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Interview

Warum Michael Horsch die Digitalisierung hinterfragt

on_MichaelHorsch_hoehere Auflösung
am Montag, 29.04.2019 - 05:00

Was hat die Digitalisierung im Ackerbau eigentlich gebracht? Unternehmer Michael Horsch hinterfragt sich selbst und sein Handeln, aber auch die Entwicklungen der vergangenen Jahre. Für viele aus der Branche sind seine Aussagen eine Provokation.

Einige Mitstreiter haben mit Unverständnis reagiert. Wie begründen Sie denn Ihre Einschätzung?
Die Erkenntnis ist eigentlich ganz einfach. Ich habe Zugang zu vielen Betriebsdaten, die so in der Form nicht jeder hat. Seit 20 Jahren werten wir unsere eigenen Daten akribisch aus und vergleichen sie innerhalb einer Gruppe mit rund 80 Betrieben. Die meisten davon bewirtschaften Flächen zwischen 1.000 und 5.000 ha in Ostdeutschland, zum Teil auch in Tschechien und Polen. Wenn ich mir die Ergebnisse anschaue, dann sehe ich eines immer wieder ganz klar: Es gibt einen kausalen Zusammenhang zwischen Reinertrag und dem Grad an Digitalisierung. Und der geht nun mal diametral auseinander. Dafür muss man aber die Betriebsdaten vergleichen. Ein Großteil der Landwirte tut das eben nicht und glaubt, er sei gut, solange er Geld verdient. Viele würden sich wundern.

Das bedeutet, dass Betriebe mit weniger digitalen Lösungen die höheren Gewinne haben?

Genau, ich habe das im eigenen Laden erlebt, sogar in der eigenen Familie. Vor fünf Jahren steckten wir auf unserem Betrieb einen Haufen Geld in Tools, Drohnen und Technik. Wir haben alles digitalisiert. Ich selbst trieb den damaligen Betriebsleiter regelrecht hinein. Ich sagte zu ihm: Kauf mal die Software, sammle die Daten, nimm‘ Drohnenbilder auf. Zusätzlich stellte ich einen Studenten ein, der alles auswerten sollte. Am Ende brachte das alles nicht viel. Je Hektar hatten wir 300 bis 400 Euro Verlust. Meine Söhne übernahmen den Betrieb vor zwei Jahren und schmissen fast alles wieder raus, hängten eine Tafel zur Dokumentation an die Wand und holten am Ende des Jahres 1 Mio. Euro mehr aus dem Betrieb.

Das könnte ja auch an den unternehmerischen Fähigkeiten Ihrer Söhne liegen?

Für mich ist eins Fakt: Diejenigen, die am meisten Geld verdienen, haben eben nicht die allerneuesten Maschinen, nicht die neueste Siloanlage, keine drei Sekretärinnen und kein Digitalisierungsbüro. Das sind Multitalente. Ich bin auch Landwirt und kenne die Zusammenhänge. Ich sehe, dass viele nicht optimal arbeiten, einige gar Mist bauen.

Das Problem ist, dass der Landwirt nicht mehr raus aufs Feld geht, sondern im Büro Daten sammelt und verwaltet. Ich behaupte, dass diejenigen die höchsten Gewinne einfahren, die die meisten Kilometer über den Acker laufen. Darauf kommt es nämlich an und nicht, wie viel Gigabyte Daten im Jahr gesammelt werden. Das ist natürlich bewusst übertrieben und plakativ, was ich da sage, aber am Ende will ich wachrütteln.

Das klingt wie ein Sinneswandel. Schließlich haben auch Sie mit der Digitalisierung und den Versprechen an Landwirte viel Geld verdient.

Das stimmt. Wir als Unternehmen sind Treiber der Digitalisierung. Es muss aber auch erlaubt sein, das Getane zu hinterfragen. Und dabei stelle ich fest, dass das alles nicht so viel gebracht hat, wie wir uns erhofft und auch versprochen haben. Ich kann das nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, dass ich einfach so weitermache und Tools verkaufe für 5 Euro/ha. Das summiert sich. Theoretisch müssten gigantische Gewinne zusammen kommen. Das ist aber nicht der Fall. Ganz im Gegenteil. Und das ärgert mich so. An vielen Digitalisierungsstrategien ergötzen sich im Prinzip nur die Betriebsleiter. Im Prinzip führe ich die Kunden ein bisschen hinters Licht und dabei erwische ich genau den am Leichtesten, bei dem es eh nicht gut läuft – der nach dem Strohhalm greift.

