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Wirtschaft & Unternehmen

Kapazität am Ende der Fahnenstange

von , am
25.03.2014

Die Infrastruktur der EWE Netz GmbH platzt bildlich gesprochen aus allen Nähten. Der Verteilnetzbetreiber muss viel Geld in den Netzausbau investieren. Über die Knackpunkte informierte eine Pressekonferenz.

Der enorme Zubau von EEG-Anlagen macht der EWE Netz GmbH wirtschaftlich und technisch zu schaffen. Bis Ende 2013 waren im Gebiet zwischen Ems, Weser und Elbe 55.100 EEG-Anlagen am Netz und damit 4.000 mehr als noch ein Jahr zuvor. Den Löwenanteil macht die Photovoltaik mit 51.300 Anlagen aus. Danach folgen die Windenergie mit 2.700 und die Biogasbranche mit 1.100 Anlagen. Unterm Strich summiert sich die installierte Nennleistung inzwischen auf 4.900 Megawatt (MW).
 
Das Netz der EWE-Tochter ist aber nur auf eine Lastspitze von 2.396 MW ausgelegt. "Wir fahren unser Netz sicher, aber sehr oft auf der Kante, weil die Kapazität nicht mehr ausreicht. Wir werden sozusagen immer öfter zum Nettoenergielieferanten und müssen Strom in die vorgelagerten Netze einspeisen", sagt Torsten Maus, Vorstand der Geschäftsführung bei der WEW Netz GmbH. Im Klartext wird die Jahreshöchstlast im Verteilnetz bereits um 105 % überschritten, und im Jahresmittel machen EEG-Anlagen 70 % der gesamten Stromerzeugung aus.
 
Ein Spitzenwert
 
Das ist im Verhältnis zu vergleichbaren Regionen in Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern ein Spitzenwert. "Im Dezember 2013 waren es im statistischen Mittel sogar 94 %" weil die Sturmtiefs Xaver und Christian für eine sehr hohe Stromproduktion gesorgt hatten", so Maus. Jenseits der Superlative bereiten die Rekordmarken auch Schwierigkeiten. Zum einen geht es um die Vergütung, die das Unternehmen monatlich auszahlt und mit dem übergeordneten Netzbetreiber Eon abrechnet. 2012 hatten alle EEG-Anlagen 8,9 Mrd. kWh im Gegenwert von 1,2 Mrd. ? produziert. Im Vorjahr waren es knapp 1,3 Mrd. ? (Tabelle). "Wir rechnen auf Basis von Prognosen ab und zahlen monatlich über 100 Mio. ? aus. Diese Summen müssen sehr gut geplant werden und lösen immer Liquiditätsfragen aus", sagt er.
 
Massive Investitionen
 
Auf der anderen Seite muss der Verteilnetzbetreiber massiv investieren und so sein wirtschaftliches Ergebnis belasten. Während im Jahr 2009 rund 50 mal EEG-Anlagen geregelt oder ganz vom Netz genommen werden mussten, waren es im letzten Jahr schon 448 Eingriffe. Obwohl davon zwei Drittel auf Engpässen in den vorgelagerten Netzen beruhen, entsteht für den Verteilnetzbetreiber eine Ausbaupflicht durch die vorrangige Einspeisepflicht für erneuerbare Energien. "60 bis 70 % der gesamten Netzausbaukosten werden durch erneuerbare Energien verursacht, weil wir zum Ausbau verpflichtet sind. Bei dem Tempo laufen wir immer hinterher", erläutert Maus.
 
Alleine für diesen Posten hat die EWE Netz bis 2016 stolze 77 Mio. ? veranschlagt. Weitere 70 Mio. ? will der Netzbetreiber bis 2016 in eine intelligente Netzinfrastruktur stecken, um durch den Umbau der Netze den Ausbaubedarf zu begrenzen. Allerdings hat die Sache einen Haken. Weil die Netzbetreiber per se als Monopolisten gelten, werden sie von der Bundesnetzagentur reguliert. Die Behörde legt in einem komplizierten Verfahren die Erlösobergrenzen aus den Netzentgelten für jedes Unternehmen fest. Dafür gibt es vereinfacht dargestellt zwei Regulierungsperioden, die jeweils fünf Jahre dauern.
Als Grundlage für die Berechnung der Netzentgelte dienen die Kosten, die Netzbetreibern in den sogenannten Basisjahren 2011 und 2016 entstanden sind. Diese Erlösobergrenzen sind auf die Zukunft ausgerichtet. Sie gelten sieben Jahre und sinken zusätzlich in festgelegten Schritten weiter ab. Netzbetreiber können durch diesen Mechanismus nur dann eine Rendite einfahren, wenn sie möglichst weit unter diesen Grenzen bleiben und Investitionen auf das nächste Basisjahr verschieben.
 
Einige Verlierer
 
Da aber nicht für alle Verteilnetzbetreiber die gleichen Bedingungen herrschen, gehören die Unternehmen zu den Verlierern, die zwischen den Basisjahren viel Geld in die Hand nehmen müssen. "In der Summe arbeiten wir wirtschaftlich. Durch die Erlösobergrenzen zahlen wir beim EEG-bedingten Netzausbau zulasten der Rendite aber drauf und müssen die Investitionen aus Rücklagen oder über den Kapitalmarkt abdecken", erläutert Maus.
 
Weil dieser Fehlanreiz den notwendigen Netzausbau für erneuerbare Energien behindert, steht die Regulierung derzeit auf dem Prüfstand. Das gilt auch für die Anerkennung von Alternativen zum Netzausbau wie intelligenten Ortsnetzstationen, die Lastflüsse zwischen der Mittel- und Niederspannungsebene überwachen und steuern. Bisher erkennt die Bundesnetzagentur nur Kosten für neue Stahlmasten oder Kupferleitung an. "Wir gehen erst einmal davon aus, dass die 70 Mio. ? für einen intelligenten Umbau erstattet werden. Abgesehen davon gibt es noch einen erheblichen Klärungsbedarf bei den Kosten, der Finanzierung und dem Zeitverzug. Wenn ein Netzbetreiber heute investiert, bekommt er erst in sieben Jahren Erlöse aus den Rückzahlungen durch die Netzentgelte", moniert Maus.
In einem Feldtest will die EWE eine Alternative prüfen. Nach ersten Berechnungen könnte eine Abregelung der regenerativen Jahresenergiemenge um 5 % die Netzanschlusskapazität verdoppeln. Im Sommer soll in der Region Wittmund/Jever nachgerechnet werden, welchen Einfluss die Kappung von grünen Lastspitzen hat.
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