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Landwirtschaft und Agrarpolitik

Brexit: No-Deal kostet Farmer ein Fünftel des Einkommens

Traktor pflügt
am
23.08.2019
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Kommt es zu einem No-Deal-Brexit, könnten die britischen Farmer Einahmen von 850 Millionen Pfund verlieren.

Zu diesem Ergebnis kommt das führende britische Beratungsunternehmen Andersons Farm Business Consultants. In einer Studie wird ein Rückgang der Einkommen der landwirtschaftlichen Betriebe um 18 Prozent – also um fast ein Fünftel – erwartet, wenn das Land die EU ohne ein Abkommen verlässt.

Die prognostizierte Entwicklung wird in einigen Produktionszweigen diesen Durchschnittswert sogar noch deutlich übertreffen. Besonders hart trifft es die Schafproduktion und in einigen Regionen auch die Rinderhaltung. Andersons kommt zu dem Ergebnis, „dass die Lebensfähigkeit vieler landwirtschaftlicher Betriebe in Gefahr sein wird, wenn die staatliche Unterstützung nicht signifikant zunehmen wird".

Die Autoren der Studie beschreiben einen No-Deal-Brexit als eine weitaus größere Herausforderung als BSE oder die Maul- und Klauenseuche. Die britische Regierung sagt deshalb, sie werde "in dem unwahrscheinlichen Fall, dass dies erforderlich ist, direkte Unterstützung leisten, um einige Sektoren anzukurbeln".

Mit Abkommen ist deutlich besser

Landwirtin

Die Studie hat Andersons Farm Business im Auftrag der BBC durchgeführt und bewertet die Auswirkungen des Brexit neun bis zwölf Monate nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU anhand eines Deal- und eines No-Deal-Szenarios. Bei einem Ausscheiden aus der EU mit einem Abkommen, würde es einen viel geringeren Einkommens-Rückgang geben. In diesem Fall wird eine Rentabilitätsminderung von 3 Prozent prognostiziert.

In Bezug auf die Produktionswerte wurde der mit Abstand größte Rückgang im Schaffleischsektor erwartet, wo mit einem Einbruch von 31 Prozent zu rechnen ist, während die Rückgänge bei Getreide, Milch und Rindfleisch sehr viel moderater ausfallen.

"Es könnte die Schafindustrie in Nordirland auslöschen", sagten die Farmer Jo und Lindsay Best aus der Grafschaft Antrim gegenüber der BBC. Auch Nordirlands Milchproduktion wäre stark betroffen, da derzeit ein Großteil der Milch in der Republik Irland verarbeitet wird.

Im Gartenbau, bei Geflügel und Schweinen wird hingegen ein Gewinnanstieg prognostiziert. Voraussetzung ist jedoch, es stehen auch nach dem 31. Oktober noch genügend (ausländische) Arbeitskräfte für die Durchführung der nötigen Tätigkeiten zur Verfügung.

Preise und Kosten werden sinken

Feld pflügen

Ein Brexit ohne Abkommen würden für die britischen Milchexporte höhere Zölle und andere Beschränkungen nach sich ziehen, was, wie befürchtet wird, zu einem Überangebot an Milch in Großbritannien und zu sinkenden Preisen am britischen Markt führen könnte.

Gleichzeitig könnten die Einfuhrzölle für Ware von außerhalb der EU erheblich gesenkt werden, was zur Folge hätte, dass die britischen Landwirte der verstärkten Konkurrenz von billiger Butter und Käse aus Übersee ausgesetzt wären.

Andersons erwartet außerdem, dass einige Kosten für Vorleistungen aufgrund der dann niedrigeren britischen Einfuhrzölle sinken werden. Diese Kosten umfassen Tierfutter, Düngemittel und Pflanzenschutzmittel. Gleichzeitig wird jedoch damit gerechnet, dass andere Kosten - wie etwa die Veterinärkosten - steigen, was zum Teil auf die gestiegene Nachfrage nach Tierärzten zur Unterstützung von Grenzkontrollen zurückzuführen ist.

Die Studie nutzt für die Berechnungen einen Dreijahresdurchschnitt von 2016 bis 2018, um die jährlichen Schwankungen zu berücksichtigen, die sich aus den Wetterbedingungen und Wechselkursen ergeben. In der Studie werden auch die potenziellen Auswirkungen von Zöllen untersucht, einschließlich nichttarifärer Handelshemmnisse und Zollkontingenten.

No-Deal am besten vermeiden

Milchfarm uk

Die Forscher betonen außerdem, dass ihre Daten auf der Annahme beruhen, dass die staatlichen Beihilfen für die Landwirtschaft auf ihrem derzeitigen Niveau gehalten werden. Sonst würde die Entwicklung noch viel dramatischer ausfallen. Die landwirtschaftlichen Betriebe erhalten im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) derzeit EU-Zuschüsse in Höhe von mehr als 3,5 Mrd. GBP pro Jahr.

Derzeit sind zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe in zahlreichen Sektoren in hohem Maße auf Unterstützung angewiesen", sagt Michael Haverty, der die Forschungsergebnisse von Andersons zusammengestellt hat. "Viele Betriebe haben Probleme, die Gewinnschwelle zu erreichen. Wenn die Rentabilität um 18 Prozent und in einigen Sektoren um ein Vielfaches gesteigert werden muss, hat dies enorme Auswirkungen."

Die Berechnungen von Andersons zeigen, dass der Gewinn eines typischen Milchviehbetriebs in England ohne ein Abkommen von 3,4 Pence pro Liter Milch auf 0,9 Pence pro Liter sinken würde. In Schottland würde die typische Milchviehfarm Schwierigkeiten haben, überhaupt die Gewinnschwelle zu erreichen, während in Nordirland Verluste zu erwarten sind. 

Das Vereinigte Königreich wird die EU am 31. Oktober verlassen. Die Möglichkeit eines vertraglosen Ausstiegs der Briten ist unter der Regierung von Boris Johnson sehr viel größer geworden. Das Landwirtschaftsmisnisterium erklärte deshalb: "Wir sind uns sicher, dass wir nach dem Austritt aus der EU am 31. Oktober die Gemeinsame Agrarpolitik durch ein gerechteres System der Agrarunterstützung und unsere neuen Handelsabkommen ersetzen werden."

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