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Ernährungssicherung und Landwirtschaft

Bill Gates: Ruiniert seine Agrarrevolution die Kleinbauern in Afrika?

Frau mit Hacke bei der Feldarbeit
am Freitag, 22.01.2021 - 08:45 (3 Kommentare)

Bill Gates ist nicht nur der größte Eigentümer von Agrarland in den USA. Er ist auch einer der größten Investoren in die Landwirtschaft Afrikas.

Landwirtschaftliche Felder in Afrika

Der Tech-Milliardär Bill Gates hat eine eigene Organisation gegründet: Die Allianz für eine grüne Revolution in Afrika (AGRA). Diese wird seit 2006 gemeinsam von der Stiftung Bill & Melinda Gates und der Rockefeller-Stiftung finanziert.

Ziel war es die landwirtschaftlichen Erträge der afrikanischen Kleinbauern deutlich zu erhöhen und die Einkommen von etwa 30 Millionen landwirtschaftlichen Haushalten zu verdoppeln. Gleichzeitig sollte die Ernährungs-Unsicherheit in 20 afrikanischen Ländern bis 2020 halbiert werden.

Eine von Timothy A. Wise geleitete Studie des Tufts Global Development and Environment Institute aus Medford, Massachusetts, ergab jedoch: Die Milliarden-Dollar-Allianz für eine grüne Revolution in Afrika kann ihre Versprechen offenbar nicht einlösen (siehe Download).

Zentrales Ergebnis der Untersuchung von Wise ist: Die massiven Investitionen in die Förderung und Subventionierung von kommerziellem Saatgut bestimmter Pflanzen (Mais) und in Agrarchemikalien haben ihr Ziel, den Hunger zu lindern und die Kleinbauern aus der Armut zu befreien, bisher jedenfalls nicht erreicht.

Teilweise ist sogar das Gegenteil der Fall: Heimische Pflanzen, die gut an das Klima angepasst sind wurden weniger angebaut und die Versorgungssicherheit hat sich nach Angaben von Wise dadurch verschlechtert.

Timothy A. Wise: Africa’s Green Revolution has Failed

Viel Geld für die grüne Revolution – kaum Erfolge?

Produktivität der Kulturen im Agrarsektor in Afrika

Nach den Angaben der Wissenschaftler hat AGRA fast 1 Milliarde US-Dollar an Spenden für das Projekt eingesammelt. 524 Millionen US-Dollar, wurden hauptsächlich in 13 afrikanische Länder, für Programme zur Förderung des Einsatzes von kommerziellem Saatgut (oft Mais), mineralischen Düngemitteln und Pflanzschutzmitteln ausgezahlt. Die „Grüne Revolution“ wird auch weiterhin durch erhebliche Subventionen unterstützt.

Wise berichtet, dass die afrikanischen Regierungen in den Zielländern zusätzlich rund 1 Milliarde US-Dollar pro Jahr ausgegeben haben, um den Ankauf von Saatgut und Agrarchemikalien zu finanzieren. Kritisiert wird von den Autoren der Studie, dass AGRA keine umfassende Bewertung oder Berichterstattung über den Erfolg der Maßnahmen vorgelegt hat. Die Tufts-Forscher stützten sich bei ihrer Bewertung der Fortschritte auf die Daten auf nationaler Ebene zu landwirtschaftlicher Produktivität, Armut, Hunger und Unterernährung.

„Wir finden kaum Hinweise auf weitreichende Fortschritte, was angesichts der hohen staatlichen Subventionen für die Einführung von Technologien bemerkenswert ist", schreiben die Forscher. Nach Meinung der Wissenschaftler ist sogar das Gegenteil der Fall: Die Daten zeigen ein langsames Produktivitätswachstum, keine signifikanten Erhöhungen der Ernährungssicherheit oder des Einkommens von Kleinbauern in den Zielländern und sogar eine Verschlechterung im Hinblick auf die Nahrungsversorgung bzw. den Hunger.

