Kommentar Tierwohllabel: Kriterien sind nun bekannt, viel mehr aber nicht

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Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hat die Kriterien für sein staatliches Tierwohllabel vorgestellt, zunächst zum Bereich Schwein. Aber es gibt noch viele offene Fragen, sagt LAND & Forst-Redakteurin Christa Diekmann-Lenartz.

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LAND & Forst-Redakteurin Christa Diekmann-Lenartz

Ein bisschen ist es wie vor zwei Jahren: Damals wurden nach langen und kontroversen Diskussionen endlich die Kriterien für die Brancheninitiative Tierwohl bekannt gegeben. Auch wenn nicht alle Unternehmen der Wertschöpfungskette dabei waren, es war ein Gemeinschaftswerk über die Stufen. Und das war gut.

Da die Bedingungen zur Teilnahme interessant waren, wollten bekanntlich etwa doppelt so viele Betriebe teilnehmen, wie vom zur Verfügung stehenden Geld bezahlt werden konnten. So wandelte sich die positive Stimmung bei Vielen in Enttäuschung und Ärger. Zu Recht: Man hatte investiert und blieb nun auf seinen Kosten sitzen. Hinzu kam die Frage, ob das Konzept richtig ist: Das Tierwohlfleisch ist nicht als solches gekennzeichnet, der Verbraucher kann nicht differenziert kaufen.

Ein Bündnis der Wertschöpfungskette

Zumindest Letzteres soll beim staatlichen Tierwohllabel anders werden. Nun aber warten die Landwirte wieder. Erneut wurde im Vorfeld sehr lange und sehr kontrovers diskutiert, Minister Christian Schmidt hat viel angekündigt und geworben. Vergangene Woche gab er die Kriterien bekannt. Sie ähneln denen der Brancheninitiative.

Für das staatliche Label will Schmidt auch ein „Bündnis der Wertschöpfungskette“. Aber wo sind die Vertreter des Lebensmittelhandels oder der Schlachthöfe? Sie sind es schließlich, die das Labelfleisch zum Verbraucher bringen sollen, ihr Logistik- und Werbeaufwand wird immens sein. Die Branche muss das Ganze mittragen, das Werbebudget von Schmidt reicht dafür nicht aus.

Ein breiter Konsens ist gefordert

Und wo sind die Tierschutzverbände? Sie haben sich aus der Vorarbeit zum Label wieder verabschiedet. Man mag darüber schimpfen und manche ihrer Forderungen auch für überzogen halten. Aber es geht um einen möglichst breiten Konsens. Die Tierhaltung soll sich weiterentwickeln in Richtung mehr Tierwohl, das ist gesellschaftlich gefordert. Es ist sehr vermessen zu glauben, dass die Politik das alles allein richten oder allein bestimmen kann.

Der Lebensmittelhandel hat heute selbst die Macht zu definieren, was „mehr Tierwohl“ heißt. Aldi, Lidl & Co. stellen längst eigene „Label“ nach ihren Kriterien auf die Beine und nutzen sie im Wettbewerb. Sie brauchen eigentlich gar kein staatliches Label.

Abwarten und Tee trinken

Tierhalter sind natürlich gefordert, sich dem Weg in Richtung mehr Tierwohl nicht zu verschließen. Anders geht es nicht. Aber das „Wie“ liegt noch immer ziemlich im Nebel. Man muss hoffen, dass sich die Wege von Brancheninitiative und staatlichem Label bald kreuzen. Aber erst einmal können die Tierhalter nur abwarten.