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Landwirtschaft und Solarenergie

Solarparks fressen Ackerland: Bauern verlieren große Flächen

solarpark.
am Mittwoch, 12.05.2021 - 11:58 (16 Kommentare)

Die einen sprechen von Goldgräberstimmung, die anderen von Flächenfraß und Gigantomanie.

Fakt ist: Der Bau riesiger Solarparks auf bis zu 300 Hektar Ackerland – das sind etwa 420 Fußballfelder - lässt niemanden kalt. Betreiber und Bauherren sind Energieunternehmen, Investoren, Kommunen und Landwirte. Die größten Solarparks entstehen derzeit im Osten – immer häufiger auf fruchtbarem Ackerland. Der Grund: Dort sind oft deutlich größere zusammenhängende Flächen verfügbar.

Die Verpächter bekommen in der Regel Pachtpreise, die weit über den mit Landwirtschaft erzielbaren Erlösen liegen – derzeit werden zwischen 1000 und 3000 Euro je Hektar geboten. In Brandenburg liegt die Durchschnittspacht für landwirtschaftliche Flächen bei 190 Euro und in Sachsen-Anhalt bei 290 Euro je Hektar. Die Verpächter bekommen also mehr als das Zehnfache der mit Landwirtschaft erzielbaren Pachterlöse.

Hinzu kommt die Laufzeit dieser Verträge beträgt 30 oder mehr Jahre und bedeutet für den Verpächter – im Vergleich zur Landbewirtschaftung – leicht verdientes Geld. Die für einen 30-Jahreszeitraum aufsummierten Pachtsummen liegen bei einer entsprechender Größe der Flächen schnell bei mehreren Millionen Euro – wie die aktuelle Beispielsrechnungen der Onlineseite landverpachten.de zeigen.

Gigantomanie frisst Ackerland

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Der Grund für den Boom ist relativ einfach: Die Kosten für Photovoltaik sind binnen eines Jahrzehnts um mehr als 80 Prozent gefallen. Damit ist für die neuen Großanlagen keine staatliche Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz mehr nötig.

Hinzu kommt: Die am Jahresanfang in Kraft getretene neue Förderung durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) förderte auch Großanlagen bis zum Abstand von 200 Metern an Autobahnen und Bahntrassen. Bisher waren es nur 110 Meter.

Diese Entwicklung hat in vor allem in Ostdeutschland einen regelrechten Boom beim Bau von gigantischen Solarparks ausgelöst. Denn: Neben den hohen Einnahmen verkauft man auch noch ein gutes Gewissen – nämlich etwas für den Klimaschutz zu tun. Deshalb sind auch viele Kommunen – wie etwa die Stadt Potsdam – mit dabei. Doch das ist nicht zuletzt wegen des erheblichen Verlustes von knappem Ackerland fragwürdig.

Betreiber und Finanziers sind oft große Energieunternehmen, wie etwa die südwestdeutsche EnBW. Aber auch sogenannte Investoren, Landwirte und, wie schon gesagt, auch Kommunen sind mit von der Partie. Und die Liste der geplanten Projekte wird immer länger und die Projekte immer größer.

Einige der spektakulärsten Großanlagen und Projekte, bei denen die Investitionssummen mitunter 100 Millionen Euro erreichen sind:

  • Solarpark Weesow-Willmersdorf (bei Berlin) auf 164 ha mit 187 Megawatt (MW)
  • Solarpark Satzkorn bei Potsdam auf 76 ha und mit 65 MW
  • Solarpark Haßleben, Boitzenburger Land auf 190 ha (ursprünglich 280 ha) mit jetzt 175 MW
  • Solarpark Sydower Fließ (bei Bernau) auf etwa 200 ha
  • Senftenberg (166 MW), Neuhardenberg ( 145 MW) und Groß Dölln (128 MW)

Proteste und Widerstand

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In vielen Regionen formt sich Protest – aus ganz verschiedenen Gründen. So sagt der Chef des Brandenburger Umwelt und Naturschutzbundes (BUND) Carsten Preuss gegenüber dem Onlineportal Niederlausitz aktuell: „Nun hat ein Wettrennen um die Ackerflächen begonnen. Ackerflächen für riesige Solarparks zu nutzen ist jedoch der falsche Weg. Stattdessen müssen Dachflächenpotentiale künftig konsequent für Photovoltaik-Anlagen genutzt werden.“ Ackerflächen sollen der Nahrungs- und Futtermittelproduktion dienen, betont der brandenburgische Umweltschützer.  

In der Gemeinde Tempelfelde hat sich vor dem Hintergrund des Baus einer gigantischen 200-ha-Solaranlage eine Bürgerinitiative gebildet. Man hat die Kommune und den Investoren zum Dialog aufgefordert – wobei der Investor in diesem Fall offenbar ein großer Landwirtschaftsbetrieb ist. Auffällig ist, dass sich die meisten Großanlagen im Moment auf den Osten konzentrieren – eben weil es hier große zusammenhängende Ackerflächen gibt.

Die Bürgerinitiative aus Tempelfelde erinnert in ihrem Aufruf deshalb auch an das Buch von Juli Zeh - Unter Leuten - dort ging die Sache für die beteiligten Landwirte jedenfalls nicht gut aus.

Der ehemalige Bürgerrechtler und Bundestagsabgeordnete der Grünen, Werner Schulz, sagt gegenüber dem RBB über die 200 Hektar-Mega-Anlage im ückermärkischen Haßleben: „Wir haben in Ostdeutschland viele Fehlentwicklungen erlebt - überdimensionierte Kläranlagen, falsch ausgewiesene Gewerbegebiete. Und wir haben es erneut mit etwas zu tun, wo so ein Wildwuchs ausgebrochen ist und der Osten wieder zum Experimentierfeld, in diesem Fall für Finanzhaie wird“.

Nach Schulzes Meinung sollte man deshalb ein Moratorium vereinbaren – also die Genehmigungen ausetzen -–, um solche Mega-Vorhaben zunächst einmal zu stoppen und dann zu entscheiden wie es weitergehen kann. Das will im übrigen auch der BUND.

Deutlich höherer Flächenverbrauch als bei Windkraft

Der Brandenburger Landwirtschafts- und Umweltminister Axel Vogel (Grüne) sagte gegenüber dem RBB, dass nicht nur die Uckermark im Visier der Investoren ist, wo inzwischen für 1.500 Hektar Anfragen vorliegen. „In allen Landkreisen Brandenburgs gibt es Investoren auf der Suche nach geeigneten Flächen. Der Grund ist einfach: Mit dem Solaranlagen lässt ein viel mehr Geld verdienen als mit dem Anbau von Getreide. „Das sehen wir als ausgesprochen problematisch an“, sagt der Minister.

Interessanterweise hat die Bodenverwertungsgesellschaft (BVVG) die seit der Wende ostdeutschen Flächen verkauft, bereits 2017 auf Betreiben Brandenburgs entschieden, keine Flächen mehr zur Photovoltaik-Nutzung abzugeben. Hintergrund war damals eine Initiative der Freien Wähler Brandenburg, die sich dagegen gewandt hatte „Nahrungsproduktion und lokale Landwirtschaft den erneuerbaren Energien zu opfern“.

Das brandenburgische Landwirtschaftsministerium begründet den Stopp der Ausschreibungen damals auch mit der schlechteren Effizienz im Vergleich zur Windenergie. Photovoltaik-Anlagen würden 83-fach mehr Fläche als Windkraftanlagen für die gleiche Energiemenge benötigen, hatte das Brandenburger Ministerium damals festgellt. Das ist nun aber offenbar nicht mehr wichtig.

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