Interview Prof. Spiller: Wirksamere Kontrollen in der Tierhaltung nötig

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Prof. Spiller von der Uni Göttingen vor den Agrarstudenten © Katja Heudorfer Bild vergrößern
Prof. Spiller, Universität Göttingen
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Prof. Achim Spiller von der Uni Göttingen bezweifelte in einem Zeitungsbeitrag, dass die heute üblichen Kontrollen in der Tierhaltung ausreichen. Ein Interview.

Prof. Achim Spiller bezweifelte in einem Zeitungsbeitrag, dass die heute üblichen Kontrollen in der Tierhaltung ausreichen. Der Göttinger Agrarwissenschaftler löste damit eine Welle der Empörung aus. Die LAND & Forst hat nachgefragt.

Sie fordern gründlichere Kontrollen. Stellen Sie damit nicht alle Tierhalter unter einen Generalverdacht?

Dieser Eindruck ist entstanden, aber das habe ich weder geschrieben noch gemeint. Jedoch gibt es schon einige relativ weit verbreitete Problemlagen in der Tierhaltung, die nicht nur einzelne Betriebe betreffen. So fand Sophie Meyer-Hamme, Doktorandin am Institut für Tierzucht und Haustiergenetik, in ihrer Dissertation bei 35 % der großen und 50 % der kleineren untersuchten Schweinemastbetriebe Überbelegungen. Meine Frage ist schon, was dies über die Funktionsfähigkeit der Kontrollsysteme aussagt. Im Interesse aller Landwirte, vor allem derer, die die gesetzlichen Bestimmungen einhalten, sollte es doch liegen, dass Vorschriften auf allen Betrieben umgesetzt werden.

Aber gerade bei den Kontrollen hat sich sehr viel getan.

Ja, es gibt zweifellos Verbesserungen. Sie mussten aber zum Teil gegen Widerstand aus der Landwirtschaft erkämpft werden. Qualitäts­­siche­rungs­systeme sind eher unbeliebt, und zwar bei Bio- wie bei konventionell wirtschaftenden Betrieben. Und wichtige Punkte, wie investigative Audits oder ein modernes Berufsbild des Zertifizierers, fehlen gänzlich. Whistleblowing, also das Hinweisen auf Missstände durch eingeweihte Personen, ist hochgradig strittig und wird gar nicht erst diskutiert. Es geht mir darum, nicht einfach mehr Kontrollen durchzuführen, sondern die Kontrollsysteme effektiver zu machen. Darüber wollte ich eine Diskussion anstoßen, mehr nicht.

Landwirte klagen heute schon über Papierkram ohne Ende, und Sie wollen noch mehr?

Die Dokumentationsforderungen sind zum Teil schon sehr umfassend. Kontrollverfahren, die im Wesentlichen nur Papiere prüfen, haben aber wenig Wirkung auf das Ansehen der Landwirtschaft nach außen. Wir sehen sie deshalb kritisch. Es geht nicht um immer mehr Dokumentation, sondern dar­um, wirkliche Problemfälle aufzudecken.

Können Sie Beispiele nennen?

Wir haben den Einsatz der Kontrollinstrumente abgestuft, weil es ein Unterschied ist, ob ein Betriebsleiter durch Überlastung Fehler macht oder ob er gezielt betrügt. Wenn er durch persönliche Probleme, wie eine Scheidung oder Erkrankung, überfordert ist, gibt es im ersten Schritt in der Regel Hilfsangebote aus dem Umfeld. Werden sie ausgeschlagen und reicht der kollegiale Druck nicht aus, kann zur Not ein Hinweis an die Behörden als letztes Mittel erforderlich sein. Wenn dagegen Vorschriften aus wirtschaftlichen Gründen umgangen werden, zum Beispiel mit einer Überbelegung, lässt sich das eventuell nur durch unangekündigte Kontrollen aufdecken. Gegen kriminelles Handeln, sagen wir von Biobetrügern, reichen klassische Audits nicht aus. Hier wäre ein Einsatzgebiet für verdeckte Ermittlungen durch eine Taskforce oder für die Arbeit mit Whistleblowern.

Ermutigen Sie mit dieser Diskussion nicht illegale Stalleinsteiger?

Nein, sie ist ja eine Reaktion auf solche Vorgänge. Stalleinbrüche sind ein ein schwieriges Thema, denn außerhalb der Landwirtschaft meinen viele, dass sich bestimmte Probleme gar nicht anders aufdecken lassen. Es ist daher im ureigenen Interesse der Landwirtschaft, Kontrollverfahren und Transparenz so weiter zu entwickeln, dass Stall­einbrüche auch diese öffentliche Legitimation verlieren. Eine Lösung wäre, dass Geflügelhalter eigene Kameras im Stall aufhängen und die Videos aller Ausstallungen den Zertifizierern für Stichproben zur Verfügung stellen.

Ihre Forderung, Mitarbeiter sollten Missstände anzeigen, wurde in Onlineforen als Nestbeschmutzung gewertet.

Im Kartellrecht oder in der Steuerfahndung lassen sich bestimmte Problemlagen kaum aufdecken, wenn nicht Hinweise aus dem sozialen Umfeld kommen. In der Tierhaltung trifft dies zum Beispiel auf den rohen Umgang mit Tieren im Alltag zu, der durch Prüfungen nicht entdeckt werden kann. Gedacht ist beim „Whistle­blowing“ an Mitarbeiter oder Berufskollegen, die keine Möglichkeit sehen, auf anderem Wege Abhilfe bei massiven Tierschutzproblemen zu schaffen. Das Laves in Niedersachsen und QS eröffnen solche Möglichkeiten zur anonymen Meldung bereits. Die heftigen Reaktionen auf gerade diesen Teil meines Aufsatzes zeigen, dass dieses Vorgehen im Berufsstand nicht anerkannt ist. Ist es aber wirklich sinnvoll, dass alle Landwirte am Ende darunter leiden, wenn hier einzelne sich nicht an die Regeln halten?

Zwei Leserbriefe dazu lesen Sie in der LAND & Forst 5/17 auf Seite 80 sowie unter www.facebook.com unter LAND & Forst.