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Verdacht auf Wolfsriss: Esel konnten Schafe nicht retten

von , am
08.10.2015

Rüssen (Lkr. Diepholz) - Vergangenen Freitag wieder vier gerissene Schafe. War es der Wolf, der bei Berufsschäfer Tino Barth zugeschlagen hat? Dabei hatte er eigentlich alles getan, um seine 200 Schafe wirksam zu schützen.

Grausamer Fund: Vier Schafe von Top-Züchter Tino Barth sind tot, die verstörte Herde ist jetzt wieder im Stall. © Ostmann
Tino Barth hatte den Schutzzaun auf 105 cm und die Spannung im Elektrozaun auf 8.000 Volt erhöht - und dann noch drei Esel gekauft. Aber es hat wohl doch nicht gereicht. Vorige Woche traf es auch ihn, einen der erfolgreichsten Schafzüchter in Niedersachsen.
Auf einer abgelegenen Weide entdeckt er vergangenen Freitagmorgen vier tote und zehn teils schwer verletzte Tiere, wovon fünf eingeschläfert werden mussten. Die betroffene 65-köpfige Herde auf der Weide war völlig verstört und Barth hat sie jetzt erst einmal vorsichtshalber in den Stall geholt.

Unendliches Leid für die Schafe

"Ich kann es noch immer nicht fassen, es muss ein unendliches Leid für die Tiere gewesen sein", hat sich der erfahrene Berufsschäfer immer noch nicht beruhigt, als er am Wochenende mitten auf der Fläche steht, wo der Zaun zum Tatzeitpunkt "absolut hütesicher" war. Es war kein Loch zu finden, der Wolf als vermeintlicher Übeltäter muss den Zaun übersprungen haben. Bis zum endgültigen Ergebnis der DNA-Proben (das kann Monate dauern, ist aber entscheidend für die Entschädigung) ist noch offen, ob es sich tatsächlich um einen Wolfsriss handelt. Alle Anzeichen sprechen jedoch dafür: Mehrere Tiere wurden auf der ein Hektar großen Weide verstreut gefunden und dann der typische Biss in den Hals.

100 Schafsrisse in 12 Monaten

Wolfsberater Dr. Torsten Schumacher war sofort vor Ort. Vermutet wird, dass hier erneut eine bereits aus Fotofallen bekannte und identifizierte Wölfin zugeschlagen hat, die in den vergangenen zwölf Monaten für einen Großteil der über 100 Schafsrisse (auch Damwild war betroffen) in den Kreisen Diepholz und Vechta verantwortlich gemacht wird. Dabei hatte Tino Barth in diesem Jahr rund 10.000 Euro (davon ein Großteil Landesförderung) in die Hand genommen, um seine Tiere vor Wolfsattacken noch besser zu schützen. Wichtigste Maßnahme zur Prävention war der Kauf von 1.500 m neue Netze, die jetzt 105 statt vorher 90 cm hoch sind. Hinzu kamen stärkere Batterien, um mindestens 8.000 Volt zu erreichen. Damit diese hohe Spannung auch überall ankommt, musste er seine Pferche erheblich verkleinern und folglich die Schafe, die alle auf Naturschutzflächen des Landkreises weiden, häufiger umtreiben; den Mehraufwand schätzt der Schäfermeister wöchentlich auf 20 Stunden.

Drei Eselstuten im Einsatz

Barth züchtet mit großem Erfolg Schwarz- und Blauköpfe sowie Moorschnucken und ist seit über zehn Jahren im Herdbuch. Dass seine wertvolle Zuchtherde bisher unbehelligt vom Wolf geblieben ist, schreibt Barth auch den drei Eselstuten zu, die er Anfang des Jahres für 2.500 € gekauft hat: "Esel sind besser als jeder Schutzzaun, können aber natürlich immer nur eine Herde beschützen". Leider waren die drei Esel in der fraglichen Nacht vorige Woche auf einer anderen Weide. Esel lassen im Gegensatz zu Schutzhunden Bodenbrüter in Ruhe und eignen sich somit gut in Naturschutzflächen, wie auch von Barth bewirtschaftet. Und weil es keine Fluchttiere sind, verteidigen sie die Herde.

Einsatz von Hütehunden erwogen

Bereits vor einigen Monaten hatten Angler beobachtet, wie ein Wolf versucht hat, über den Elektrozaun von Barths Weide zu springen. Dann haben die Esel das Raubtier mit lauten Rufen in die Flucht geschlagen. "Wenn die Wölfin eines Tages ein Rudel bilden wird, werden die Esel als Schutz womöglich nicht mehr ausreichen", blickt der Schafhalter in eine ungewisse Zukunft. Der Schäfer denkt jetzt verstärkt über den Einsatz von Hütehunden nach, wenn sie denn nicht mindestens 1.000 Euro kosten würden. Und auch Schafzuchtberater Klaus Gerdes, der im Februar mit Staatsekretärin Kottwitz vor Ort war, ist ratlos: "Was sollen wir unseren Züchtern empfehlen und wie sollen wir sie angesichts der Bedrohung durch den Wolf motivieren?"
 
Derzeit gibt es in Niedersachsen etwa 224.000 Schafe und 10.000 Schafhalter, Tendenz rückläufig. Für den CDU-Landtagsabgeordneten Ernst-Ingolf Angermann ist die Lösung klar: "Ein Wolf, der sich auch durch Elektrozäune nicht abschrecken lässt und ein regelrechtes Blutbad auf der dahinterliegenden Weide anrichtet, muss umgehend aus der Population entnommen werden."
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