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Insolvenzen in der Agrarwirtschaft

Die größte Agrar-Pleite aller Zeiten: KTG-Agrar & Siegfried Hofreiter

ackerland.
am Freitag, 26.11.2021 - 12:27 (1 Kommentar)

Die größte deutsche Agrarpleite aller Zeiten liegt etwa 5 Jahre zurück. Die Dimensionen dieser Firmenpleite waren gewaltig und übertrafen alles bisher Dagewesene.

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Viele Investoren und Kleinanleger verloren viel Geld und wurden mit in den finanziellen Abgrund gerissen. Der Insolvenzverwalter Stefan Denkhaus hatte den Gesamtschaden während des Insolvenzverfahrens auf 600 Millionen Euro beziffert. Noch immer ranken sich zahlreiche Gerüchte und Legenden um das ehemalige Firmenimperium des bayerischen Landwirtes Siegfried Hofreiter.

Große Teile der untergangenen KTG-Agrar hat die komischerweise etwa zeitlich entstandene Deutschen Agrar Holding (DAH) übernommen, deren Eigentümer wiederum die Gustav-Zech-Stiftung aus Bremen ist. Doch was ist eigentlich aus Siegfried Hofreiter selbst geworden - fragen sich nicht nur Landwirte. Schließlich hatte er einen gigantischen Schuldenberg hinterlassen, der einmalig in der Geschichte der deutschen Agrar-Insolvenzen ist und in seiner Erstehung fast an die dubiosen Geschäftspraktiken des untergegangen Tech-Giganten Wirecard erinnert.

Insolvenzverwalter Denkhaus hatte die finanziellen Forderungen an Hofreiter und sieben weitere Vorstände und Aufsichtsräte bei der Abwicklung der KTG-Agrar vor dem Landgericht Hamburg auf 189 Millionen Euro beziffert. Ein Urteilsverkündung gab es damals (2019) jedoch nicht: Kläger und Beklagte einigten sich auf einen Vergleich.

KTG-Agrar: Schon viel früher überschuldet – 600 Mio. Schaden

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Doch noch einmal kurz einige Schritte zurück, um die Dimension der Pleite deutlich zu machen. Die KTG Agrar war bis zur Pleite mit 800 Mitarbeitern und mehr als 46.000 Hektar bewirtschafteter Fläche vor allem in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg der größte deutsche Agrarkonzern. Anfang Juli 2016 musste das börsennotierte Unternehmen einen Insolvenzantrag stellen. Im Oktober desselben Jahres beschlossen die Gläubiger, KTG Agrar abzuwickeln.

Laut einem Gutachten von Wirtschaftsprüfern für den Insolvenzverwalter Denkhaus war die KTG-Dachgesellschaft KTG Agrar SE allerdings schon spätestens zum 30. Juni 2015 überschuldet – also ein Jahr vor dem Insolvenzantrag. Im Insolvenzverfahren waren bei KTG Agrar 600 Millionen Euro Gesamtschulden aufgedeckt worden, bei insgesamt etwa 10.000 Gläubigern. Die hatten bereits im Oktober 2016 für die Abwicklung von KTG Agrar gestimmt, große Teile übernahm die Gustav-Zech-Stiftung aus Bremen.

Als KTG Agrar gingen Hofreiter, seine Lebensgefährtin und sein Bruder 2016 an die Börse. Doch den Finanzexperten war das Geschäftsmodell der Firma schon damals ein Rätsel, schrieb das Wirtschaftsmagazin Brand 1. „Im Wesentlichen", sagte Hofreiter am Emissionstag gegenüber dem Nachrichtensender n-tv, "wird das Geld des Börsengangs gebraucht, um Flächen und Agrarbetriebe anzukaufen und in erneuerbare Energien zu investieren.“

Doch die Wirtschaftsfachleute wunderten sich: „Zweieinhalb Millionen Euro Gewinn habe KTG Agrar im Vorjahr vorzuweisen gehabt. Halb so viel, wie das Unternehmen an Subventionen von der EU erhält“, hieß es weiter. Ziemlich mies war deshalb auch der Start der Aktie von KTG Agrar.

