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Ekosem Agrar: Übernehmen russische Banken Stefan Dürrs Lebenswerk?

Ekosem Milchviehhaltung in Nowosibirsk
am Dienstag, 27.07.2021 - 12:57 (3 Kommentare)

Der einstige deutsche Auslandspraktikant Stefan Dürr hat in Russland den größten Milchviehbetrieb in Putins Riesenreich aufgebaut. Jetzt wollen russische Banken den Gründer offenbar aus der Ekosem Agrar AG herausdrängen – gegen Dürrs Willen.

Die Ad hoc-Mitteilung, die Ekosem Agrar gestern Abend (26.7.) aussandte, ist kurz und karg, doch sie hat es in sich: Aus der Insiderinformation gemäß EU-Recht geht hervor, dass die Ekosem Agrar AG mit ihrem wichtigsten Finanzierungspartner, der russischen Landwirtschaftsbank Rosselkhozbank (RSHB) „in Diskussionen über die mittel- und langfristige Finanzierung der Gruppe befindet“. Ebenfalls mit am Verhandlungstisch ist die russische Sberbank.

In den Gesprächen geht es um die weitere Finanzierung des gigantischen Milchviehbetriebes und seiner Tochtergesellschaften. Aber auch eine „vorübergehende Mehrheitsbeteiligung“ der Rosselkhozbank an den operativen Töchtern von Ekosem wird geprüft. Mit anderen Worten, die russischen Banken wollen Stefan Dürrs Ekosem Agrar übernehmen.

Ekosem-Anleihen stürzen an der Börse Stuttgart ab

Stefan Dürr, Ekosem-Agrar AG

Wie aus der Mitteilung des Unternehmens weiter hervorgeht, hat die Rosselkhozbank versucht, Call-Optionen auf den Erwerb von Anleihen an den russischen Zwischenholdings der Ekosem-Gruppe auszuüben. Dagegen wehrte sich der Firmengründer gerichtlich. Ein Schiedsgericht in Woronesch gewährte der Gruppe laut eigenen Angaben vorläufigen Rechtsschutz. Ein Verhandlungstermin soll am 24. August stattfinden.

An der Börse stürzten die beiden Ekosem-Anleihen heute dennoch ab. Die Anleihe 2019/24 (ISIN: DE000A2YNR08) über rund 40 Mio. Euro verlor an der Börse Stuttgart bis zur Mittagszeit rund 15 Prozent. Auf diese Anleihe wird am 1. August ein Zinskupon von 7,5 Prozent fällig. Die Anleihe 2012/22 (ISIN: DE000A1R0RZ5) über 78 Mio. Euro fiel vorübergehend auf ein Jahrestief von 81 Prozent des Nennwertes, konnte sich aber bis Mittag wieder auf etwa 92 Prozent erholen; das entsprach einem Abschlag von knapp 10 Prozent gegenüber dem Vortag.

Eine Eigenkapitalquote von 12 Prozent macht verwundbar

Ekoniva Sortiment

Die russische Zeitung Kommersant berichtet unter Berufung auf Rechtsanwälte, dass es Stefan Dürr wohl sehr schwerfallen dürfte, der Bank unlauteres Verhalten nachzuweisen, um die Übernahme der Anteile durch das Kreditinstitut zu verhindern. Laut Kommersant sind die Eigentümer des Ekosem-Konzerns der Meinung, dass die Rosselkhozbank versucht, die Finanzierung des Unternehmens so zu stellen, dass sie die Optionen zur Übernahme von Anleihen ausüben kann.

Laut vorläufigen Geschäftszahlen erreichte die Bilanzsumme der Ekosem Agrar AG am 31. Dezember 2020 rund 1,9 Mrd. Euro. Während sich das Eigenkapital auf 234 Mio. Euro belief, betrug das Fremdkapital zum Stichtag 1,7 Mrd. Euro und bestand im Wesentlichen aus Finanzierungen von Banken und Anleihen.

Publikation eines attestierten Geschäftsabschlusses 2020 aufgeschoben

Laut Kommersant verhandelt die Holding mit Investoren über einen möglichen Verkauf eines großen Teils der Geschäftsanteile. Einen attestierten Abschluss für das Geschäftsjahr 2020 hat Ekosem noch nicht vorgelegt. Die laut Finanzkalender zum 30. Juni geplante Veröffentlichung wurde kurzfristig verschoben.

Die vorläufigen Geschäftszahlen weisen für 2020 ein Umsatzwachstum von 15 Prozent auf 464 Mio. Euro aus. Das operative Ergebnis kletterte von 92 Mio. Euro im Vorjahreszeitraum auf 99 Mio. Euro.

Vom Praktikanten zu Russlands größtem Milchbauern

Die Ekosem-Agrar AG, Walldorf, ist die deutsche Holdinggesellschaft der EkoNiva Gruppe, eines der größten russischen Agrarunternehmen. Mit rund 210.000 Rindern, davon über 110.000 Milchkühe, und einer Milchleistung von rund 3.200 Tonnen Rohmilch pro Tag ist die Gesellschaft der größte Milchproduzent in Russland. Die Holding bewirtschaftet etwa 630.000 Hektar an mehreren Standorten zwischen Leningrad im Westen und Nowosibirsk im Osten.

Gründer und Vorstand des Unternehmens ist Stefan Dürr, der seit Ende der 1980er Jahre in der russischen Landwirtschaft aktiv ist. Laut Unternehmensangaben hält er 58,8 Prozent der Anteile.

Dürr war der erste Auslandspraktikant, der über ein Austauschprogramm des Deutschen Bauernverbandes (DBV) nach Russland kam. Seinen ersten Betrieb in Russland erwarb der 57-Jährige im Jahr 2002.

EkoNiva und Ekosem-Agrar: XXL-Farm in Russland

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