Sie haben auch Betriebe in den USA. Verläuft die Entwicklung dort ähnlich?

In den USA findet schon länger ein Gleich- machen der Betriebe statt. Da gibt es einen Landtechnik-Hersteller John Deere mit rund 70 Prozent Marktanteil. Er beherrscht dazu die digitale Welt im Ackerbau und verkauft, bedingt durch seine Marktmacht, allen das Gleiche. Dort gibt es kein Benchmarking, so wie hier in Deutschland. Daher ist keinem bewusst, dass Landwirte in den USA auch ohne Software und Tools noch besser da stehen könnten.

Halten Sie Ihre Erkenntnisse für typisch für die gesamte Landwirtschaft oder eher speziell für den Ackerbau?

Nein, in der Tierproduktion ist es eher umgekehrt. Da ist der ganze Digitalisierungswahn sehr schnell messbar. Man merkt sofort, ob es was bringt oder nicht, wenn man der Kuh einen Transponder umhängt. Mit einem Melkroboter kann man eine Menge Zeit sparen und sich endlich wieder richtig um die Tiere kümmern. Auf dem Acker ist das Ergebnis viel schwerer messbar. Keiner weiß am Ende, warum er wirklich mehr verdient hat. Vielleicht lag es am Regen, an der Sorte, am Zeitpunkt der Aussaat oder am Precison Farming. Und das macht es so schwer.

Was wäre eine gute Alternative zu teurer Software für Ackerbauern?

Es gibt eine ganze Reihe an Dienstleistern mit Managementsystemen und Software, die wirklich etwas abliefern. Die arbeiten mittlerweile hochprofessionell und der Wettbewerb wird in diesem Bereich immer größer. Start-ups wachsen wie Pilze aus dem Boden, sodass die Dienstleistung bezahlbar wird. Schon allein bei der Umsetzung der Düngeverordnung lohnt sich ein externer Dienstleister. Es lässt sich ganz leicht prüfen, ob am Ende was bei rumkommt oder nicht – sprich bei den Gewinnen. Da muss man selber keine teure Software kaufen oder in Drohnen investieren.

Wie stellen Sie sich die digitale Zukunft im Ackerbau vor?

So wie sie bis jetzt gelaufen ist, ist die erste Welle der Digitalisierung für mich vorbei. Die richtige Digitalisierung beginnt erst jetzt. Alles, was mit künstlicher Intelligenz zu tun hat, steht in den Startlöchern. Uns interessiert das große Thema Autonomie. Da versuche ich natürlich, meinen eigenen Laden mitzunehmen. Technisch sind wir da sehr weit. Wir stecken aber fest, weil der Gesetzgeber es nicht zulässt, dass wir aktiv am Acker draußen forschen können. Wenn was passiert, befinden wir uns im rechtsfreien Raum. Wir bräuchten nur auf den Knopf drücken und es könnte losgehen. Das ist der Wahnsinn, das ist Zukunft!

Bei welchen Arbeitsgängen sind autonome Maschinen sinnvoll?

Es gibt Arbeiten, die kann man ganz einfach automatisieren. Natürlich fahrerlos – nur das ist interessant. Beim Mähdrescher spielt Autonomie keine Rolle. Da muss einer draufsitzen. Aber im Pflanzenschutz sind wir die Einzigen, die ein vollautonomfähiges Gestänge haben. Wir sind nur noch ein ganz kleines Stück von der Autonomie entfernt. Säen, düngen, das geht alles automatisch. Da spart man richtig Geld. Vor 20 Jahren habe ich mich schon mit dem Thema befasst und autonome Fahrzeuge gezeichnet. Nun warte ich drauf, dass uns endlich gesetzliche Bestimmungen den Einsatz von autonomen Fahrzeugen auf den landwirtschaftlichen Flächen erlauben.

Das heißt, Schlepperfahren gehört bald der Vergangenheit an?

Das Autonomisieren muss in den nächsten Jahren kommen, weil die Generation schon längst geboren ist. Die, die heute fünf Jahre alt sind und intuitiv mit allem, was digital ist, umgehen können, werden in einigen Jahren die Roboter auf dem Feld steuern. Mit diesen Aussichten können wir auch den Nachwuchs wieder für die Arbeit in der Landwirtschaft begeistern. Ich bin ja noch treckergeil gewesen, aber viele junge Leute wollen sich doch nicht mehr auf einen Schlepper setzen und ab und zu mal einen Knopf drücken. Es muss nicht mehr der größte Schlepper sein. Die Zeiten sind vorbei.

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