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Kommentar

Warum Tönnies nicht verkaufen darf

Firmenschild bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück
am Freitag, 19.03.2021 - 14:50 (5 Kommentare)

An Clemens Tönnies scheiden sich die Geister. Aber ein Verkauf seiner Gruppe an internationale Multis wäre ein Desaster. Ein Kommentar.

Noch ist es nicht mehr als ein Gerücht, aber ein besorgniserregendes nichtsdestotrotz: Die Inhaber der Tönnies-Gruppe wollen ihr Familienunternehmen angeblich verkaufen. Das berichtet die Agentur Bloomberg unter Verweis auf Insiderinformationen.

Das Gemunkel schlug ein wie eine Bombe. Alle Fachmedien griffen die Story über Nacht auf. In den sozialen Netzwerken wird emsig diskutiert, warum Clemens Tönnies wohl sein Lebenswerk verkaufen will. Der Patriarch selbst beteuerte in einem Rundschreiben an Mitarbeiter und Lieferanten, des Fleischgeschäfts keineswegs müde zu sein. Ein kraftvolles Dementi klingt indes anders.

Gründe für einen Ausverkauf gibt es genug

Clemens Tönnies

Und tatsächlich: Es fallen einem auf Anhieb mehrere Gründe ein, warum Clemens Tönnies auf die Idee kommen könnte, Kasse zu machen. Da wären zum einen die seit Jahren andauernden Streitigkeiten mit Neffe und Mitinhaber Robert. Da wären die heftigen Attacken auf Clemens Tönnies persönlich als Chef-Ausbeuter von Landwirten und Leiharbeitern gleichermaßen – sowohl von Nicht-Regierungsorganisationen als auch aus der Politik. Die Angriffe reichten dabei von Werksbesetzungen bis zu einem Anschlag auf das private Wohnhaus.

In der Corona-Pandemie wurde Tönnies ebenso zur Zielscheibe teilweise völlig substanzloser Vorwürfe, die Hygiene zu vernachlässigen, wie er auch immer wieder in der Tierwohl-Debatte als Punching Ball dient. Und da wäre noch ein Grund: Die Gelegenheit zum Ausstieg ist günstig. Chinesische Investoren kaufen rund um den Erdball strategisch wichtige Industrien und Infrastruktur.

Ein harter Hund, aber auch ein verlässlicher

Genau darin liegt in meinen Augen das Besorgniserregende: Sollte die Tönnies-Gruppe in die Hände internationaler Multis gelangen wie Tyson Foods, der brasilianischen JBS oder der chinesischen WH Group, wäre das ein schwerer Schlag für die deutschen Schweinehalter und auch die Verbraucher.

Sicher ist Clemens Tönnies kein Kind von Traurigkeit, wenn es darum geht, unternehmerisches Wachstum voranzutreiben und dabei satt Geld zu verdienen. Aber ihm eilt auch der Ruf voraus, ein verlässlicher Geschäftsmann zu sein. Er ist schlau genug, die Wünsche seiner Kunden, vor allem des Lebensmitteleinzelhandels, flexibel und zuverlässig zu erfüllen. Er weiß, wie viel Luft er den Schweinehaltern zum Überleben lassen muss. Und er ist eine treibende Kraft der Fleischwirtschaft, wenn es um Verbesserungen für das Tierwohl geht.

Ein systemrelevantes Unternehmen auf Abwegen

Ich höre schon das wutschäumende Gebrüll der Kritiker: Wie kann man einen Clemens Tönnies so verherrlichen? Doch das hat mit Verherrlichung nichts zu tun, sondern mit Fakten, die nur leider nicht jedem ins gepflegte Weltbild passen. Sollten die Multis bei Tönnies einsteigen, werden ihn sich selbst seine schärfsten Kritiker noch zurückwünschen.

Dann wird der Preisdruck auf die deutschen Schweinehalter immens zunehmen. Dann wird das größte Unternehmen der inländischen Fleischwirtschaft keine konstruktive Rolle mehr spielen bei der Weiterentwicklung der Branche. Dann wird nicht einmal sicher sein, dass die riesigen Schlachtkapazitäten, die für die zuverlässige Versorgung des Lebensmitteleinzelhandels unverzichtbar sind, in erster Linie noch der Ernährung der deutschen Verbraucher dienen.

Fakt ist: Ein Unternehmen, das für rund ein Drittel der deutschen Schweineschlachtungen steht, ist – um ein Modewort unserer Zeit zu gebrauchen – systemrelevant. Und darum sollte im Zweifelsfall die Politik dafür sorgen, dass die Tönnies-Gruppe nicht an internationale Schlachtkonzerne verscherbelt wird.

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