Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Die mächtigen Mimosen des Einzelhandels

Verängstigter Manager versteckt sich unter dem Tisch (Symbolbild)
am Mittwoch, 25.11.2020 - 14:00 (2 Kommentare)

Mit ihrem großen "Mimimi" wegen Klöckners Kritik blamieren sich die Einzelhandelsbosse als mächtige Mimosen. Ein Kommentar.

Das Topmanagement von Aldi, Lidl, Edeka und Rewe ist offenbar zart besaitet. Anders kann man die eingeschnappte Reaktion auf ein paar kritische Worte von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner nicht werten.

Frau Klöckner hatte sich kürzlich zu den teilweise unfairen Einkaufspraktiken der Handelsriesen geäußert: Nun könnte man erwachsen darauf reagieren und sich die Kritik zu Herzen nehmen. Aber die Herren der Einkaufswägen, Gemüsetheken und Tiefkühlpizzen weisen einen eklatanten Mangel an Bodenkontakt auf.

Abgehoben ob so viel Systemrelevanz

Einkaufswagen in einem niederländischen Supermarkt

In ihrem offenen Brief, mit dem sie sich über Klöckners Bemerkungen aufregen, verweisen sie auf ihre Systemrelevanz.

Klar: Sie versorgen täglich 83 Millionen Menschen mit Lebensmitteln, machen dabei jedes Jahr dreistellige Milliardenumsätze und beschäftigen Hunderttausende Mitarbeiter. Sie machen damit zweifellos einen systemrelevanten Job. Sie sind zu groß, um zu scheitern. Diese Spitzenstellung ist ihnen aber offensichtlich zu Kopfe gestiegen.

Wie eine fünfjährige Göre, die vom großen Bruder am Zopf gezogen wurde, rennen die mächtigen Handelsbosse zu Mutti Merkel und petzen. Das Schreiben der Einzelhandelschefs und ihrer Verbandspräsidenten an die Kanzlerin wegen Äußerungen von Agrarministerin Klöckner zum Gesetz gegen unlautere Handelspraktiken ist vor allem eines, nämlich unheimlich peinlich.

Von Diffamierung keine Spur

Die Chefs der Lebensmittelketten fühlen sich von Klöckner in beispielloser Weise „öffentlich diffamiert“. Sie sehen gar die Grenzen des politischen Anstands und der Ehrabschneidung überschritten. Mit Verlaub: Das ist lächerlich.

Wer sich die Pressekonferenz Klöckners, auf die sich der Brandbrief bezieht, im Originalton anhört, stellt fest, dass die Ministerin zwar deutliche Kritik am Verhalten des Einzelhandels gegenüber seinen Lieferanten übt. Aber von ehrabschneidenden Äußerungen oder Diffamierung kann nun wirklich keine Rede sein. Niemand wird persönlich angegriffen, es fallen keine Schimpfworte und der Ton ist keinesfalls übertrieben scharf.

Das Ideal des ehrbaren Kaufmanns hat gelitten

Fakt ist: Die Europäische Union hätte sich wohl kaum in jahrelangen Verhandlungen auf eine Richtlinie gegen die übelsten unlauteren Einkaufspraktiken (UTP-Richtlinie) verständigt, wenn das Ideal des ehrbaren Kaufmanns noch stilprägend für den Lebensmittelhandel wäre.

Die Verkaufsleiter vieler Molkereien, Wurst- oder Süßwarenhersteller können mit bitteren Anekdoten und unverschämten Schreiben der Einkaufsmanager aufwarten, die ein anderes Bild zeichnen. Das Bild eines Handels, der bei der Festlegung von Rabatten und Konditionen eine enorme Kreativität an den Tag legt. Ein Handel, der sehr wohl weiß, dass die Lieferanten darauf angewiesen sind, mit ihrer Ware ins Regal zu kommen.

Agrarbranche wird regelmäßig angegriffen

Gewiss, dass sich Vertreter der Wirtschaft oder bestimmter Berufsgruppen von Teilen dieser oder auch vorheriger Regierungen wegen populistischem Stimmenfang unsachlich und unfair angegriffen fühlen, ist absolut nachvollziehbar.

Erinnert sei nur an die „Neuen Bauernregeln“ von Umweltministerin Barbara Hendricks oder die kaum noch zu zählenden Attacken ihrer Nachfolgerin Svenja Schulze auf die Landwirte. Oder die heuchlerische Generalabrechnung von Arbeitsminister Hubertus Heil mit den Beschäftigungsverhältnissen in der Fleischindustrie, die unter SPD-Ministern jahrelang toleriert wurden.

Willkommen in der Wirklichkeit!

Man möchte den Handelsbossen zurufen: Willkommen in der Wirklichkeit! Unterhaltet euch doch mal mit Landwirten. Dann werdet ihr erfahren, was es tatsächlich bedeutet, zu Unrecht persönlich angegriffen und öffentlich verunglimpft zu werden, bis hin zum Mobbing der eigenen Kinder in der Schule. Die beleidigte Leberwurst kauft euch jedenfalls kein Verbraucher ab. Und erst recht kein Landwirt.

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