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Landwirtschaft und Coronakrise

Corona-Krise: Das Schlimmste kommt noch

Getreidehandel
am Montag, 16.03.2020 - 13:23 (Jetzt kommentieren)

Die Corona-Krise verschärft sich von Tag zu Tag. Auch für die Agrarbranche und die Bauern.

Möglicherweise wurden die Auswirkungen der Coronakrise auf die deutsche und globale Wirtschaft bisher unterschätzt. Wegbrechende Lieferketten, rückläufiger Konsum und schrumpfende Produktion hinterlassen bereits tiefe Spuren in den Bilanzen.

Hinzu kommt: Die vollen Auswirkungen der chinesischen Corona-Krise werden deutsche Unternehmen erst mit einer Verzögerung zu spüren bekommen. Die meisten Analysten glauben etwa im April. Aber das ist noch nicht alles: Am heutigen Montag schließt auch Deutschland seine Grenzen nach Frankreich, Österreich, Luxemburg, in die Schweiz und nach Dänemark, sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) am Sonntagabend.

Nur die Grenzübergänge nach Belgien und in die Niederlande sind dann noch offen. Das dürfte zu weiteren erheblichen Verzögerungen bei der Belieferung und Versorgung von Unternehmen, Landwirten und Verbrauchern führen, auch wenn der Warenverkehr zunächst weiter läuft. Auch die noch deutlich restriktiveren Maßnahmen und Sperrungen in Italien und Österreich verzögern den Warentransport und behindern den Agrarhandel.

Rezession in Europa und Deutschland

Öllager

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat seine Erwartung an das weltweite Wirtschaftswachstum wegen der Corona-Krise fast halbiert. Statt um 2,9 Prozent soll das weltweite BIP 2020 höchstens noch um 1,5 Prozent wachsen. Das würde für einige Volkswirtschaften eine Rezession bedeuten.

„Inzwischen ist auch klar, dass China im ersten Quartal das schwächste Wachstum seit mindestens 40 Jahren haben wird. Italien, Frankreich und Deutschland stehen voraussichtlich bereits in einer Rezession, sei es durch massive Produktionsausfälle oder auch durch Tourismusrückgänge und Absagen von Großveranstaltungen“, sagt Ulrich Stephan von der Deutschen Bank.

Außerdem werden die Folgen der Corona-Epidemie in China die deutsche Industrie, den Handel und auch die Agrarwirtschaft erst in den nächsten Wochen mit voller Wucht treffen, glauben einige Analysten. Ein Grund ist: Die Transportdauer von China nach Europa auf dem Seeweg beläuft sich auf etwa sechs Wochen. Daher schlagen die Auswirkungen des chinesischen Corona-Stillstands erst mit dieser Verzögerung auf Produktion und Handel in Europa durch. Aber auch die aktuellen Marktdaten aus China verheißen nichts Gutes – vielmehr sind die Auswirkungen auf die Wirtschaft noch weitaus schlimmer als bisher gedacht.

Noch nicht das Ende des Albtraums

Menschen mit Atemschutzmasken in chinesischem Supermarkt

Chinas Konsumausgaben und Wirtschaftsleistung brachen im Januar und Februar nämlich weitaus stärker ein als erwartet. Einige Ökonomen befürchten sogar, dass das chinesische Wirtschaftswachstum auf den niedrigsten Stand seit den 1970er Jahren abstürzen wird. Die chinesischen Einzelhandelsumsätze schrumpfte gegenüber dem Vorjahr jedenfalls um 20,5 Prozent, nachdem Einkaufszentren und andere Geschäfte Ende Januar geschlossen wurden. Dies zeigten aktuelle chinesische Regierungsdaten am Montag.

Die chinesische Fabrikproduktion brach um den Rekordwert von 13,5 Prozent ein, nachdem die Neujahrsfeiertage verlängert wurden, um die Arbeiter länger zu Hause zu halten. Die unerwartet düsteren Zahlen deuten darauf hin, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt trotz der Bemühungen, das verarbeitende Gewerbe und andere Industrien wiederzubeleben, sehr kräftig schrumpft, sagen Analysten.

