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Aus den Regionen

Studie: Ländliche Bevölkerung nimmt bis 2035 deutlich ab

von , am
26.05.2015

Hannover - Eine neue Studie der NBank sagt voraus: Bis 2035 können ländliche Gegenden bis zu 30 Prozent der Einwohner verlieren. Junge Menschen und Zuwanderer zieht es dagegen in die Großstädte.

Ministerpräsident Stefan Weil plädiert auch für eine angemessene Daseinsvorsorge im ländlichen Raum. © Kzenon
Die landeseigene Förderbank hat zusammen mit einem Forschungsinstitut hochgerechnet, wie Niedersachsens Bevölkerungsentwicklung in den nächsten zwei Jahrzehnten ablaufen dürfte. Das Ergebnis: Bis 2035 verschwinden fast 400.000 Menschen. Demnach verlieren Gegenden wie der Landkreis Osterode am Harz laut Prognose fast jeden dritten Einwohner. Dagegen gewinnen die Großstädte teils im zweistelligen Prozentbereich hinzu. Die Großen gewinnen, und zwar auf Kosten der Kleinen. "Es entsteht ein Teufelskreis", sagt Sabine Johannsen aus dem Vorstand der NBank.
 
Die Berechnung hat wegen der langen Zeitspanne ihre Unsicherheiten. Doch methodisch sicher scheint: Die Entvölkerung, wie groß sie nun auch ausfallen mag, läuft ausgerechnet an Orten, die es sich kaum leisten können. Niedersachsen selber setzt seine offizielle aktuelle Bevölkerungsvorausberechnung auf Basis der bundesweiten Statistiken derzeit erst um, die NBank-Prognose gibt einen Ausblick: Jährlich sterben derzeit 25.000 Menschen mehr in Niedersachsen als geboren werden. 2035 werden es laut der Prognose schon mehr als doppelt so viele sein.

Osteuropäer und Flüchtlinge mildern Rückgang

Zumindest die nächsten drei Jahre hilft noch die Zuwanderung, diese Entwicklung aufzufangen. "Das mildert den Abgang der Bevölkerung, und in einigen Regionen überkompensiert es ihn sogar", sagt NBank-Vorstandsfrau Johannsen. Doch der hohe Zuzug dürfte kaum anhalten. Mehr noch: Der Zuzug, derzeit geprägt von Osteuropäern und Flüchtlingen, hilft zwar gegen den zahlenmäßigen Rückgang. Qualitativ verstärkt er aber die Verliererproblematik. Die Unterschiede würden verschärft durch diese Wanderungsbewegung. Und zwar dramatisch. "Ich glaube, dessen sind sich die Regionen noch nicht so bewusst", sagt Johannsen, die die seit Jahren aufgelegte Studienreihe betreut.

Zuwanderung keine Lösung

Die Brutto-Zuwanderung von fast 40.000 Menschen pro Jahr sei derzeit so hoch wie seit Mitte der 90er Jahre nicht. "Ob das so bleibt, hängt von der Bewältigung der Krisen ab. Die Prognose unterstellt den hohen Wanderungssaldo nur bis 2019. Die Zuwanderung in ihrer jetzigen Verteilung ist aber keine Lösung, warnt Johannsen. "Selbst wenn die Zuwanderung höher bleiben sollte: Dann gehen die absoluten Zahlen später herunter. Das löst aber nicht die regionalen Disparitäten, sondern verschärft sie nur noch."
 
In der Zuwanderung liegt zumindest ein Schlüssel. Johannsen sagt: "Wir wissen, dass gerade jetzt die Flüchtlinge aus Syrien, dem Iran oder Irak nicht die Ärmsten der Armen sind. Das ist überwiegend die Mittelschicht, die genug Geld hat, um überhaupt flüchten zu können." Darunter seien gut ausgebildete Fachkräfte. Bei den meisten gelte es, sie bei der Integration zu unterstützen. Die Politik müsse diese Potenziale aktivieren und zu nutzen wissen.  

Auch Wirtschaft in Sorge

In der Wirtschaft löst die Prognose, die es an anderer Stelle und auch bundesweit schon mit ähnlichen Ergebnissen gibt, besorgte Reaktionen aus. Volker Schmidt, Chef der industriellen Arbeitgeberverbände, spricht von einer ernsthaften Bedrohung für den Mittelstand. "In den nächsten zehn Jahren werden wir erleben, dass die ersten Unternehmen aufgrund des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels ihre Pforten schließen müssen", sagt er. Besonders kleine und innovative Mittelständler in der Fläche dürften leiden. Steuere man nicht gegen, "werden am Ende nur noch die großen Konzerne übrig bleiben". Aus Sicht des Niedersächsischen Industrie- und Handelskammertages NIHK können kommunale Politikhebel wie Wirtschaftsförderung und Bauleitplanung wichtige Beiträge zur Stabilisierung der ländlichen Räume leisten. "Fakt ist aber, wenn wir unsere Augen vor dem demografischen Wandel verschließen, werden der niedersächsischen Wirtschaft in 20 Jahren über 500.000 Fachkräfte fehlen", sagt NIHK-Chefin Susanne Schmitt. 
 
Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sagt, Prognosen wie die der NBank "müssen wir außerordentlich ernst nehmen". Zwar gebe es auch positive Signale, etwa, dass allen früheren Prognosen zum Trotz Niedersachsens Bevölkerungszahl zuletzt stieg. Dennoch: "Der demografische Wandel bleibt die größte Herausforderung, vor der wir stehen", betont Weil. "Dementsprechend stehen auch Bildung und Qualifizierung der jungen Leute, Daseinsvorsorge im ländlichen Raum und gute Pflege im Mittelpunkt unserer Aktivitäten."
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