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Kommentar

Lasst bloß den Diesel im Dorf!

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Ralf Stephan, LAND & Forst
am
30.08.2017

Der Wahlkampf kreist um Motoren. Tonangebend sind dabei die Großstädte. Für den ländlichen Raum ist das bedenklich, sagt LAND & Forst-Chefredakteur Ralf Stephan.

Ralf Stephan, Chefredakteur der LAND & Forst

Pressetermin bei einem Traktorenhersteller. Verglichen mit den Kollegen aus den Technikredaktionen bin ich Laie und deshalb bass erstaunt, welcher Aufwand nötig ist, damit ein Treckermotor die neueste Abgasnorm erfüllt. Der Tank für die Harnstofflösung namens Ad-Blue, die Stickoxide aus dem Abgas löst, hat die Größe eines Wassereimers. Landwirte werden sich einen zusätzlichen Behälter auf den Hof stellen müssen, denke ich.
Grübeln auf der Rückfahrt: Wieso bekommt mein Dienst-VW mit Blue-Motion-Technologie nur zweimal im Jahr von der Werkstatt Ad-Blue in einen mir unsichtbaren Tank gefüllt? Das ist ein paar Jahre her, und mittlerweile wissen wir, warum ihm – anders als dem Traktor – ein paar Fingerhüte Harnstoff reichten.

Die Zukunft des Dieselmotors

Der großangelegte Betrug und seine Aufarbeitung sind eine Sache. Eine andere ist, welche Diskussionen nun über die Zukunft des Dieselmotors geführt werden. Dabei dominieren wieder einmal die Probleme der Ballungsräume. Klar, es ist nicht hinnehmbar, dass Menschen schädlichen Abgasen in unerlaubt hohen Konzentrationen ausgesetzt sind. Aber ein Feldzug gegen alle Dieselfahrer rechtfertigt das noch lange nicht.

Mobilität auf dem Land wichtig

Gerade auf dem Land sind viele ältere Dieselautos unterwegs. Wer fernab vom öffentlichen Nahverkehr die Familie mobil halten muss oder täglich lange Arbeitswege zu bewältigen hat, ist auf zuverlässige und preiswerte Fortbewegung angewiesen. Weil Stickoxidkonzentrationen, anders als in städtischen Straßenschluchten, hier keine Rolle spielen, kommt man selbst mit gelber Plakette auch noch (fast) überall hin.
Um die Luft in Stuttgart, Berlin oder Hannover zu verbessern, würden Fahrverbote hier sowieso nichts nützen. Schon deshalb ist es angeraten, bei den aktuellen Diskussionen nicht nur die Kirche, sondern auch den Diesel im Dorf zu lassen.

Zwang zum Neukauf

Die Parteien haben sich zur Bundestagwahl mehr oder weniger deutlich positioniert. Die CDU sieht im Dieselmotor eine Übergangstechnologie, die nicht binnen weniger Jahre zu ersetzen ist. Die SPD will die Hersteller zwingen, ältere Dieselautos mit größeren Ad-Blue-Tanks nachzurüsten. Die Grünen wollen spätestens 2030 kein Auto mit Verbrennungsmotor mehr zulassen.

Zu befürchten ist jedoch, dass sich jede Regierung dazu hinreißen ließe, das Dieselfahren bewusst teuer zu machen. So könnte man Autobesitzer zum Neukauf zwingen. Damit aber würden die Menschen auf dem Land für Probleme in einigen Großstädten bestraft, an denen sie den allergeringsten Anteil haben.

Brandneu vom Band: Die Großtraktoren 2016 im Überblick

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