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DLG-Unternehmertage

Extremwetter, Tierwohl, Umwelt: Sorgen der Landwirte lassen nicht nach

Bodenbearbeitung bei großer Trockenheit
am Freitag, 03.09.2021 - 11:20 (Jetzt kommentieren)

Zum Auftakt der Unternehmertage der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) am 2. und 3. September 2021 beschrieben und diskutierten Experten die Entwicklungen auf den globalen und deutschen Agrarmärkten. Ihren Einschätzungen zufolge haben derzeit nur die Getreidebauern Grund, um mit Zuversicht nach vorne zu blicken.

Trotzdem wurden selbst bei den Getreidebauern die Erwartungen in den letzten Wochen etwas getrübt: Nach den guten Prognosen für die Getreideernte ist die Ernte allenfalls durchschnittlich geworden, erklärt DLG-Präsident Hubertus Paetow bei der Eröffnung der Plenumsveranstaltung.

Tierhalter müssten mit sehr dynamischen Märkten umgehen und stünden deshalb vor existenziellen Herausforderungen, sagt Paetow. Bisher habe ein gleichbleibender Fleischkonsum den Markt immer stabilisiert, doch im Verhalten der Verbraucher gebe es Veränderungen. Der DLG-Präsident erwarte aber nicht, dass die Konsumenten ihr Verhalten in dem Maße ändern, das für die Erfüllung ihrer gewünschten Standards erforderlich wäre. Die Ergebnisse der Borchert-Kommission und der Zukunftskommission Landwirtschaft seien richtungsweisend, um diesen Konflikt auf marktpolitischer Ebene aufzulösen.

Vogel: Extremwetterereignisse in der Welt ließen die Getreidepreise steigen

Stefan Vogel von der Rabobank in London berichtet von sehr deutlich gestiegenen Getreidepreisen, die für die Zeit der letzten Dekade ein neues Hoch erreicht hätten. Für die Entwicklung sehe er die Extremwetterereignisse in vielen Regionen der Welt als wichtige Ursache. Die Getreidebestände in den Exportländern seien sehr klein geblieben; so wurde auch in Europa ein besseres Ergebnis als eine letztlich nur durchschnittliche Getreideernte erwartet. Zu noch viel geringeren Erntemengen als üblich führten Hitzewellen in Kanada und den USA. Frost- und Trockenheitsschäden habe es unter anderem in Russland gegeben, so Vogel. Beim Weizen gebe es ein weltweites Defizit. Das weltweite Nachfragewachstum beim Getreide insgesamt belaufe sich auf etwa 10 Mio. Tonnen, was etwa der Menge entspricht, die Russland und Kanada bei der Getreideernte in diesem Jahr weniger produzieren werden.

In Brasilien habe eine extreme Trockenheit das Ertragspotenzial beim Mais stark reduziert, was zu einem erheblichen Exportrückgang von 50 Prozent führen könne.

Unter den Erwartungen werde darüber hinaus das Ernteergebnis auf dem Ölsaatenmarkt zurückbleiben. So würden sich laut Vogel die Rapspreise in den nächsten Monaten gut entwickeln, wobei für Europa künftig eine Überversorgung zu erwarten sei. Extrem niedrig sei das Niveau bei den Sojabeständen in den USA. Vogel spricht von einer Katastrophe, die bei der Sojamenge in Brasilien und Argentinien auftreten könne.

Brede zur Agrarpolitik: Marktmacht des LEH ist eine logische Konsequenz

Über das Vorgehen des Einzelhandels in der Wertschöpfungskette für Fleischprodukte berichtete Wilfried Brede, Spezialberater Schwein bei STA Serviceteam Alsfeld. „Das Heft des Handelns ist der Regierung aus der Hand genommen worden“, stellt Brede fest. Da auf politischer Ebene nur diskutiert werde und es nicht zu Entscheidungen komme, sei absehbar, dass der Einzelhandel selbst aktiv werde.  

