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Klimagipfel COP27

Adé 1,5-Grad-Ziel: So überleben Landwirte die Klimakrise

Erdnuss-Ernte
am Montag, 07.11.2022 - 14:00 (3 Kommentare)

Die Temperaturerhöhung ist nicht mehr verhinderbar. Landwirte müssen sich jetzt überlegen, wie sie im Geschäft bleiben wollen. Eins ist klar: Veränderungen sind unabdingbar.

Noch ist das Jahr nicht zu Ende, aber die Daten zu Wetter und Klima, zu Niederschlägen und Waldbränden können einem Angst und Bange machen. Da Landwirte besonders betroffen sind, müssen sie sich besser heute als morgen Gedanken machen, wie sie ihre Betriebe widerstandsfähig für die Zukunft aufstellen. Auch wenn sie weder Stürme umlenken noch Regen herbeizaubern können - hilflos sind sie nicht. Das gilt für Sorten- und Kulturpflanzenwahl genauso wie für neue Anbautechniken.

Rekordwärme 2022 hat Landwirte arg gebeutelt

Und es ist Tempo angesagt. Weltweit ist die Durchschnittstemperatur bereits um 1,2 Grad gestiegen. Das Ziel, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken, ist nicht mehr zu erreichen. Auch Deutschland ist längst in einer neuen Heißzeit angekommen: Allein das Jahr 2022 hat ein Plus von 2,4 Grad gegenüber dem langjährigen Mittel gebracht.

Die Folgen waren unübersehbar. Noternten, Feldbrände, Futterknappheit ... Die Getreideernte lag insgesamt mit 43,3 Millionen Tonnen unter dem Durchschnitt von 45,6 Millionen Tonnen der Jahre 2014 bis 2021. Besonders den Mais hatte die Trockenheit getroffen. Auch wenn der Herbst vielerorts wieder Regen gebracht hat, zeigt doch der Dürremonitor noch extreme Dürre im Gesamtboden.

Wassermanagement wird zentral für Bauern

Dieses Wetter ist ohne den Klimawandel nicht erklärbar, schreiben Forscher der ETH Zürich. Demnach steigt die Häufigkeit solcher Dürren von einmal alle 400 Jahre auf einmal alle 20 Jahre. Damit kommt dem Wassermanagement auf den Feldern eine hohe Bedeutung zu. Denn zum einen steigt die Verdunstung durch höhere Temperaturen, zum anderen sinkt die Verfügbarkeit von Wasser.

Weniger Wasser verbrauchen ist damit das Gebot der Stunde; zum Beispiel auf Tröpfchenbewässerung setzen statt auf Beregnungsanlagen. Und dann auch nicht in den wärmsten Stunden des Tages. Kluge Systeme, die automatisch die Saugspannung und damit den Wasserbedarf im Boden messen, regeln die Bewässerung nach Bedarf. 50 Prozent weniger Wasserverbrauch ist möglich. Und diese Technik spart nicht nur Wasser, sondern auch Energie.

Zudem sollte statt Trinkwasser Brauch- und Abwasser genutzt werden. Natürlich nur, wenn es keine Giftbrühe ist oder aus der Kloake kommt.

Wasservorräte durch Humusaufbau erhöhen

Neben dem Sparen wird es zu einer Königsdisziplin, das Wasser im Boden zu halten oder den Wassergehalt sogar zu erhöhen. Dazu gehört, die Verdunstung durch eine möglichst konsequente Bedeckung zu reduzieren. Auch Hecken oder Gehölze können dabei helfen. Eien Schlüsselrolle kommt dem Humus im Boden zu; der Humusaufbau sichert Wasser.

Nach Studien des National Soil Survey der USA hat jeder Prozentpunkt Humusaufbau dem Boden zwischen 0,83 und 1,13 Prozentpunkte nutzbare Feldkapazität gebracht. Das heißt, eine Zunahme von 1,03 Prozentpunkten nutzbare Feldkapazität entspricht in einem schluffigen Lehmboden 31.000 zusätzlichen Litern Wasser.

Wichtig ist in dem Zusammenhang auch, das Regenwasser am Abfließen zu hindern, so dass es versickern kann. Etwa durch hangparallele Bearbeitung oder eingeschränktes Drainieren.

Neue Ackerbausysteme, neue Probleme

Die Verdunstung kann auch durch neue Ackerbausysteme geringer ausfallen. Zum Beispiel sind dabei Agroforstkulturen oder Agri-PV-Anlagen vielversprechend. Ihr Vorteil ist zudem, dass sie die Betriebseinnahmen auf mehrere Quellen verteilen.

Zusätzlich gilt es, andere Sorten oder sogar ganz andere Kulturen ins Auge zu fassen. In Zukunft könnte die Widerstandskraft der Kultur höher zu bewerten sein als der bloße Ertrag. Dabei stehen Landwirte noch vor Problemen, die selbst höhere Durchschnittstemperaturen mitbringen. Zum einen etwa die notwendige Vernalisation. Zum anderen die Gefahr von Spätfrösten. Das heißt, es ist gar nicht so einfach trockenen und heißeren Sommern durch einen früheren Saattermin auszuweichen.

Neue Kulturen braucht das Land

Neue Sorten, verbesserte Fruchtfolgen, perfektes Wassermangaement ... Das wird alles noch nicht ausreichen. Längst ist ausgemacht, dass Landwirte in Deutschland auch neue Kulturpflanzen ins Auge fassen müssen. So nimmt bereits heute die Sojaanbaufläche zu, Hirse wird als Ersatz für Mais gehandelt, Kichererbsen, Linsen und Hanf kommen besser mit Trockenheit zurecht. Landwirte experimentieren bereits mit Erdnüssen und Melonen, Winzer mit Tempranillo-Trauben.

Klar ist, dass Landwirte nicht von heute auf morgen ihre Betriebe umstellen können. So dauert allein die Entwicklung einer neuen Sorte gut ein Jahrzehnt. Sie sind aber eben auch nicht hilflos, wenn es um die Klimakrise geht.

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