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Landwirtschaft und Gesellschaft

Bauernproteste für faire Preise: Ökonomen nehmen Forderung auseinander

Gemüse.
am Mittwoch, 16.12.2020 - 13:48 (7 Kommentare)

Die Bauernproteste für faire Preise und Handelspraktiken beschäftigen auch Ökonomen.

Die beiden Göttinger Agrarwissenschaftler Achim Spiller und Gesa Busch haben sich aus ökonomischer Sicht mit den Forderungen der Landwirte und dem aktuellen Forderungsschreiben von „Land schafft Verbindung“ auseinandergesetzt.

Dabei kommen die Agrarökonomen zu dem Schluss: Die bisherigen Proteste haben den Lebensmittelhandel zwar zu einigen Preiserhöhungen und Zahlungsversprechen an die Landwirtschaft veranlasst. Sie sind jedoch davon überzeugt: Langfristig werden die Forderungen in der vorgeschlagenen Form nicht funktionieren.

Der Grund: Hinter einigen Forderungen stehen zwar sinnvolle Ausgangsideen, andere Vorstellungen sind aus ökonomischer Sicht aber nicht umzusetzen, sagen zumindest die beiden Autoren.

Im Folgenden soll auf die einzelnen Vorschläge in verkürzter Form eingegangen werden.

Ombudsstellen werden nicht funktionieren

milchbauer.

Zu der Forderung nach Einrichtung einer Clearingstelle stellen die beiden Agrarökonomen folgendes fest: Solche Ombudsstellen gibt es im Verhältnis zwischen Industrie und Handel schon.

Sie haben aufgrund der „Ross und Reiter-Problematik“ nur sehr begrenzte Wirkung, denn angesichts der Nachfragemacht des LEH überlegt es sich jeder Lieferant sehr genau, ob er öffentlich gegen einen wichtigen Kunden Protest einlegen will.

Die bestehende Klagemöglichkeit beim Kartellamt wird derzeit schon kaum in Anspruch genommen und wird allenfalls genutzt, wenn die Geschäftsbeziehung ohnehin am Ende ist. Ein Ombudsverfahren ist ähnlich zu beurteilen. Hinzu kommt, dass die Landwirte nur selten direkte Vertragsbeziehungen zum LEH haben.

Kennzeichnung regionaler Produkte - gibt es schon

Zur Forderung nach einer Pflichtkennzeichnung der deutschen Herkunft sagen die Wissenschaftler: Eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung gibt es bei Obst und Gemüse sowie bei Fleisch bereits. Auch bei Milchprodukten kann der Molkereistandort erkannt werden.

Für eine transparente und verständliche Herkunftskennzeichnung spricht aber vieles, sagen die beiden Ökonomen. Voraussetzung ist, dass die Konsumenten davon überzeugt sind, dass die heimischen Produkte besser sind – also auch tierfreundlicher oder umwelt- und klimaverträglicher.

Für viele Menschen sind das ebenso wichtige Aspekte wie die Unterstützung der heimischen Betriebe. Die beiden Ökonomen kritisieren an dieser Stelle: Gerade die landwirtschaftlichen Interessenverbände haben sich bisher mit einer transparenten Kennzeichnung im Hinblick auf den Umwelt-, Klima-, und Tierschutz schwergetan.

Lebensmittel müssen (nicht) den deutschen Normen entsprechen

bauernmarkt.

Zur Forderung nach Auslistung von Erzeugnissen mit Standards unterhalb des deutschen Niveaus sagen Spiller und Busch: Zunächst einmal ist diese Forderung im EU-Binnenmarkt problematisch, da sie arg protektionistisch formuliert ist.

Das Grundproblem wird aus Sicht der Ökonomen aber richtig beschrieben - nämlich: Bei zunehmenden Nachhaltigkeitsstandards ist es wichtig, dass gleiche Wettbewerbsbedingungen mit Drittstaaten hergestellt werden. Für den Staat sind die Handlungsmöglichkeiten hier derzeit durch das EU- und das WTO-Recht begrenzt.

Einzelhändler können höhere Standards jedoch leichter durchsetzen, wie das klassische Beispiel der Auslistung von Käfigeiern gezeigt hat. Allerdings funktioniert eine solche Selbstverpflichtung des Handels nur, wenn alle großen Händler mitmachen, sagen Spiller und Busch. Abstimmen dürfen sich die Händler jedoch nicht, da dies ein verbotenes Kartell darstellen würde.

Kennzeichnung des Erlösanteils der Landwirte - eine „Schnapsidee“?

Zur Forderung nach Kennzeichnung des Erzeugeranteils am Endverbraucherpreis sagen die Wissenschaftler: Diese Idee ist kaum als Standard für alle Produkte durchführbar. Wollte man kennzeichnen, wie hoch der Erzeugeranteil an der Wertschöpfung von Milch ist, müsste bekannt sein, wie hoch die Spanne der Molkerei und die des Händlers ist.