Mit der Ankündigung von Aldi vom 25. Juni 2021, ab 2030 nur noch Frischfleisch aus den Haltungsstufen 3 und 4 anbieten zu wollen, habe der Discounter „eine Duftmarke gesetzt“ und die anderen großen Unternehmen zum Nachziehen gezwungen.

Trotz Förderprogramme wie das der Initiative Tierwohl bleibe der Unternehmergewinn für Schweinemäster nach Bredes Berechnungen äußerst gering. Der Berater macht auf die äußerst schwierige Lage für Schweinehalter aufmerksam, die im Moment gegen einen deutlich negativen Unternehmergewinn von minus 24 Euro ankämpfen müssten.

Weiter werde die Situation dadurch verschärft, dass die Ferkelerzeugung in den Förderprogrammen außen vor gelassen werde und die Futterpreise exorbitant hoch seien, sagt Brede und ruft zu einem fairen und ehrlichen Umgang miteinander auf. Dazu gehörten für Landwirte klare Leitlinien und belastbare Planungshorizonte sowie Unterstützung bei der Einhaltung der bau- und immissionsschutzrechtlichen Vorgaben. Unter den jetzigen Umständen halte Brede eine Steigerung der Importe vom Schweinefleisch aus Spanien für wahrscheinlich.

Noch viel Potenzial für die Milchviehhaltung

Andreas Pelzer von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen stellt die Nachhaltigkeit und Digitalisierung in der Milchviehhaltung als Herausforderungen in den Mittelpunkt. Die Zukunft müsse komplex betrachtet werden, was bedeute, dass soziale und wirtschaftliche Aspekte der Nachhaltigkeit nicht ausgeblendet werden dürfen. Bei der Bewertung der Nachhaltigkeit schneide der Anbindestall beispielsweise gut ab, was die Berücksichtigung aller Aspekte verdeutliche.

Künftig werde die Digitalisierung viele Produktionsprozesse übernehmen, so Pelzer. Das setze jedoch Investitionen in Forschung und Entwicklung voraus. Dazu gehöre auch, „5G an jeder Milchkanne“ zu ermöglichen.

Rückblickend sei in der Milchviehhaltung, insbesondere beim Kuhkomfort, bereits viel erreicht und richtig gemacht worden. Anders sehe es laut Pelzer bei den Umweltwirkungen aus, wo die Entwicklung schon weiter sein müsse. Ansätze zur Verringerung von Emissionen und des Flächenbedarfs in der Milchviehhaltung gebe es bereits. Bestimmte Konzepte beziehungsweise Haltungssysteme – zum Beispiel Strohställe – müssten aber auch in ihrer Nachhaltigkeit hinterfragt werden.

Alternative Absatzwege: Marktgemeinschaft KraichgauKorn

Als Landwirt und Vorstand von KraigauKorn stellt Roland Waldi seine Marktgemeinschaft vor. Konventionelle Landwirte erzeugen hier ungespritzte Produkte und verkaufen sie an zwei regionale Mühlen und 40 Bäckereien, die der Gemeinschaft ebenfalls angehören. Über Hofläden und einen Online-Shop werden Erzeugnisse ebenfalls verkauft, berichtet Waldi.

Den positiven wirtschaftlichen Effekt für die Landwirte hob Waldi deutlich hervor. „Wir machen das, um Geld zu verdienen“, sagt er. In angespannten Marktsituationen habe den Mitgliedern immer eine Perspektive geboten werden können. Durch den Verzicht auf Pflanzenschutzmittel sei der Ertrag der Mitglieder etwa um 20 Prozent geringer. Damit höhere Preise vom Verbraucher akzeptiert werden, müsse erkennbar sein, wo und wie produziert werde. Für Waldi sei der Absatz über die Marktgemeinschaft auch deshalb eine echte Alternative, da die Politik zwar zuhöre, aber nichts ändere.

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