„Dies ist noch nicht das Ende des Albtraums", schrieb die Analystin Iris Pang in einem Bericht. Sie senkte ihre Prognose für das chinesische Wirtschaftswachstum für das Gesamtjahr 2020 auf 3,6 Prozent. Das wäre das schlechteste Wachstum seit den 1970er Jahren, bevor Wirtschafts-Reformen Chinas großen Boom auslösten. Im laufenden Quartal könnte das Wachstum gegenüber dem Vorjahr um bis zu 6 Prozent schrumpfen. Das wäre der schlechteste Wert seit mindestens fünf Jahrzehnten, sagte der Analyst Larry Hu.

Koordiniertes Vorgehen wäre unbedingt nötig

China Wirtschaft

Angesichts der abstürzenden Weltwirtschaft wurden zwar zahlreiche Maßnahmen ergriffen – jedoch häufig ohne Koordinierung oder Absprachen, kritisieren Analysten. US-Präsident Donald Trump verbot überraschend Flüge aus Europa, was zum dramatischen Einbruch der Aktienmärkte führte. Die US-Notenbank, die Bank of England und die Europäische Zentralbank haben zwar Stützungs-Maßnahmen angekündigt -  jedoch nicht miteinander abgestimmt.

Am Montag wollen die Regierungschefs der G7-Staaten – also die USA, Frankreich, Italien, Großbritannien, Kanada, Japan und Deutschland – sich nun telefonisch über das weitere Vorgehen abstimmem. Doch Aktienmärkte, Rohstoffpreise und Wirtschaftsindikatoren sind bereits so tief gefallen wie zum dem großen Crash von 1987. Und die Märkte bleiben weiterhin ungewöhnlich volatil.

Das bisherige Geschehen steht im scharfem Kontrast zu dem koordinierten Vorgehen während der globalen Finanzkrise. Damals hatten die amerikanische Fed, die EZB, die Bank of England, die Bank of Canada am 8. Oktober 2008 gleichzeitig eine Zinssenkung um einen halben Prozentpunkt sowie weitere Maßnahmen ankündigt, als die Märkte zuvor einbrachen. Nur mit konsequenten und abgestimmten geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen wird es eine Erholung der globalen Wirtschaft im zweiten und dritten Quartal geben, sind Analysten überzeugt.

Deutscher Agrarhandel funktioniert noch

Getreidesilos

Die deutsche Agrarwirtschaft ist unmittelbar von den Folgen der Krise betroffen. Die BayWa AG hat jedoch angekündigt weiter ihre Versorgungsfunktion im Agrar-, Baustoffe- und Energiebereich zu erfüllen. Dazu will das Unternehmen alle Betriebe an den deutschen Standorten geöffnet halten, sofern keine behördlichen Auflagen dagegen sprechen. Gleichzeitig will man den Infektionsschutz für die eigenen Mitarbeiter und Kunden intensivieren.

„Wichtigstes Ziel muss es sein, Ansteckungsrisiken für unsere Mitarbeiter und für Menschen in ihrem Umfeld soweit wie möglich zu minimieren. Gleichzeitig müssen wir die Versorgungsfunktion insbesondere im ländlichen Raum bestmöglich erfüllen“, sagte der BayWa-Vorstandsvorsitzende Klaus Josef Lutz.

Im Landhandelsgeschäft melden die Unternehmen bislang noch keine größeren Probleme. Trotzdem rät man Kunden und Bauern, frühzeitig die Betriebsmittel zu bestellen, die für die Frühjahrssaison benötigt werden, um mögliche logistische Engpässen vorzubeugen“, sagt beispielsweise Henrik Madsen  von der HaGe Kiel. Am meisten fürchten die großen Agrarhändler jedoch Quarantäne-Maßnahmen. Dann könnte es jedenfalls bei in den Auslieferungslagern für Betriebsmittel oder auch bei Futtermitteln zu größeren logistischen Problemen kommen. Das würden auch die Bauern schnell merken.  

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