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Fortschritt und Produktivität

Digitalisierung: Der Fortschritt ist eine Schnecke

Digital
am Mittwoch, 22.01.2020 - 12:49 (1 Kommentar)

Die Digitalisierung stellt unsere Welt auf Kopf. Doch der wirkliche Fortschritt ist viel kleiner als man glaubt.

Das fanden die US-Ökonomen Tyler Cowen und Ben Southwood in einer Studie heraus. Sie beschreiben gerade für die letzte Dekade eine deutliche Abschwächung des Fortschritts in vielen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft - auch in der Landwirtschaft.

Dabei geht es aber nicht nur um Wirtschaft und Produktivität sondern auch um Patente, bahnbrechende Erfindungen, Gesundheit, Lebenserwartung und vieles mehr. Offenbar kann die Digitalisierung die zuvor gemachten Versprechen von Fortschritt und Wachstum – bisher jedenfalls -  nicht einlösen.

Und auch die Aussichten für die nächsten Jahre sind nicht viel besser, sagen die Forscher. Doch was sind die Ursachen für diese Entwicklung und wie sind sie zu erklären?

Fortschritt hat sich in vielen Bereichen verlangsamt

Digitalsierung

In ihrer Ende 2019 veröffentlichten Studie kommen Tyler Cowen und Ben Southwood zu dem Schluss: Einige der größten Debatten des letzten Jahrzehnts konzentrierten sich auf das Tempo der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Fortschritte. Der Streitpunkt ist: Die Geschwindigkeit der technologischen Innovation in der westlichen Welt haben sich in der letzten Dekade verlangsamt – trotz Digitalisierung.

Der Mitbegründer von Facebook und Paypal, Peter Thiel, sagte sogar, dass die jüngsten Beiträge der Tech-Welt erheblich überbewertet wurden. „Sie haben uns fliegende Autos versprochen, und wir bekamen nur 140 Zeichen (Instagram) bekommen.

Cowen und Southwood kommen in ihrer Studie ebenfalls zu dem Schluss: „Es gibt gute und weitreichende Belege dafür, dass sich die Geschwindigkeit des wissenschaftlichen Fortschritts tatsächlich verlangsamt hat. In den verschiedenen und teilweise unabhängigen Bereichen wie Produktivitätswachstum, Gesamtfaktorproduktivität, BIP-Wachstum, Patentanmeldungen, Forscherproduktivität, Ernteerträgen, Lebenserwartung und bei dem für die digitale Entwicklung wichtigen „Moore’schen Gesetz“ haben wir Bestätigungen für diese Behauptung gefunden.“

Moore's Gesetz gilt nicht mehr

Moore’s Gesetz war für den Fortschritt und das Tempo der Digitalisierung besonders wichtig. Vor 40 Jahren stellte Gordon Moore, der Gründer des US-Chiphersteller Intel, die These auf: Die Leistung von Computerchips wird sich regelmäßig alle zwölf Monate verdoppeln und der Preis halbiert. sich. Moore's Prophezeiung bestätigte sich zunächst, so dass sie Moore’s Law – also Moores Gesetz – getauft wurde.

Später passte Moore die Vorhersage auf eine Zeitspanne von zwei Jahren an. Doch auch dieses Wachstum ist nicht mehr zu halten – den es stößt auch an seine physikalischen Grenzen. Heute kann man mit einem PC und einem Betriebssystem, dass man vor 8 oder 10 Jahren angeschafft hat, noch ohne Probleme arbeiten. Dennoch bildete Moore's Gesetz die Grundlage für viele Zukunfts-Überlegungen in der digitalen Welt.

Das zweite Maschinenzeitalter - abgesagt?