Da der Erzeugerpreis bezogen auf die Molkereien bekannt ist, müsste man „nur“ den Einkaufspreis des Händlers kennen, heißt es in dem Papier. Aber genau der ist  ja das am besten gehütete Geheimnis, da er extrem wettbewerbsrelevant ist, betonen Spiller und Busch an dieser Stelle.

Hinzu kommt: Verhandelt werden in der Regel nicht nur einzelne Produkte, sondern meist das gesamte Sortimente. Außerdem weisen die Autoren darauf hin, dass der Erzeugeranteil stark vom Verarbeitungsgrad eines Produktes abhängt. Fazit der beiden Ökonomen ist: Dieser Vorschlag ist eine „Schnapsidee“.

Gemeinsame Kommunikation funktioniert nicht

kartoffeln.

Zur Forderung nach Zahlung in einen Werbefonds für die deutsche Landwirtschaft haben die beiden Agrarökonomen folgende Meinung: Nachdem das Bundesverfassungsgericht die Zwangsabgaben der Landwirte an die frühere CMA untersagt hat, gab und gibt es immer wieder Versuche, Nachfolgeorganisationen aufzubauen.

Bei dem Vorschlag der protestierenden Landwirte soll sich nun der Handel an einem solchen Fonds beteiligen. Zielrichtung ist es, das Image der Branche, dass durch verschiedene Debatten sowie Umwelt- und Tierschutzprobleme angeschlagen ist, durch PR-Kampagnen zu verbessern, stellen die Ökonomen fest.

Gegen eine solche gemeinsame Kommunikation spricht nach Auffassung von Spiller und Busch, dass die Interessen der Landwirte nicht sehr homogen sind. Genau daran ist nach Auffassung der beiden Autoren auch die CMA gescheitert.

Fazit der Ökonomen ist: Die Forderung einer gemeinsamen Kommunikation für die „deutsche Landwirtschaft“ scheint  wenig geeignet und wird wohl auch nicht funktionieren.

Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis

Die Forderung nach einer dauerhafter Erhöhung der Erzeugerpreise, kurzfristig um mindestens 30 Prozent funktioniert nach Auffassung der beiden Ökonomen ebenfalls nicht. Der Grund: Der Vorschlag verkennt die Gesetze von Angebot und Nachfrage – sowie die große Heterogenität in den Produktionskosten bei den Landwirten, heißt es weiter.

Spiller und Busch sagen: Betriebswirtschaftliche Analysen zeigen große Kostenunterschiede zwischen landwirtschaftlichen Betrieben. Während einige bei einem bestimmten Preis noch gutes Geld verdienen, zahlen andere schon drauf. Ursache sind unter anderem: Größenvorteile, Standortbedingungen, Betriebsstruktur und Managementqualifikation.

Fazit der Ökonomen ist deshalb: Will man die Erzeugerpreise auf ein Niveau festlegen, das auch für die wenig effizienten Betriebe auskömmlich ist, verdienen sich andere „eine goldene Nase“. Ist ein solcher Preis garantiert, werden die kostengünstigen Betriebe ihre Produktion ausweiten, z. B. neue Ställe bauen oder mehr Land pachten.

Weiter heißt es: Es kommt außerdem zu steigenden Bodenpreisen und zur Überproduktion. Auch der Strukturwandel wird dadurch nicht gebremst, lautet die Kritik.

Fazit: Erfolg der Proteste wirkt nur kurz

ackerbauer.

Das Fazit der beiden Agrarökonomen ist: Die Proteste haben erstaunlich starken Eindruck auf den Handel gemacht und kurzfristige Erfolge gebracht. Vergleichbare Proteste wie jetzt gab es aber auch 2008 schon einmal, als Milchproduzenten gegen ihre Molkereien „streikten“. Auch damals wurden ähnliche Forderungen erhoben. Es gab kurzfristige Zugeständnisse von Herstellern und Handel. Langfristig verändert hat sich eigentlich nichts, sagen die Wissenschaftter.

Spiller und Busch stellen außerdem fest: Solange sich die Landwirte auf Märkten für Standardprodukte bewegen, hängen sie an den Angebots- und Nachfrageverhältnissen der internationalen Märkte. Sie sind "austauschbare Produzenten" für Handelsmarken, bei denen kaum Preisspielräume bestehen, heißt es weiter. Spiller und Busch sehen einen Ausweg nur darin, sich von diesen Entwicklungen auf irgend eine Weise abzukoppeln.

Die Vorschläge der beiden Ökonomen für diesen Prozess sind allerdings auch nicht wirklich neu und innovativ. Nämlich Online-Vermarktung, Regionalregale im Lebensmittelhandel, langfristige Verträge mit Preisabsicherung für Bio- und Tierschutzprodukte. – Nur dieser Weg ist nach Auffassung der Autoren „langfristig erfolgversprechend“.

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