AGRA kritisiert die Studie als unwissenschaftlich

In einem Interview fasste der Hauptautor Wise seine Erkenntnisse über die Allianz für eine grüne Revolution in Afrika zusammen: „Es ist ein fehlgeschlagenes Modell. Es ist Zeit, den Kurs zu ändern. AGRA antwortete auf die Vorwürfe von Wise, man sei "sehr enttäuscht" von der Veröffentlichung. „In den letzten 14 Jahren hat AGRA viele Erfolge erzielt, und auch viel gelernt“, hieß es.

AGRA sagte außerdem, dass das Tufts-Papier „die grundlegenden akademischen Standards der Begutachtung durch Fachkollegen nicht erfüllt. Andrew Cox, Stabschef bei AGRA, kritisiert den Forschungsansatz als "nicht professionell und ethisch". Er sagte, AGRA werde Ende 2021 „eine vollständige Bewertung ihrer Ziele und Ergebnisse vorlegen“.

Wise, hatte schon in seinem Buch „Eating Tomorrow“ aus dem Jahr 2019 die kostenintensiven Modelle für die landwirtschaftliche Entwicklung in Afrika kritisiert. Er sagte: „Wenn AGRA oder die Gates Foundation Daten haben, die meinen Ergebnissen widersprechen, dann sollten sie diese zur Verfügung stellen".

Wise: Mais verdrängt heimische Pflanzen

Frauen bei der Farmarbeit in Afrika

In seiner Studie kam Wise zu dem Schluss: Die Zahl der hungernden Menschen in den 13 Schwerpunktländern von AGRA ist während der gut finanzierten Grünen Revolution von AGRA um 30 Prozent gestiegen. Die Produktivität von Mais, der am meisten subventionierten und unterstützten Kultur, stieg innerhalb von 12 Jahren nur um 29 Prozent. Das ist nicht einmal ein Drittel der ursprünglich angepeilten Ertrags-Steigerung von 100 Prozent.

Wise kritisierte zudem, das viele gut angepasste klimaresistente, nahrhafte Pflanzen durch die Ausweitung des Maisanbaus verdrängt wurden. Und selbst wenn die Maisproduktion gestiegen ist, haben sich Einkommen und Ernährungssicherheit für die vermeintlichen Nutznießer von AGRA kaum verbessert: Die kleinen landwirtschaftliche Haushalte.

Wise verweist auf Ruanda als Beispiel. In Ruanda, sind die Maiserträge zwar um 66 Prozent gestiegen. Die Daten zeigen jedoch schwache Produktivitätsverbesserungen bei anderen wichtigen Grundnahrungsmitteln, da die Landwirte auf den Anbau lokaler Pflanzen verzichteten, um Mais anzubauen, sagt Wise.

Sind außerlandwirtschaftliche Faktoren Schuld?

Männer auf einem Traktor

AGRA betont indessen das sich nachweisen lässt, dass die Einkommen von Haushalt zu Haushalt steigen, wenn die Landwirte Zugang zu modernem Saatgut und Input erhalten. Es wird jedoch darauf hingewiesen, dass eine Reihe anderer Faktoren die Einkommen beeinflussen, die außerhalb des Einflusses von AGRA liegen."

Die Gates Foundation reagierte auf das Tufts-Papier ebenfalls mit einer Erklärung: „Wir unterstützen Organisationen wie AGRA, weil sie mit Ländern zusammenarbeiten, die sie bei der Umsetzung ihrer Prioritäten und Strategien unterstützen, die in den nationalen Strategien zur Entwicklung der Landwirtschaft enthalten sind. Wir unterstützen auch die Bemühungen von AGRA, den Fortschritt kontinuierlich zu überwachen und Daten zu sammeln, um zu informieren, was funktioniert und was nicht.“

Doch auch einige afrikanische Landwirtschaftsorganisationen sehen die Arbeit von AGRA kritisch – so etwa Mariam Mayet, Geschäftsführerin des Afrikanischen Zentrums für Biodiversität in Südafrika. Sie sagt: „Seit Jahren dokumentieren wir die Bemühungen von AGRA, die Grüne Revolution in Afrika voranzubringen, und die Sackgassen, zu denen dies führt: Verschlechterung der Bodengesundheit, Verlust der biologischen Vielfalt in der Landwirtschaft, Verlust der Souveränität der Landwirte.“

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