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Das sagen agrarheute-Leser

Aldis Tierwohl-Pläne: Das Vertrauen vieler Landwirte ist verspielt

Mastschweine im Außenbereich eines Stalls
am Dienstag, 29.06.2021 - 11:30 (1 Kommentar)

Bei den meisten Landwirten erntete Aldi für seine Umstellung ab 2030 auf die Haltungsstufen 3 und 4 beim Frischfleisch keinen Beifall. Der Einzelhandelsriese versuchte bei Facebook, Erzeuger und Konsumenten für seinen Plan zu gewinnen.

Nachdem agrarheute am Freitag (25.06.) berichtete, dass Aldi Nord und Aldi Süd bis 2030 im Frischfleischsortiment komplett auf die Haltungsstufen 3 und 4 umstellen wollen, wurde auf unserer Facebook-Seite lebhaft über das Vorhaben diskutiert.

Neben Beiträgen von Verbrauchern waren es vor allem Reaktionen von Aldi Süd, die unsere Leser bewegten. Geprägt von ihren Erfahrungen im Umgang innerhalb der Lebensmittelkette standen die Landwirte Aldis Plänen überwiegend kritisch gegenüber.

Zu viele schlechte Erfahrungen mit dem Einzelhandel

Schild einer Aldi Süd-Filiale

Viel Zuspruch erhielt Franz-Josef K. für seine Einschätzung „Doppelmoral am Höchststand: Jetzt davon sprechen, "mit der Marktmacht die Landwirtschaft umbauen zu wollen" und vorher jahrzehntelang die Preise drücken“.

Dass der Einzelhandel selbst verantwortlich an der Entwicklung sei, die er nun zu bekämpften versucht, beschrieb auch Manuel S.: „Vielleicht sollten sich Aldi und die anderen Discounter mal überlegen, wer an der derzeitigen Marktlage überhaupt schuld ist. Fleischverkauf der höchsten Haltungsform gabs nämlich früher fast ausschließlich und regional. Nannte sich Metzger.“

In den Kommentaren einiger Verbraucher und Landwirte war aber auch die Hoffnung erkennbar, dass Aldi mit der Umstellung eine richtige Richtung einschlagen könnte. „Endlich, wurde auch Zeit etwas für das Tierwohl zu ändern. Schade, dass man die Entwicklung so lange verschlafen hat, jetzt kommt halt der Druck der Konsumenten“, schrieb Gabriella E.

Auf angepasste Preise, die direkt bei den Erzeugern ankommen, hoffte Bernd W. Dazu versicherte Aldi: „Wir sind davon überzeugt, dass durch die Maßnahme auch die Landwirte profitieren. Mit uns haben sie einen sicheren Partner, der das Fleisch aus höheren Haltungsformen abnimmt.“

Es überwogen jedoch die negativen Szenarien, in denen sich unsere Leser in der Wirtschaftlichkeit ihrer Betriebe bedroht und ohne Unterstützung sahen. „Wenn es so läuft, wie es in der Vergangenheit immer gelaufen ist, werden die Landwirte mit hohen Investitionen ihre Ställe umbauen und Aldi wird anschließend die Preise auf das heutige Stufe 1- und 2-Niveau drücken“, befürchtete Burkhard S.

Auf die Bedenken unserer Leser, bei der Umsetzung der immer höher werdenden Auflagen nicht unterstützt zu werden und bis 2030 regelmäßig unter zu niedrigen Preisen wirtschaften zu müssen, reagierte Aldi vage: „Uns ist auch bewusst, dass in den Betrieben die Umstellung Zeit sowie Geld kosten wird und sich das auf die Preise auswirken wird. Wie sich das Ganze in der Praxis entwickeln wird, muss jedoch die Zukunft zeigen. Wir sind zuversichtlich“, antwortete der Discounter.

Verlagerung ins Ausland wird so nicht verhindert

„Bis 2030 ist die Tierhaltung eh aus Deutschland abgewandert“, kommentierte unser Leser Heiko E. und traf damit den Nerv vieler Facebook-User. Die Gefahr, dass der Verbraucher zu günstigeren Fleischprodukten aus dem Ausland greifen wird, sah Aldi nicht. „Bis auf einige Spezialitäten beziehen wir unser Frischfleisch überwiegend aus Deutschland und das wird auch so bleiben. […] Wir glauben daran, dass Fleisch aus höheren Haltungsformen zum Standard in Deutschland wird“, argumentierte Aldi und betonte, dass es sich nicht um eine kurzfristige, sondern um eine dauerhafte Maßnahme handele.

