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Milchwirtschaft

Darum verbietet Milcobel seinen Milchbauern zu kündigen

Milchkühe im Hohen Venn in Belgien
am Dienstag, 13.04.2021 - 13:30 (2 Kommentare)

Die Molkerei Milcobel lehnt Kündigungen ihrer genossenschaftlichen Milchbauern ab. Lesen Sie, wie und warum das geht.

Die größte belgische Molkerei, die Genossenschaft Milcobel, lässt derzeit keine Milchbauern ziehen. Kündigungen sind vorübergehend nicht möglich. Diese Nachricht auf agrarheute wurde vorige Woche (7.4.) unter deutschen Milcherzeugern viel beachtet und diskutiert. Wie kann es sein, dass eine Genossenschaft das Kündigungsrecht ihrer Mitglieder einseitig einschränkt? Wir haben nachgefragt beim belgischen Marktführer.

Warum setzt Milcobel die Kündigungen aus?

Der Vorstand von Milcobel begründet den Schritt mit den überwiegenden Interessen der loyalen Mitglieder der Genossenschaft und des Unternehmens selbst. Durch eine Riesenwelle von Kündigungen sieht die Firmenleitung nämlich den normalen Geschäftsbetrieb in Gefahr. Und nach Darstellung der Unternehmensführung darf der Aufsichtsrat gemäß den Statuten der Genossenschaft das Ausscheiden von Mitgliedern befristet aussetzen, wenn ansonsten die Fortsetzung des regulären Betriebsablaufs unterbrochen werden könnte. Durch den massiven Abfluss von Milchmengen wäre diese Gefahr offenbar gegeben. Darum hat der Aufsichtsrat jetzt die Notbremse gezogen.

Wie viel Milch hat Milcobel verloren?

Nach Angaben des Unternehmens haben allein vom 1. Januar bis zum 31. März dieses Jahres 373 Milcherzeuger ihre Mitgliedschaft gekündigt. Mit diesen Bauern verliert Milcobel im laufenden Kalenderjahr rund 250 Mio. kg Milch. Normalerweise verarbeitet das Unternehmen jährlich etwa 1,7 Mrd. kg Milch; das entspricht etwa 40 Prozent des belgischen Milchaufkommens.

Wann können Milcherzeuger die Genossenschaft wieder verlassen?

Bis zum 1. Juli 2021 ist die Möglichkeit zur Kündigung ausgesetzt. Dann soll die reguläre Kündigungsfrist von drei Monaten wieder greifen. Da Kündigungen in der zweiten Jahreshälfte aber laut Statuten als zum 1. Januar des Folgejahres eingereicht gelten und dann erst die dreimonatige Kündigungsfrist zu Laufen beginnt, können die nächsten Milcherzeuger die Genossenschaft effektiv erst zu Beginn des neuen Milchwirtschaftsjahres am 1. April 2022 verlassen.

Rechnet Milcobel danach mit einer weiteren Austrittswelle?

Das wird ein Wettlauf gegen die Uhr. Die Molkerei durchläuft derzeit einen tiefgreifenden Wandel. Im Mai 2020 trat mit Nils van Dam ein neuer Vorstandschef an. Im Juni wurde ein neuer Aufsichtsrat berufen. Die neue Leitung will die Milchverarbeitung auf Produkte mit höherer Wertschöpfung konzentrieren. Unrentable Aktivitäten seien eingestellt oder wirtschaftlich verbessert worden. Außerdem soll das internationale Geschäft ausgebaut werden.

Auf dieser Basis sah Milcobel sich in der Lage, den Milcherzeugerpreis seit Januar um insgesamt 4 Euro je 100 kg anzuheben. Dennoch lag die Molkerei im internationalen Milchpreisvergleich des niederländischen Bauernverbandes (LTO) für den Monat Februar rund 4 Euro unter dem Durchschnittspreis und damit weiter auf dem letzten Platz.

Jetzt muss sich zeigen, ob die neue Unternehmensstrategie schnell genug Ergebnisse abwirft, um einen weiteren Rohstoffverlust zu vermeiden.

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