Login
Kommentar

Was zählt wirklich beim Bienenschutz?

Elf verschiedene Pflanzenarten enthält die Verdener Imkermischung
Thumbnail
Katja Schukies, LAND & Forst
am
21.08.2019

Zahlreiche Landwirte in Niedersachsen setzen die „Verdener Imkermischung“ auf ihren Flächen ein. Jetzt ist darum Streit entbrannt.

Hilft die „Verdener Imkermischung“ auch Wildbienen oder nicht? Um diese Frage schwelt der Streit zwischen der Kreisgruppe Rotenburg im Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Imker Heinrich Kersten. „Ich freue mich über jede blühende Fläche, doch gefährdeten Wildbienenarten hilft die Mischung eben nicht“, sagt der Vorsitzende Manfred Radtke gegenüber LAND & Forst.

Ihn ärgert es, dass die Verdener Imkermischung dafür propagiert wird. „Bereits der Name zeigt, dass das Saatgut vor allem für Honigbienen geeignet ist. Die sind jedoch nicht gefährdet.“ Der dramatische Rückgang an Insekten könne nur durch die Wiederherstellung verschwundener Lebensräume wie Hecken und blühender Wegraine aufgehalten werden. Die dort vorkommenden Arten wie unter anderem Rainfarn, Schafgarbe, Weg-Malve und Wilde Möhren seien die Nahrungsgrundlage heimischer Insekten.

Insektenschutz in Niedersachsen: Es zählt jede Blüte

Das will Imker Heinrich Kersten, Initiator der Mischung, so nicht auf sich sitzen lassen. Die einjährige „Verdener Imkermischung“ enthält insgesamt elf Pflanzenarten, von denen drei (Alexandriner Klee, gelber Steinklee und weißer Senf) als für Wildbienen geeignet gelten.

Sie besteht außerdem aus zehn Pflanzenarten, die laut Landwirtschaftsministerium die Anforderungen für förderfähige einjährige Blühstreifen erfüllen. „Es geht um den Schutz aller Insekten, nicht nur Bienen. Und da zählt jede Blüte. Die Argumentation des BUND ist mir unverständlich“, sagt Kersten. Zumal der BUND nie das Gespräch mit ihm gesucht habe.

Blühflächen können Win-Win-Situation sein

Besonders liegt dem Imker die Kooperation mit den Landwirten am Herzen. Die meisten Blühflächen werden von Landwirten im Rahmen von Agrarumweltmaßnahmen bestellt. „Das ist eine Win-Win-Situation“, sagt Kersten.

Da der Flugradius von Wildbienen nur wenige hundert Meter betrage, würden einjährige Blühflächen, die jährlich ihren Standort wechseln, keinen Sinn machen, hält Manfred Radtke vom BUND dagegen. Wildbienen würden zudem immer drei Dinge benötigen: Nahrungsangebot, Nistmöglichkeiten und Nistmaterial.

Dies ist nach Ansicht von Kersten kein Widerspruch: „In der betrieblichen Praxis handelt es sich bei Blühstreifen häufig um Flächen, die für Landwirte schwierig zu bearbeiten sind, wie beispielsweise Keile“, erklärt er. Zudem würden viele aktuelle Flächen meistens an Hecken, Saumbereichen mit Totholz oder Gräben liegen. „Im Idealfall sind also alle drei vom BUND geforderten Dinge verfügbar.“

Praxisorientiert, pragmatisch und gut

Damit spricht er dem Vorsitzenden des Landvolks Rotenburg-Verden, Jörn Ehlers, aus dem Herzen. „Wir arbeiten seit Jahren praxisorientiert, pragmatisch und gut mit Heinrich Kersten zusammen“, sagt Ehlers. Die Verdener Landwirte hätten 2019 mehrere hundert Hektar für Blühmischungen zur Verfügung gestellt, alleine die Imkermischung wachse auf rund 300 ha. Das Landvolk sei überzeugt davon, dass die Mischung nicht nur für Honigbienen positive Effekte habe.

Die Landwirte wünschten sich Anerkennung für das, was sie bereits für die biologische Vielfalt leisten. „Dennoch sind wir natürlich für Verbesserungsvorschläge offen“, betont Ehlers. Er macht allerdings auch deutlich: „Die eierlegende Wollmilchsau gibt es bei Maßnahmen zum Schutz der Artenvielfalt nicht!“ Das sieht auch Heinrich Kersten so: „Man kann jede Mischung optimieren. Für die  Akzeptanz muss man jedoch die Kosten im Blick behalten.“

Wissenswertes: Agrarumweltmaßnahmen

Im Rahmen von Agrarumweltmaßnahmen (AUM) fördert das Land Niedersachsen auch die Anlage ein- und mehrjähriger Blühstreifen auf landwirtschaftlichen Flächen. 2018 beteiligten sich mehr als 3.900 landwirtschaftliche Betriebe an dieser freiwilligen Maßnahme und reservierten dafür rund 16.800 ha Ackerland. Allein für die Anlage der Blühstreifen 2018 zahlt das Land mehr als insgesamt 12,5 Millionen Euro aus.

Weitere Infos: www.aum.niedersachsen.de

Auch interessant