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Gasversorgung

Lebensmittel und Medikamente haben bei Gasmangel Vorrang

Milchverarbeitung in einer Molkerei
am Mittwoch, 24.08.2022 - 13:40 (1 Kommentar)

Die Ernährungsindustrie kann auf Erdgas kaum verzichten. Wird das Gas im Winter knapp, will die Bundesnetzagentur den Schaden minimieren.

Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur

Zumindest Lebensmittel und Medikamente müssen im Fall einer akuten Gasknappheit weiterhin zur Verfügung stehen. Das hat der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, gestern (23.8.) nach Beratungen mit der niedersächsischen Landesregierung gesagt.

„Es gibt in einer Gasmangellage keine gute Entscheidung mehr, weil dann zu wenig Gas da ist. Wir versuchen, die Schäden dann zu minimieren“, erläuterte Müller.

Die Aussagen können dahingehend verstanden werden, dass bei einer Priorisierung der Gaskunden durch die Netzagentur die Lebensmittel- und die Pharmaindustrie einen gewissen Vorzug vor anderen industriellen Gaskunden bekämen.

Milchkühe geben weiter Milch, auch wenn kein Gas mehr fließt

Die Ernährungsindustrie ist auf eine stabile Gasversorgung dringend angewiesen. Das gilt insbesondere für die Verarbeitung von leicht verderblichen Rohstoffen wie Milch und Fleisch. Die Milchwirtschaft kann auf Gas kaum verzichten. Bei einem Lieferstopp würden wahrscheinlich große Teile der Verarbeitung binnen Tagen stillstehen. Das wäre auch für die Milchviehhalter dramatisch. Milchkühe hören nicht auf Milch zu geben, nur weil das Gas nicht mehr fließt.

Die Fleischindustrie braucht Erdgas, um ihre Lagerhäuser zu kühlen. Aber auch die Zuckerindustrie ist vom Energieträger Gas abhängig. Die Zuckerhersteller planen für den Herbst mit einer vorgezogenen und verkürzten Kampagne, um einer möglichen Gasmangellage Anfang 2023 aus dem Weg zu gehen.

Ernährungsindustrie könnte Erdgas nur zu 10 Prozent ersetzen

Laut einer Umfrage der Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie (BVE) unter 65 Mitgliedsunternehmen könnten diese im kommenden Winter Erdgas nur zu 8 bis 10 Prozent durch andere Energieträger ersetzen. Dabei käme überwiegend Heizöl statt Gas zum Einsatz.

„Wir müssen feststellen, dass der Wechsel von Erdgas auf andere Energieträger kurzfristig nur sehr begrenzt möglich ist“, sagt BVE-Hauptgeschäftsführer Peter Feller.

Für eine Umstellung auf klimafreundliche Energieträger und die damit verbundene Dekarbonisierung der Produktionsprozesse benötigten die Unternehmen eine mehrjährige Vorlaufzeit.

Drei Kriterien will die Netzagentur bei einer Gaszuteilung berücksichtigen

Füllstand der Gasspeicher in Deutschland

Netzagentur-Chef Müller erklärte, sollte es zu einer Priorisierung der Gasversorgung in der Industrie kommen, werde es mindestens drei Kriterien geben:

  • die Vermeidung betriebswirtschaftlicher Schäden,
  • die Berücksichtigung von Lieferketten sowie von
  • sozialen Auswirkungen.

So müsse sichergestellt werden, dass mindestens Lebensmittel und Medikamente weiterhin zur Verfügung stehen.

Wie Müller weiter erläuterte, wird derzeit eine Plattform programmiert, um die Gasversorgung digital steuern zu können. Sie soll zum 1. Oktober fertig werden. „Dann können wir auch digitale Individualverfügungen treffen, um eine Gasmangellage dann auch zu beherrschen und auszugleichen“, sagte Müller.

Mit Blick auf die privaten Verbraucher bekräftigte der Chef der Netzagentur, dass Haushalte, aber etwa auch Krankenhäuser, Pflegeheime, Schulen, Kitas und Polizeistationen auch bevorzugt weiter versorgt würden, wenn das Gas knapp werde.

Industrie sieht größeres Potenzial im Energiesparen

Die Ernährungsindustrie gehört zu den größten Erdgasverbrauchern im verarbeitenden Gewerbe: Rund 38 Terrawattstunden werden laut BVE-Angaben jährlich für thermische Prozesse und Stromerzeugung genutzt.

„Substitution ist nur eine Seite der Medaille,“ betont Peter Feller, „die andere stellt die Energieeffizienz dar.“ Es böten sich zahlreiche Maßnahmen an, um den Einsatz von Erdgas für die Raum- und Prozesswärme sowie die Produktion zu optimieren. Dazu seien oftmals keine oder nur geringe Investitionen nötig.

Mit Material von dpa, BVE
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