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Corona-Krise: Erste Aufrufe zur Drosselung der Milchproduktion

Milchkühe in einem Melkstand. Eine Frau kontrolliert die Melkzeuge.
am Freitag, 03.04.2020 - 13:50 (1 Kommentar)

Corona bringt den Milchmarkt aus den Fugen. Bayern MeG und Schwälbchen Molkerei rufen zur Drosselung der Milcherzeugung auf. DBV-Milchpräsident Karsten Schmal fordert die EU auf, Beihilfen für die private Lagerhaltung einzuführen.

Die Bayern MeG warnt eindringlich, alle Milchviehbetriebe sollten so schnell wie möglich alle ihre Möglichkeiten nutzen, um die Milchmenge „kurzfristig deutlich einzuschränken“. Die Produktion müsse unbedingt dem Bedarf angepasst werden.

Auch die Schwälbchen Molkerei in Hessen appelliert aktuell dringend an ihre Lieferanten, die Milcherzeugung um rund 20 Prozent zu verringern.

Auf den ersten Blick mögen die Aufrufe verwundern, denn die Verbraucher kaufen aus Angst vor der Corona-Krise verstärkt haltbare Milch und Milchprodukte. Die höhere Nachfrage im Lebensmitteleinzelhandel kann die gravierenden Störungen beim Absatz an Großverbraucher, an die verarbeitende Industrie und im Export aber bei weitem nicht ausgleichen. Die Appelle haben also nichts zu tun mit dem Versuch, in der Krise die Preise nach oben zu treiben. Sie wollen vielmehr einem totalen Preisverfall durch Überproduktion vorbeugen.

Heftiger Umsatzeinbruch im Geschäft mit Großverbrauchern

„Wir haben innerhalb von zwei Wochen bei Produkten für Großverbraucher einen Umsatzeinbruch um zwei Drittel erlebt“, sagte Günter Berz-List, Vorstand der Schwälbchen Molkerei Jakob Berz AG, gegenüber agrarheute. Das Unternehmen ist auf frische Milchprodukte spezialisiert. Etwa ein Viertel der Milchmenge, die von der Molkerei aus Bad Schwalbach verarbeitet wird, geht normalerweise als Frischmilch, Joghurt, Quark und andere Frischeprodukte an Großverbraucher. Hotels, Restaurants und Kantinen nehmen derzeit aber kaum Mengen ab.

Berz-List ist zuversichtlich, dass die knapp 300 Milchviehhalter, die Schwälbchen regelmäßig beliefern, auf seinen Appell hin konstruktiv reagieren werden. Und der Molkerei-Manager geht davon aus, dass andere, auch große Milchverarbeiter, mit ähnlichen Aufrufen folgen werden, wenn ihre Lager erst einmal mit Milchpulver und Butter gefüllt sind.

Spotmarkt liegt ein Drittel unter dem Auszahlungsniveau

In einem Schreiben der Bayern MeG heißt es, die Milcherzeuger seien sich ihrer Verantwortung hinsichtlich der Versorgung der Bevölkerung bewusst. Wenn aber aufgrund der aktuellen Preisentwicklung die Milcherzeuger das Handtuch werfen, helfe das niemandem. Zurzeit liegen die Milchpreise am Spotmarkt rund 10 Cent unter dem durchschnittlichen Auszahlungsniveau der Molkereien.

Die Vorstände der Bayern MeG stellen fest: „Aktuell findet eine Wertevernichtung in noch nie dagewesenen Dimensionen statt, die zum Handeln aufruft.“ Der Markt sei gravierend aus den Fugen geraten. Darum gebe es jetzt nur eines: so schnell wie möglich die Milchproduktion drosseln.

Schmal erwartet von der EU-Kommission eine Reaktion

Schmal-Karsten-DBV

Aus Sicht von Karsten Schmal, Milchpräsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), ist jetzt auch die Europäische Union gefordert.

Am Montag tagt der Sonderausschuss Landwirtschaft (SAL) der EU-Mitgliedstaaten mit der EU-Kommission. Schmal hierzu: „Wenn es eine Marktlage gibt, die Beihilfen zur privaten Lagerhaltung von Milchprodukten rechtfertigt, dann ist es die aktuelle. Die EU-Kommission und die EU-Mitgliedstaaten sind deshalb gefordert, dieses Instrument zeitnah zu eröffnen.“

Molkereien sollen Sektorstrategie umsetzen

Nach Einschätzung des Bauernverbandes sind die Molkereien je nach Produktportfolio und Absatzkanal unterschiedlich von der Corona-Krise betroffen. Während zum Beispiel die aktuellen Kontrakte zu Butter und Schnittkäse zwischen Molkereien und Lebensmittelhändlern in dieser Woche mit einem Plus abgeschlossen werden konnten, sind gleichzeitig im Hotel- und Gaststättenbereich sowie im Export Absatzrückgänge festzustellen.

Schmal sieht deshalb die einzelnen Molkereien in der Pflicht: „Wir haben in der Strategie 2030 der deutschen Milchwirtschaft unter anderem festgehalten, dass die Molkereien gemeinsam mit ihren Lieferanten Lösungsansätze zur Abmilderung der mit Preisschwankungen verbundenen Folgen vorantreiben. Hierzu gehören auch Elemente zur Milchmengenplanung und -steuerung sowie Festpreismodelle. Die deutschen Molkereien hinken hier im Vergleich zu internationalen Wettbewerbern sowie zu anderen Agrarsektoren weiterhin hinterher.“

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