Digitalsierung

Die US-Ökonomen Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee vom Massachusetts Institute of Technology, riefen auf der Grundlage von Moores Gesetz und den erwarteten digitalen Innovationen das „Zweite Maschinenzeitalter“ aus. Sie argumentierten: Die Digitalisierung ermöglicht technischen Fortschritt und dieser verbessert die Welt sowohl qualitativ als auch quantitativ. Es gibt eine deutlich bessere und größere Auswahl an Produkten und Dienstleistungen, viele werden digital bereitgestellt und somit sehr günstig und ständig verfügbar sein.

Das Problem ist nur: Die ökonomischen Daten sprechen eine andere Sprache. Das behauptet zumindest der renommierte US-Ökonom Robert J. Gordon. Er widerspricht den „Techno-Optimisten“, nach deren Meinung die gegenwärtigen digitalen Innovationen die Wirtschaft neu definieren und unser Leben massiv verbessern werden. Tatsächlich fällt das Produktivitätswachstum in den USA und in den meisten westlichen Ländern – trotz Digitalisierung - nämlich seit mehr als einem Jahrzehnt enttäuschend aus.

Grundlage der Aussagen und Erkennisse von Gordon sowie von Cowen und Southwood ist die sogenannte Gesamtfaktorproduktivität. Diese ist eine Art Sammelbecken für alle möglichen wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Indikatoren. Für Gordon ist sie sogar „unser bestes Maß für das Tempo von Innovation und technischem Fortschritt“.

Das Wachstum schwächt sich ab

Die Gesamtfaktorproduktivität ist nach Gordon in den USA von 1920 bis 1970 um 1,89 Prozent jährlich gestiegen. Von 1970 bis 1994 schwächte sich das Wachstum dann auf nur noch 0,57 Prozent ab. Dann gab es jedoch einen kräftigen Schub: Von 1994 bis 2004 erreicht der Zuwachs einen Wert von 1,03 Prozent pro Jahr. Dieses Zwischenhoch verursachten Computer und das Internet.

Doch die Dynamik durch die IT-Welt war nur kurzlebig, fand Gordon heraus. Tatsächlich schrumpfte die Gesamtfaktorproduktivität von 2004 bis 2014 wieder auf 0,4 Prozent. Und auf diesem Niveau, meint Gordon, wird es wahrscheinlich bleiben. Und die Realeinkommen in den USA sind von 1972 bis 2013 sogar gesunken – und auch in Europa war die Entwicklung nicht viel besser.

Der technische und wirtschaftliche Fortschritt hat sich offenbar dauerhaft verlangsamt – entgegen den Grundannahmen der digitalen Revolution. Diese Ergebnisse bestätigen auch Cowen und Southwood in ihren Untersuchungen.

Vor allem die Medienwelt hat sich verändert

Landwirt PC

Das vielen Menschen der technologische Fortschritt trotzdem ungeheuer schnell vorkommt, dafür hat Tyler Cowen eine Erklärung. „Was die Tech-Branche am tiefgreifendsten disruptiert hat, das waren die Medien. Und mit denen verbringen wir viel Zeit. Die Welt als Ganze habe die Branche aber nicht großartig verändert“, glaubt der US-Ökonom.

Das sieht auch Robert Gordon so. Er sagte: Schwaches Produktivitätswachstum mache eine schnelle wirtschaftliche Expansion und eine massive Verbesserung des Lebensstandards wie etwa Mitte des 20. Jahrhunderts unmöglich. Gordons glaubt auch, dass digitale Fortschritte wie etwa der 3D-Druck, künstliche Intelligenz und autonome Autos nur begrenztes Potenzial hätten, die Produktivität zu steigern.

Auch McAffee, der Autor der „zweiten Maschinerevolution“, ist mittlerweile etwas vorsichtiger. Er sagt, wenn er die Tech-Branche an ihren hochfliegenden Erwartungen misst, sogar die Gesundheit und die Lebenserwartung voranzubringen, dann sieht das nicht mehr so optimistisch aus. „Ich glaube nicht, dass wir uns solchen Zielen nähern“.

Paper: Is the rate of scientific progress slowing down? von Tyler Cowen Ben Southwood

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