Siegried Hofreiter ist schon lange wieder zurück

hofreiter netzwerk.

Bereits 2016 hatte das Wirtschafs-Magazin Kapital berichtet, dass der ehemalige Vorstandschef von KTG Agrar, Siegfried Hofreiter, wieder zurück im Agrargeschäft ist. Nach Einschätzung von Capital und unter Berufung auf Einträge im Handelsregister, hat Hofreiter mit der Hilfe von Vertrauten und Weggefährten ein kleines Firmenreich in Mecklenburg-Vorpommern aufgebaut.

Bei den Unternehmen handelt es sich um einen Agrarproduktionsbetrieb, einen Dienstleister für landwirtschaftliche Maschinen und Personal sowie eine Firma, die mit Stroh und Pellets handelt. Diese Geschichte hat einige Zeit später auch die Ostseezeitung bestätigt. Außerdem lassen sich sämtliche Verflechtungen auch in den örtlichen Handelsregistern und Wirtschaftsauskunfteien nachlesen.

Danach ist der aus Bayern stammende Agrarunternehmer seit August 2017 offiziell auch als Vorstand des Usedomer Landguts Welzin AG eingetragen, ebenso wie seine Ex-Lebensgefährtin, die ostdeutsche Beatrice Ams. Mit ihr zusammen hatte Hofreiter auch sein gigantisches Agrarimperium aufgebaut.

Rein rechtlich spricht nichts gegen diese Konstruktion. „So lange er nicht rechtskräftig verurteilt ist, ist dagegen nichts einzuwenden“, sagt Wirtschaftsstrafrechtler Carsten Wegner gegenüber der Ostseezeitung. Erst nach einer Verurteilung wegen Insolvenzverschleppung oder Betrug würde ein Manager für fünf Jahre als Vorstand oder Geschäftsführer gesperrt.

Weitere Firmen und Aktivitäten

biogasanlage.

In der Nähe von Anklam befindet sich mit der Agrarproduktion GmbH außerdem ein Agrarbetrieb, bei dem Hofreiters Sohn Gesellschafter ist. Capital und Ostseezeitung hatten berichtet, dass auch die Firma „Stroh Express“, die sich auf ihrer Website als „zuverlässiger Lieferant für Qualitätsstroh in Europa“ bezeichnet zum neuen Konglomerat der Firmen gehört.

Eigentümerin und Geschäftsführerin ist laut Eintrag im Handelsregister Hofreiters ehemalige Lebensgefährtin. In der Nähe von Anklam (Vorpommern-Greifswald), gab es bereits zu KTG-Agrar-Zeiten mehrere kleine Firmen die zum Hofreiter-Imperium gehörten. Auch der Dienstleister Agroservice Nord-Ost ist unter der gleichen Anschrift aktiv. Der Agroservice Nord-Ost fimierte zuvor als Agroservice A.M.S.– als Eigentümerin ist im Handelsregister Hofreiters frühere Lebensgefährtin und Ex-KTG-Großaktionärin Beatrice Ams eingetragen.

Außerdem ist der gebürtige Regensburger Aufsichtsrat in zwei Stralsunder Firmen: der JWM Immobilien AG und der Ectus Verwaltungs AG mit Sitz in der Dänholmstraße, schreibt die Ostseezeitung. Zumindest die Agrarunternehmen Hofreiters sind weiter sehr aktiv, wovon man sich auch auf den Websites der Firmen überzeugen kann. Sowohl der Agrar-Dienstleister, der in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt aktiv ist, als auch der Strohhändler wachsen: Beide Firmen haben auf ihren Websites jeweils mehrere Vollzeitstellen ausgeschrieben.

Kommentar

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