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Aldi und die Agrarwende: Nach dem Fleisch kommt die Milch dran

Milchpreis Aldi
am Montag, 05.07.2021 - 12:48 (3 Kommentare)

Vor wenigen Tagen schockierten Aldi Nord und Süd mit der gemeinsamen Ankündigung, Rind-, Schwein- und Geflügelfleisch, die nach gesetzlichem Standard erzeugt werden, ab 2025 auszulisten. Jetzt will der Discountriese auch am Milchmarkt die Spielregeln auf den Kopf stellen.

Konkret geht es um die Lieferverträge der Molkereien für Trinkmilch. Aldi Nord und Süd planen, die bisher üblichen halbjährlichen Kontrakte durch Mehrjahresverträge zu ersetzen.

Eine Sprecherin der Discounter erklärte gegenüber agrarheute, Aldi wolle dazu beitragen, „dass weltmarktbedingte Rohstoffschwankungen bei Milch nicht zu Lasten der deutschen Molkereien gehen“. Ein Modell dafür seien mittel- und längerfristige Lieferverträge. Die Molkereien erhielten „langfristige Mengenabnahmen zugesichert und somit bessere Planungssicherheit“.

Aldi nennt keine Einzelheiten der neuen Mehrjahresverträge

Das klingt zunächst einmal gut. Der Verband der Milcherzeuger Bayerns (VMB) ist jedoch alarmiert. „Die Milchbauern sollten gewarnt sein“, kommentiert der VMB die Aldi-Pläne für den Trinkmilchmarkt. Denn am Ende steckt der Teufel im Detail, in diesem Fall in den Konditionen der Lieferverträge.

Und da hält sich Aldi bedeckt. Fragen der Redaktion agrarheute nach der Laufzeit, der Bindung des Verkaufspreises an bestimmte Indizes wie etwa den Kieler Rohstoffwert oder die Häufigkeit von Preisanpassungen während der Vertragslaufzeit lässt der Handelsriese unbeantwortet. „Wir bitte um Verständnis, dass wir aus kartellrechtlichen Gründen nicht näher auf Vertragsdetails eingehen können“, schreibt die Konzernzentrale. So viel Intransparenz stärkt nicht gerade das Vertrauen.

Der Trinkmilchpreis dürfte dem Rohstoffwert schwanken

Außerhalb Deutschlands sind mehrjährige Lieferverträge für Trinkmilch im Einzelhandel durchaus üblich. Insofern betritt Aldi mit der Umstellung hierzulande kein Neuland. Aus Sicht des VMB wird es darauf ankommen, ob die großen Trinkmilch-Lieferanten in Deutschland wie Arla und FrieslandCampina auf den Aldi-Vorstoß eingehen (müssen). Auch das Deutsche Milchkontor (DMK), Ammerland, Hochwald und die Müller Gruppe haben ein starke Stellung am Markt für Trinkmilch.

Dennoch ist eines vollkommen klar: Da nur ein Viertel der in Deutschland erzeugten Milch über den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) ihren Weg zum inländischen Verbraucher findet, werden mehrjährige Trinkmilchkontrakte die vom Weltmarkt ausgehenden Schwankungen des Milchpreises nicht glätten. Darum wird ein Mehrjahresvertrag keinen Festpreis enthalten, sondern an einen Rohstoffindex gebunden und regelmäßig angepasst werden.

Den Kieler Rohstoffwert hält der VMB dazu allerdings für ungeeignet. Der vom ife-Institut errechnete Index bildet nämlich allein das Preisniveau von Butter und Magermilchpulver ab. Wertschöpfungsstärkere Erzeugnisse wie Joghurt oder Käse bleiben unberücksichtigt.

Molkereien müssen sich in die Bücher schauen lassen

Neben dem Milchauszahlungspreis beeinflussen weitere Kosten den Einstandspreis für Konsummilch, unter anderem Löhne, Energie, Transport und Verpackung. Und weil das so ist, setzen die Mehrjahresverträge von Aldi nach Informationen der Lebensmittel-Zeitung eine sogenannte Open-Book-Kalkulation voraus.

Das heißt im Klartext, die Molkereien müssen die Discounter tief in ihre Bücher schauen lassen, wenn sie einen Liefervertrag wollen. Sie bezahlen für das Marktvolumen mit ihrem Geschäftsgeheimnis. Diese Information ist für den Handelsriesen Gold wert, wenn es darum geht, neue Kontrakte, auch für andere Milchprodukte oder mit anderen Milchverarbeitern, zu schließen. Das Zahnrad der vertikalen Integration wird einen Zacken weitergedreht. Kleinere Molkereien werden im Wettbewerb an den Rand gedrängt.

Aldi will keine Traktoren mehr vor der Tür

Dennoch kann man wohl sicher davon ausgehen, dass es den Aldi-Einkäufern gelingen wird, im Herbst die ersten Mehrjahresverträge für Trinkmilch zu vereinbaren. Andere Handelsriesen dürften dem Modell folgen, denn ein Ziel erreicht der LEH damit sofort: Die alle sechs Monate wiederkehrende Aufregung um den neuesten Trinkmilchkontrakt wird der Vergangenheit angehören – und damit auch ein Anlass für Traktoren-Blockaden vor den Zentrallagern der Handelsriesen.

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