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Demonstration

Bauern blockieren DMK-Molkerei

red/dpa
am
22.02.2016

Hannover/Edewecht - Wütende Milchbauern machten am Montag im Ammerland ihrem Ärger über den Verfall der Preise Luft, den die Molkereien ihnen für die angelieferte Milch zahlen. Mit rund 30 Treckern und Anhängern blockierten sie die Zufahrt zum DMK-Milch- und Käsewerk in Edewecht.

Seit Mitte 2014 ist der Erzeugerpreis für Milch um 13 Cent je Liter gesunken, schimpfen die demonstrierenden Milchviehhalter. Damit stecken die Landwirte in einem Dilemma: Die sinkenden Preise auch bei Schweinen sowie ein stockender Export treiben die Branche finanziell in die Klemme. Andererseits steigen die Anforderungen von Politik und Verbrauchern bei Tierwohl, Lebensmittelqualität und Umweltschutz.

"Die Landwirte wissen nicht, wie das bezahlt werden soll", sagt der Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbandes in Hannover, Jörn Johann Dwehus. Schon für die nötigen Anschaffungen fehle derzeit das Geld.

Betriebe stecken in Schwierigkeiten

"Das Investitionsklima geht gegen null", sagt Dwehus. "Man muss schon von einer Krise sprechen, die die Landwirtschaft in Niedersachsen erreicht hat." Vor dem Start in die neue Saison sind die Aussichten für die Milchbauern besonders düster. "Das nimmt dramatische Züge an, ein Viertel bis ein Drittel der Betriebe stecken in sehr großen Schwierigkeiten." Betroffen ist ebenfalls ein zweites Standbein der Branche in Niedersachsen: "In der Schweinemast sind die Preise auch nicht mehr auskömmlich."

Auch beim Ackerbau und beim Getreide sei die Preisentwicklung nicht gut und passe nicht zu den hohen Pachtzinsen. "Da geht das, was man gerade erwirtschaftet hat, an den Grundbesitzer", sagt der Experte. Zu all dem kommt, dass die Russland-Sanktionen und das Embargo des Landes den Export ausbremsen, der zusätzlich unter einem Nachfragerückgang in China leidet. Die Nachfrage auf dem Weltmarkt, die den Landwirten vor wenigen Jahren noch einen Boom beschert habe, leide aktuell auch unter dem sinkenden Erdölpreis, so Dwehus. Dieser führt in den Ölförder-Ländern zu einem Kaufkraftrückgang, es wird weniger aus Deutschland importiert. Relativ gut aufgestellt bleibt unterdessen die Geflügelbranche.

Investitionsbereitschaft ist rückläufig

"Die aktuelle Investitionsbereitschaft ist rückläufig", sagt Volker Mahnken, Geschäftsführer der Norddeutschen Bauernsiedlung, die Investitionsvorhaben der Landwirte betreut. Neben der schlechten Marktsituation machten es Auflagen immer schwieriger, Baugenehmigungen für neue Ställe zu erlangen. Verunsichert seien Landwirte auch durch die gesellschaftliche Diskussion über mehr Tierwohl. Sie wüssten nicht, worauf sie sich einrichten müssten, sagt Mahnken.

"Generell ist eine Zurückhaltung spürbar, aber kein Absturz", sagt der Chef von Deutschlands zweitgrößtem Agrarhändler Agravis Raiffeisen AG (Münster/Hannover), Clemens Große Frie. Trotz niedriger Erzeugerpreise bewiesen Landwirte unternehmerischen Mut und investierten. "In größeren Einheiten wächst in der Regel der Maschinenpark oder die Gebäudeinfrastruktur mit." Noch stärker als früher richteten größere Höfe den Blick auf möglichst effiziente Abläufe. Wie Mahnken meint, gehe etwa in der Milchviehhaltung der Trend hin zur Automatisierung und der Anschaffung von Melkrobotern. Könnte Agrarminister Christian Meyer (Grüne) den Landwirten aus der Klemme helfen? "Die Politik kann das Marktgeschehen nur begrenzt beeinflussen", sagt Mahnken. Er findet aber: "Es fehlt an moralischer Unterstützung."

Ein Blick zu den Nachbarn

Die protestierenden Milchbauern in Edewecht unterdessen schauen für eine Lösung ihrer akuten Probleme Richtung Niederlande. Friesland-Campina, die größte Molkerei des Nachbarlandes, führte Anfang des Jahres für sechs Wochen einen Bonus von zwei Cent je Liter für diejenigen Milcherzeuger ein, die ihre Menge nicht mehr gesteigert oder sogar reduziert hätten. Der Grund lag allerdings darin, dass eine neue Fabrik nicht wie geplant in Betrieb gehen konnte. Etwa 60 Prozent der dortigen Milcherzeuger machten mit und verringerten die Milchmenge in der kurzen Zeit um 35 Millionen Liter.

Mehr Optimismus verbreitet dagegen Niedersachsens Bioland-Chef: "Im Moment haben wir eine relativ stabile Entwicklung, auch bei Milch und Schweinen gibt es eine positive Tendenz", sagt Harald Gabriel. "Die Nachfrage ist nach wie vor da." Da die Biobranche stärker heimische Märkte bediene, gebe es nicht so große Schwankungen. Bundesweit legte der Umsatz der ökologischen Landwirtschaft im vergangenen Jahr um elf Prozent zu. Auch in Niedersachsen gebe es deshalb im Moment eine hohe Nachfrage von Betrieben, die sich über eine Umstellung auf ökologische Erzeugung informierten.

 

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