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Corona-Krise beeinträchtigt deutschen Agrarexport

Containerschiff im Hafen Hamburg
am Dienstag, 17.03.2020 - 10:49 (Jetzt kommentieren)

Die Corona-Krise schlägt sich auf die deutschen Agrarexporte nieder. „Die Auswirkungen für unsere Exporteure sind aktuell sehr hart“, sagt der Sprecher der German Export Association for Food and Agriproducts (GEFA) und Geschäftsführer in der Vion Food Group, Bernd Wirtz, in einem Interview mit dem Presse- und Informationsdienst Agra-Europe. Besonders betroffen sind dem GEFA-Sprecher zufolge Branchen, die Frischeprodukte mit vergleichsweise geringem Mindesthaltbarkeitsdatum, sehr eng getakteten Lieferketten und weiten Transportwegen haben.

Bernd Wirtz, GEFA-Sprecher

Wie macht sich die Corona-Epidemie bemerkbar?

Bernd Wirtz: Logistikprozesse, zum Beispiel in China, sind aktuell noch beträchtlich gestört. Die Abfertigung an den Häfen hat sich stark verlangsamt, und es gibt wenige freie Slots in den Häfen für Container, insbesondere Kühlcontainer, und auch der Abtransport aus den Häfen ist eingeschränkt.

Sind deutsche Agrarexporte von der Corona-Krise betroffen?

Bedingt durch die genannten Lieferschwierigkeiten, auch beim Bezug von Grundstoffen, gibt es aktuell erhebliche Einschränkungen für fast alle Bereiche.

Wie ist die Betroffenheit der einzelnen Branchen?

Besonders stark betroffen sind aktuell die Branchen, die Frischeprodukte mit vergleichsweise geringem Mindesthaltbarkeitsdatum, mit sehr eng getakteten Lieferketten und weiten Transportwegen haben. Kommt es hier zu Verzögerungen, drohen Verluste.

Kann man bereits finanzielle Einbußen quantifizieren?

Das ist aktuell seriös nicht einschätzbar.

Menschen mit Atemschutzmasken in chinesischem Supermarkt

Am weitesten verbreitet ist das Corona-Virus in China. Wie hat sich das Exportgeschäft mit der Volksrepublik seit dem Ausbruch zu Beginn dieses Jahres entwickelt?

Das Exportgeschäft hat sich deutlich abgeschwächt. Genaue Zahlen liegen uns noch nicht vor.

Welche Probleme bestehen speziell mit China?

Hier treten vor allem die bereits genannten logistischen Probleme auf. Mit dem Rückgang der Anzahl der Neuinfizierten hoffen wir auf baldige Entspannung der Situation.

Rechnen Sie mit einer nachlassenden Nachfrage nach deutschen Agrarprodukten?

Aktuell ist davon auszugehen.

Lkw-Stau auf der Brennerautobahn

In Europa steht mit Italien derzeit ein Hauptabnehmerland für deutsche Milchprodukte im Fokus. Welche Auswirkungen haben die weitgehenden Restriktionen. Wie wirkt sich das auf die Logistik aus?

Aktuell berichten Speditionen von deutschen Herstellern noch nichts Dramatisches. Der Transit durch Österreich läuft demzufolge aktuell weitestgehend normal und es gibt derzeit genügend Kraftfahrer bei den Speditionen, die die Transporte sicherstellen.

Gerüchten zufolge müssen Kraftfahrer ein Attest vorweisen, dass sie gesund sind. Wie reagieren die deutschen Lieferanten?

 Auf die aktuellen Einreiseregelungen können sich die Lieferanten nur mit den geforderten Dokumenten einstellen. Wenn Lastwagen nicht die Grenzen passieren dürfen, können Lieferungen in Hauptexportzielländer wie Italien kurzfristig nicht beziehungsweise kaum anderweitig ersetzt werden. Aber im Moment scheint der Verkehr nach Italien, wenngleich mit Verzögerungen, weitestgehend normal zu sein.

Milchsammelwagen

Welche weiteren Länder bereiten der Branche derzeit das meiste Kopfzerbrechen?

Aktuell stehen schon die südeuropäischen Partnerländer im Mittelpunkt, die zugleich zu den führenden Abnehmern deutscher Agrarprodukte und Lebensmittel zählen. Aber es kommen immer mehr Länder dazu, die Deutschland als Hauptrisikoland kategorisieren und deutliche Einschränkungen verkünden. Das ist aktuell nicht kalkulierbar: Ein Beispiel sind die durch die USA angekündigten Einreisestopps für Bürger aus Europa.

Sollte die Corona-Epidemie andauern, was würde das für die deutsche Agrarbranche bedeuten?

Lassen Sie uns bitte von einem positiveren Szenario ausgehen. Aktuell scheint sich Dank stringenter Maßnahmen die Situation in China zu entspannen. Die Zahl der Neuinfektionen sinkt zum Glück täglich. Auch die deutsche Regierung hat schnell konsequente Maßnahmen umgesetzt und verfolgt diese, das hat die Bundeskanzlerin auf ihrer Pressekonferenz nochmals verdeutlicht. Wir hoffen, dies trägt zu einer baldigen Entlastung für die betroffenen Unternehmen und zur Entspannung bei.

Produktion von Feldhäckslern bei Claas.

In einzelnen Branchen wie der Landtechnik werden bis zu drei Viertel des Umsatzes aus dem Export realisiert. Im Food-Sektor sind es im Durchschnitt rund 30 %. Welche Folgen hätte ein längerfristiger Einbruch der Exporte für den Produktionsstandort Deutschland?

Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns an derartigen Spekulationen nicht beteiligen. Die Auswirkungen für unsere Exporteure sind aktuell sehr hart. Wir gehen aber davon aus, dass die Folgen nach der Krise gemindert werden. Ein bestehender Investitionsbedarf, beispielsweise in der von Ihnen angesprochenen Landtechnikbranche, verschwindet nicht durch die Krankheit, wird aber möglicherweise deutlich zeitverzögert realisiert.

Die Bundesregierung hat besonders von der Corona-Krise betroffenen Branchen Unterstützung in Aussicht gestellt. Was erwartet die exportorientierte Agrarwirtschaft von der Politik?

Hier schließen wir uns den Forderungen der großen Industrieverbände wie dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) an, schnell wirksame Maßnahmen für die betroffenen Unternehmen bereitzustellen. Die Bundesregierung scheint dies im Hinblick auf die zu Anfang April angekündigten Maßnahmen bereits konsequent zu verfolgen.

Welche längerfristigen Folgen wird die Corona-Epidemie auf den internationalen Agrarhandel haben?

Wir gehen davon aus, dass sich nach einem harten Einschnitt des internationalen Agrarhandels bei Entspannung der gesundheitlichen Lage der Warenaustausch schrittweise wieder auf das bekannte Maß einpegeln wird.

Befürchten Sie, dass protektionistische Tendenzen weiter zunehmen?

Der internationale Warenhandel ist heute zu stark ausgeprägt, als dass sich deutlichere Einschränkungen als wahrscheinlich erweisen. Dagegen werden Unternehmen ihre Produktions- und Lieferketten auf mehrere Partner ausweiten, um das Risiko künftig zu minimieren.

Mit Material von AgE

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