechnen nicht damit, dass die Vogelgrippe dann noch eine Gefahr darstellt", sagte Parksprecher Schmidt. Nach Angaben des Friedrich-Loeffler-Institutes lässt sich bisher nicht sagen, wann Entwarnung gegeben werden kann.

Mit Material von dpa
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