Robert S. machte deutlich, dass insbesondere die Schweinehalter von Aldis Plänen betroffen seien: „Wenn es so weiter geht auf dem Schweinemarkt, wird bald in Deutschland kein einziges Schwein mehr gehalten. Dann kommt das Fleisch aus Osteuropa“, schrieb er.

Landwirte teilen Aldis Glauben an den neuen Standard nicht

Aldis Annahme, dass Frischfleisch aus den höheren Haltungsstufen in Deutschland zum Standard wird, sahen die Landwirte äußerst skeptisch. Vielmehr erwarten sie ein Verbraucherverhalten, das sich an den Konsum günstigerer Produkte orientiert. „Mal gucken, wer sich dann noch Frischfleisch leistet“, fasste Rail L. die Zweifel der Tierhalter zusammen.  

Auf unserer agrarheute-Seite zeichnete Wolfgang Parallelen zum Biomarkt: „Wenn alle solch hohe Tierhaltungsstandards wollen, warum lassen sich Biomastschweine nur sehr schwer vermarkten und der Marktanteil liegt unter 2 %. - Ganz einfach: weil die meisten nur reden und die wenigsten wollen es bezahlen.“

Die Nutzer vermissten außerdem eine klare Zusicherung von Aldi, dass die Preise für den Verbraucher überhaupt angehoben werden. So merkte der Milchhof Lucassen an, dass die Bauern in Vorleistung gehen müssten, um ihre Tiere in den oberen Haltungsstufen einordnen zu können. Eine Garantie dafür, dass der höhere Standard auf Dauer bezahlt wird, fehle jedoch.

„Vom höheren Erlös kommt beim Erzeuger nichts an, ist anscheinend normal in der Branche. Vorne glänzen wollen und nach unten treten“, schrieb Claus B. und erhielt von Aldi eine Antwort, deren Unverbindlichkeit wiederum für Diskussionen sorgte: „Uns ist klar, dass viele Landwirte eine Menge Geld in die Hand nehmen müssen, um ihre Ställe auszubauen und Futtermittel umzustellen. Daher sollen sie auch von möglichen Preiserhöhungen profitieren können“, so Aldi.

Auf die folgende Kritik antwortete Aldi, dass noch nicht absehbar sei, wie sich die Preise entwickeln, da dies von vielen verschiedenen Faktoren abhänge. Den Landwirten solle aber die Sicherheit gegeben werden, dass das teurere Fleisch auch abgekauft wird.

Volker B. erinnerte auf unserer Homepage daran, sich die gesellschaftlichen Ansprüche nicht nur auf die Haltungsform begrenzten. „Kastrieren nur noch mit Betäubung - wer bezahlt das? Die Arbeit hat der Sauenhalter und einen Teil gibt er an den Mäster weiter und das wars“, kommentierte er.

Enttäuschung über kaum geändertes Baurecht

Darüber hinaus spielten die gesetzlichen Hürden für Stallumbauten in der Diskussion eine große Rolle. „Da muss Aldi aber noch ganz tüchtig mit dem Bauamt Cloppenburg reden sonst wird das nichts“, scherzte Florenz E. und wandte sich dabei an die CDU-Politikerinnen Silvia Breher und Barbara Otte-Kinast.

Birgit E. fügte hinzu, dass es nicht nur bürokratische, sondern auch gesellschaftliche Hindernisse gebe: „Na, versuch mal bei gewerblichen Ställen die Genehmigung für Freilauf zu bekommen. Da ist dann gleich der Bürger, der Tierhaltungsform 3 oder 4 haben will, mit Klagen zwecks Verhinderung bei der Hand...“, schilderte sie das Dilemma.

Auch Christian L. ärgerte sich über das nur für Sauenhalter geänderte Baurecht. Grundsätzlich sei Aldis Plan aber „erstmal ‘ne gute Sache“.

Nadine H. war der Ansicht, dass die höheren Haltungsstufen nicht nur in der Mast, sondern schon in der Ferkel- und Sauenhaltung durchgesetzt werden sollten. „Wir sind gerne bereit, das mitzugehen, nur dann bitte auch konsequent von der Geburt bis zur Kühltheke“, forderte sie und war mit ihrer Bereitschaft, Aldis Plänen eine Chance zu geben, nicht allein.

„Wenn das stimmt, geht’s in die richtige Richtung“, schrieb beispielsweise Rosi. R. Insgesamt konnten die Bedenken aber selbst unter den Landwirten, die Aldis Ansatz begrüßten, nicht ausgeblendet werden. „Im Prinzip ist das gut aber Landwirte werden zu teuren Investitionen gezwungen. Und ob das Geld jemals wieder reinkommt!? Daher werden das viele nicht mehr mitmachen“, brachte Johannes G. das Problem auf den Punkt.

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